Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart

Detailbild:1930

Uhlenhoff, Rahel (Hrsg.)

Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart

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Erscheinungsjahr 2011
Preis 39,00inkl. ges. MwSt.
ISBN 978-3-8305-1930-0
Bestell-Nr. 1930
Gewicht 1230 g
Sachgruppe Lebensfragen und Anthroposophie
Rubrik Einzeltitel
Einband Hardcover
Sprache deutsch
Umfang 806
Lagerbestand: Auf Lager

 

Weitere Informationen

Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin, biologisch-dynamische Landwirtschaft und ethisch-ökologisches Bankwesen leisten gern konsumierte sowie gelegentlich gewürdigte Gesellschaftsbeiträge und bilden mit diesen im Kontext der Alternativkultur eine Bewegung: die anthroposophische Bewegung. Wenig bekannt sowie geschätzt ist bislang jedoch, dass neben dieser pluralen Bewegung auch eine öffentliche Gesellschaft existiert: die Anthroposophische Gesellschaft. Und heute zunehmend zitiert, aber kaum kanonisch rezipiert ist die Inspirationsquelle beider, Rudolf Steiners Philosophie vom Menschen: die Anthroposophie.
Rudolf Steiner hat die Anthroposophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst als Philosophie formuliert, dann zu ihrer Pflege eine Gesellschaft gegründet und schließlich aus dieser heraus berufspraktische Anregungen gegeben. Die Akteure der anthroposophischen Philosophie, Gesellschaft und Bewegung blicken anlässlich seines 150. Geburtstagsjahres auf eine nunmehr 100-jährige Wirkungsgeschichte zurück. Und die akademische Esoterikforschung beginnt nun, die Anthroposophie rückwärts von den Praxisfeldern über die Gesellschaftsgeschichte bis zu ihren Philosophiequellen zu erschließen.
Der Sammelband Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart möchte zu dieser jüngst eröffneten Debatte einen Beitrag zum Dialog zwischen akademischer und anthroposophischer Wissenschaft leisten. Er bietet Laien wie Akademikern eine systematische Einführung in Kontext, Genese, Idee und Wirkungsgeschichte der anthroposophischen Philosophie, Gesellschaft und ihren Praxisfeldern.

 

Rezensionen

Profunde Einführung
Als Antwort auf Helmut Zander gedacht, liefert ein neuer Sammelband grundlegende Einblicke in Theorie und Praxis der Anthroposophie.

Von Jens Heisterkamp

Als Helmut Zander im Jahr 2007 sein zweibändiges Opus Anthroposophie in Deutschland vorlegte, wurde seine historisierende Einordnung von Steiners Werk in der Öffentlichkeit dankbar aufgegriffen: Endlich eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Impulses, der man vielfach mehr vertraute als anthroposophie-internen Darstellungen. Dass Zander weithin zum Experten für Anthroposophie avancierte, dessen Urteil man in Presseberichtungen, TV- und Radiosendungen heranzog, hinterließ freilich in der anthroposophischen Szene einen schalen Nachgeschmack: Geht doch in der kritisch dekonstruierenden, oft ironisch gebrochenen Sicht des Historikers auch vieles Wesentliche unter und ruft nach ergänzender Erläuterung.
Diesem Impuls folgend hat nun die Historikerin Rahel Uhlenhoff versucht, in einem Sammelband den von Zander gespielten Ball aufzugreifen. Das von ihr herausgegebene Werk wirkt mit knapp 800 Seiten Umfang schon äußerlich imposant. Es liefert Einführungstexte zum Charakter der Anthroposophie und überblicksartige Darstellungen zu fast allen relevanten Lebensfeldern. Dabei sind grundlegende Texte entstanden, die man so zuvor noch nicht kannte. Die fundamentale Untersuchung von Jörg Ewertowski zu Steiners Geistbegriff etwa, die unter Rückgriff auf die neuere Konstellationsforschung weder dem anthroposophischen Klischee vom kontextüberhobenen „Geistesforscher“ huldigt, aber auch nicht dem simplen historischen Spielchen „Wo hat er’s her?“ erliegt. Robin Schmidts Darstellung zur Geschichte der AG oder David Hoffmanns Text über den biographischen Weg Steiners stechen ebenfalls als gediegene Arbeiten hervor. Erfreulich erscheint, dass in dem Band endlich einmal nicht nur die Waldorfpädagogik, sondern auch die gesellschaftlich oft unauffällige, aber dafür umso stetigere anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie gewürdigt werden.
Nur selten erliegen die beteiligten Autoren der Versuchung, im Duktus in eine Verteidigungsschrift abzugleiten. Das gilt etwa für die leicht apologetisch wirkende Art, wie Uwe Werner die Rassismus-Vorwürfe zurückweisen will und streckenweise auch für den einleitenden Text der Herausgeberin selbst, die neben manchen genialen Bezügen (die Goetheanum-Architektur als Wahrnehmungs-Geste!) Zander mitunter wie einen Sparrings-Partner behandelt, mit dem es nachträglich abzurechnen gälte. Wenn Uhlenhoff Zander etwa vorhält, nach welchen alternativen (und durchaus wissenschaftskonformen Ansätzen) er sein Werk hätte konzipieren sollen – wo er doch ganz ausdrücklich nichts mit den Inhalten der Anthroposophie zu tun haben wollte –, dann wirkt das schlicht wie verlorene Liebesmüh’. Andere Autoren erledigen fällige Korrekturen Zanders mehr nebenbei. Regelrecht wohltuend etwa belegt Christoph Strawe den emanzipatorischen Gestus von Steiners Dreigliederungsimpuls, der von Zander und anderen allzu flott und unwissend als „aristokratisch“ oder gar demokratiefeindlich etikettiert wurde.
Die Reihe der versammelten Autoren kann sich sehen lassen. Ob der Sammelband allerdings auch die Hoffnung erfüllen kann, in der wissenschaftlichen Community ernst genommen zu werden, darf allein deshalb schon bezweifelt werden, weil nur Wenige der Beteiligten selbst im akademischen Umfeld etabliert sind. Entstanden ist dennoch ein so noch nicht dagewesenes Kompendium der Anthroposophie in ihren Grundlagen und Wirkensfeldern, das sich vor der Öffentlichkeit nicht zu verstecken braucht.

