BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH
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Die Friedens-Warte Ausgabe 3 / 2015
Die Friedens-Warte, 1899 gegründet von Alfred Fried, ist als älteste Zeitschrift im deutschsprachigen Raum für Fragen der Friedenssicherung und der internationalen Organisation ein zentrales Forum der friedenswissenschaftlichen Diskussion. Neben dem fachlichen Austausch innerhalb und zwischen den friedenswissenschaftlichen Disziplinen will die Zeitschrift traditionell einen Beitrag dazu leisten, das für eine Politik der aktiven Friedensgestaltung erforderliche Fachwissen in die politische Praxis zu vermitteln.
0 Der „Islamische Staat“
Der selbsternannte „Islamische Staat“ scheint verschieden von anderen uns bekannten Terrororganisationen. Seinem Plan, mittels brutaler und medienwirksam inszenierter Gewalt Land zu erobern und zu kontrollieren, haftet etwas Archaisches an. Diese Ausgabe der „Friedens-Warte“ untersucht das Phänomen näher: Wie unterscheidet sich der IS von Terrorgruppen wie Al- Qaida? Welche Bedeutung kommt der „Landnahme“ in strategischer und religiös-ideologischer Hinsicht zu? Haben wir es mit einem „Staat“ im Werden zu tun? Was bringt junge Menschen, insbesondere Frauen, dazu, sich dem IS anzuschließen? Auf welche völkerrechtlichen Grundlagen lassen sich Militäreinsätze gegen den IS stützen? Ergänzt wird das Heft durch einen Beitrag, der Peacebuilding vor dem Hintergrund der Einbeziehung nichtstaatlicher Akteure als ein polyzentrisches Governance-Problem interpretiert.
2 Editorial
Andreas von Arnauld, Tobias Debiel, Christian Tomuschat
Abhandlungen
5 The Status of the ‘Islamic State’ under International Law
Notwithstanding the name it has given itself, the “Islamic State” (IS) remains a criminal terror organisation that enjoys none of the sovereign rights of a State under international law. The IS does not meet any of the constitutive criteria of a State: territory, population, governmental authority. Its main activity is located in the territory of States that, although deeply weakened by internal anarchy, still enjoy the recognition of the international community. Accordingly, the arbitrary control exercised by the IS over some territorial fragments in Iraq, Libya and Syria lacks the requisite consolidation. Moreover, as speci cally borne out by the case of Rhodesia (Zimbabwe), the international community is not prepared to acknowledge sovereign rights of an entity that on its part categorically rejects the basic principles of the international legal order. Even though the IS lacks the legal status of a State, any State victim of an armed attack by it enjoys the right of self-defence even in the absence of the consent of the State that holds territorial jurisdiction. When after the eventual defeat of the IS criminal prosecution will have to be instituted against the members of the murderous battle units of the IS, the international community, given the vast dimensions of the crimes committed, will have to face up to challenges of almost insurmountable dimensions if it insists on conducting the relevant trials according to the procedural guarantees inherent in the rule of law.
6 The Right of Self-Defence under Article 51 of the UN Charter against the Islamic State in Iraq and the Levant
Airstrikes against the Islamic State in Iraq and the Levant (ISIL) are being conducted by the U.S., UK, Australia, France, Russia and others. Most States do not intervene on the territory of another State without attempts of legal justi cation: the principle claim is that their actions are covered by the right to self-defence under Article 51 of the UN Charter – but this claim appears to be on shaky legal ground. Self-defence as an exception to a core provision of the UN Charter (the prohibition of the use of force) should be construed narrowly. An “armed attack” has to “occur” in order for a State being able to rely upon individual self-defence. Only under very exceptional and narrowly construed circumstances are anticipatory acts in accordance with Article 51 of the UN Charter. Furthermore, the notion of “armed attack” does not include Non-State Actors – however, self-defence can be triggered by attacks committed by de facto regimes. It is submitted to treat ISIL as such a de facto regime, meaning that its violations of Article 2 (4) of the UN Charter can lead to the right to self-defence by victim States and, upon their request, third States.
7 „Bleiben und Ausdehnen“: Ideologie, Organisation und Strategie des „Islamischen Staats“
Die Rahmenbedingungen im Nahen und Mittleren Osten gaben der dschihadistischen Gruppe des „Islamischen Staats“ die Möglichkeit, Gebiete zu erobern und ihre Vorstellungen von einer sala stischen Gesellschaftsordnung umzusetzen. Sowohl die Utopie des Kalifats als auch haushaltspolitische Zwänge begründen die strategischen Ziele der Konsolidierung und Expansion des Quasi-Staats. Die Gegenstrategie der Eindämmung einer weiteren Ausdehnung kann daher ein geeigneter Ansatz zur Schwächung der ISGruppe sein. Elemente militärischer Bekämpfung bergen jedoch das Risiko, dass die organisatorische Resilienz der Gruppe gestärkt wird und sich ihre Mobilisierungschancen erhöhen.
8 Heimkehr ins Kalifat? Historische Ursprünge und gegenwärtige Folgen der sakralen Geographie des Dschihadismus
Da das Phänomen „Islamischer Staat“ nicht ohne Analyse der ideologischgeographischen Referenzräume des Dschihadismus zu verstehen ist, widmet sich dieser Beitrag einer raumpolitischen Analyse dieses sunnitischen Fundamentalismus. Verwendet wird dafür ein dreidimensioniertes Analyseschema. Erstens wird die sakrale Geographie des Dschihadismus verdeutlicht, indem historische Erinnerungsorte und utopische Sehnsuchtsnarrative des Islam beschrieben werden. Zweitens werden unter dem Stichwort einer mikropolitischen Raumpraxis individualistische Merkmale dschihadistischer Radikalisierung in ihrem Bezug zur Krise einer muslimischen Diaspora unter Globalisierungsbedingungen erläutert. Drittens widmet sich eine Beschreibung geopolitischer Dimensionen den Wechselwirkungen zwischen dschihadistischen und weltpolitischen Dynamiken, um jene globalisierte Eskalation des Dschihadismus nach „9/11“ kritisch zu skizzieren, deren Konsequenzen bis zu aktuellen Flüchtlingsbewegungen in Europa reichen.
9 Territorium als Faktor terroristischer Gewalt: Der „Islamische Staat“ und die Auswirkungen territorialer Kontrolle
Der Artikel betrachtet die Vor- und Nachteile, die sich für den IS aus der Kontrolle seiner Gebiete im Irak und Syrien ergeben, und untersucht den Ein uss des Territoriums auf die Anwendung terroristischer Gewalt. Neben den materiellen Auswirkungen wird auch die ideologische Konzeption des IS von Territorium in die Überlegungen einbezogen. Es wird argumentiert, dass sich territoriale Kontrolle kurz- bis mittelfristig für den IS positiv auswirkt, ihm das gehaltene Gebiet jedoch langfristig durch einen abnehmenden Grenznutzen zunehmend Probleme bereitet. Es werden drei Thesen daraus abgeleitet: Territorium bietet einen Anreiz zu Terrorismus, erleichtert dessen Anwendung und verändert die Logik terroristischer Gewalt.
10 Women Fighters in the “Islamic State” and Al-Qaida in Iraq: A Comparative Analysis
Until February 2016, there were no confirmed cases of female combatants with the so-called “Islamic State” (IS). How can the change now taking place be explained? Focusing on individual, organisational, societal and securityrelated aspects, this paper identifies the causal factors for the inclusion of female fighters in IS and in a very similar terrorist organisation, Al-Qaida in Iraq. The comparative analysis of the two organisations shows that it is highly likely that the first confirmed case of female IS fighters in Libya in February 2016 will not remain an exception if, in the group’s perception, the security context continues to change in favour of IS’s opponents.
Freier Beitrag
11 Fragmentierte Friedenssicherung: Potenziale und Probleme polyzentrischen Regierens in gewaltzerrütteten Gesellschaften
Durch vielfältige Privatisierungstrends ist die Trennung von öffentlicher und privater Autorität im Bereich der Friedenssicherung teilweise aufgehoben worden, nicht zuletzt im Umfeld von UN-Missionen sowie bei der Gewährleistung öffentlicher Sicherheit. Diese Entwicklung begünstigt ebenso wie die zunehmende Anerkennung von lokalen Autoritäten die Herausbildung polyzentrischer Governanceformen, die weder durch liberale noch durch post-liberale Ansätze angemessen erfasst werden. Gewaltzerrüttete Gesellschaften oszillieren typischerweise zwischen diesen polyzentrischen und eher oligopolistisch geprägten Formen des Regierens. Die Folge ist ein asymmetrischer Schutz vor Bedrohungen, der kaufkräftige Partikulargruppen und klientelistische Netzwerke begünstigt und durch einen Mangel an Inklusion und Verantwortlichkeit geprägt ist. Der Beitrag skizziert zwei Strategien, dem entgegenzuwirken: die Neu-Erfindung öffentlicher Autorität einerseits sowie das Experimentieren mit neuen Formen lokaler Demokratie andererseits.

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