Anthroposophie im Dialog, November 2011

Gründliche Bestandsaufnahme der Anthroposophie
Der äußere Anlass dieser reichhaltigen Sammlung von Beiträgen verschiedenster Autoren war zwar das Erscheinen von Helmut Zanders Anthroposophie in Deutschland. Man merkt es diesen jedoch an, dass in sie Material eingearbeitet wurde, das auch unabhängig davon im Entstehen und Reifen war. Durch gemeinsam erarbeitete Richtlinien wurde versucht, den einzelnen Beiträgen ein einheitliches Gesicht zu verleihen und doch den Autoren den ihnen und ihrem Thema gemäßen Spielraum zu gewähren. So vielfältig wie die Autoren sind dann auch die jeweiligen Schwerpunkte, Interpretationen und Thesen.
Auch wer mit einigen oder gar vielen Hypothesen und Schlussfolgerungen nicht einverstanden ist, wird durch diese Studien angeregt und bereichert. Es ist mit denselben weder intendiert, ein letztes Wort zu sprechen, noch eine umfassende Deutungshoheit zu beanspruchen. Vielmehr soll ein Anfang, ein Auftakt vorgelegt werden, an dem sich weitere Studien anschließen können. Und das scheint gelungen zu sein. Erfreulich ist, dass sich die einzelnen Beiträge da und dort auf Zanders Werk beziehen und mit gut belegter sachlicher Kritik nicht zurückhalten; darüber hinaus steht jedoch nicht die Auseinandersetzung mit seinem Werk im Vordergrund, sondern die oft bis in die Gegenwart reichende historische Aufarbeitung des jeweiligen Themas. Bewusst gesetzte Ausnahmen bilden die »Methodologischen Reflexionen« von Albrecht Hüttig sowie die einleitenden Bemerkungen der Herausgeberin, die sich schwerpunktmäßig mit Zanders Prämissen und methodischem Vorgehen auseinandersetzen. Es werden in eigenständigen Beiträgen einige Facetten der Geistesgeschichte der Anthroposophie, der Vereinsgeschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und der Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Einrichtungen untersucht. Ins Einzelne gehend werden einzelne Themen aus den folgenden Fachbereichen behandelt: Philosophie und Theologie (D.-M. Hoffmann, J. Ewertowski), Naturwissenschaft (W. Schad), Anthroposophische Christologie (G. Röschertj, Anthroposophie und Theosophie (A. Hantscher, R. Schmidt], Bildende Künste (R. Halfen), Waldorfpädagogik (J. Kiersch), Anthroposophische Heilpädagogik (B. Schmalenbach), Anthroposophische Medizin (M. Glöckler, M. Girke, H. Matthes), Biologisch-dynamische Landwirtschaft (M. Klett), Anthroposophischer Sozialimpuls (Gh. Strawe), Individuum und Rasse (W. Werner). Die Gründlichkeit und Ausführlichkeit der einzelnen Beiträge, die in der Regel sorgfältige Referenzierung des verwendeten Materials und die Differenzierung zwischen Fakten und Hypothesen bereitstellen, ermöglichen eine eigene Prüfung und Abwägung der dargestellten Ergebnisse und schaffen eine solide Grundlage für weitere Forschungen. Ein leicht lesbares Buch ist daraus natürlich nicht entstanden, umso mehr aber ein weitgehend verlässliches Nachschlagewerk, aus dem man sich mit informativem Gewinn und umfassenden Referenzen in bestimmten Themen und Fragestellungen einarbeiten kann. Dazu verhelfen auch ein separates Namen- und Sachregister. Die Differenziertheit und Weitläufigkeit der einzelnen Beiträge verbietet es, auf kleinem Raum eine individuelle Charakteristik derselben vorzulegen. Dies hat bereits die Herausgeberin in kompetenter Weise geleistet. Als Fazit kann festgehalten werden, dass mit der Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart eine gründliche Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Wissens und Interpretierens von kompetenten und ihre eigenen Standpunkte einbringenden Autoren vorliegt. Es ist kein Mangel des Buches, dass manche Themen nur spärlich oder gar nicht behandelt wurden wie unter anderem Psychologie. Editionswissenschaften, darstellende Künste, Architektur, Mathematik etc. Die Auswahl gibt ein repräsentatives Bild der Leistungen Steiners und einiger seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für Entstehung, Entwicklung und Ausbreitung der Anthroposophie.

Renatus Ziegler
Die Drei. Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben
April 2012

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