BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH
Image 4 / 2010
Die Friedens-Warte Ausgabe 4 / 2010
Die Friedens-Warte, 1899 gegründet von Alfred Fried, ist als älteste Zeitschrift im deutschsprachigen Raum für Fragen der Friedenssicherung und der internationalen Organisation ein zentrales Forum der friedenswissenschaftlichen Diskussion. Neben dem fachlichen Austausch innerhalb und zwischen den friedenswissenschaftlichen Disziplinen will die Zeitschrift traditionell einen Beitrag dazu leisten, das für eine Politik der aktiven Friedensgestaltung erforderliche Fachwissen in die politische Praxis zu vermitteln.
0 ZIVILGESELLSCHAFT UND FRIEDEN
Angesichts der seit Mitte der 1990er Jahre wachsenden Bedeutung gesellschaftlicher Akteure in der Konfliktbearbeitung will „Die Friedens- Warte“ in ihrer neuesten Ausgabe Möglichkeiten und Grenzen dessen ausloten, was die Zivilgesellschaft in von Krieg und Krisen geprägten Ländern, aber auch in sicherheitsrelevanten Politikfeldern zur Förderung des Friedens beitragen kann. Hierbei liegt der Schwerpunkt sowohl auf lokalen als auch auf internationalen Nichtregierungsorganisationen. Begleitet von der generellen Einsicht, dass zivilgesellschaftliche Akteure Friedensbemühungen stets nur ergänzen können und somit nicht mit unrealistischen Erwartungen zu überfrachten sind, werden Strategien zur Förderung ihrer Tätigkeit, ihr bisheriges Engagement sowie ihr Zusammenspiel mit anderen Akteuren kritisch beleuchtet und Bedingungen herausgearbeitet, unter denen sie die ihnen zugeschriebenen Aufgaben effektiver erfüllen können.
7 Rezensionen
Paffenholz, Thania (ed.): Civil Society and Peacebuilding: A Critical Assessment.
Reiber, Tatjana: Demokratieförderung und Friedenskonsolidierung. Die Nachkriegsgesellschaften von Guatemala, El Salvador und Nicaragua.
Kramer, Daniel Robert: Kommerzielle Sicherheitsakteure in Konfl iktregionen. Organisationen und Instrumente der Koordination von staatlichen und kommerziellen Sicherheitsakteuren.
Kümmel, Gerhard (Hg.): Streitkräfte unter Anpassungsdruck. Sicherheits- und militärpolitische Herausforderungen Deutschlands in Gegenwart und Zukunft.
Krüger, Heiko: Kosovo, Abchasien, Südossetien und das internationale Sezessionsrecht.
8 Autorinnen und Autoren
Autorinnen und Autoren dieses Heftes.
Abhandlungen
2 NROs als Friedensbringer? Möglichkeiten und Grenzen
Der folgende Beitrag beleuchtet die Möglichkeiten und auch die Grenzen dessen, was NROs in Krisen- und Konfl iktländern zur Förderung des Friedens leisten können. Der Artikel liefert sowohl eine evidenzbasierte Bestandsaufnahme als auch eine kritische Refl ektion. Nach kurzer Begriffsklärung und Zusammenfassung von verschiedenen Ansätzen in Forschung und Praxis stellt der Text sieben mögliche Funktionen vor, die eine Zivilgesellschaft in Konfl iktsituationen zur Friedensförderung leisten kann. Im Anschluss wird die Relevanz und Effektivität zivilgesellschaftlichen Engagements entlang der Funktionen untersucht. Der Artikel basiert auf den Ergebnissen eines mehrjährigen Forschungsprojekts und kommt zum Ergebnis, dass NROs in Konfl ikten auf vielerlei Weise Beiträge zur Reduktion von Gewalt und Förderung von Frieden leisten können, jedoch eine genaue Betrachtung ihrer Relevanz und Wirkung wichtig ist. Die Wirkungen zivilgesellschaftlichen Engagements werden reduziert durch ein hohes Gewaltniveau, besonders autoritäre oder schwache Regierungen, polarisierte Massenmedien sowie durch die Art und Weise, wie Interventionen geplant und umgesetzt werden. Berücksichtigt werden muss aber immer, dass zivilgesellschaftliches Engagement politisches Handeln nicht ersetzen kann.
3 Verhaltensänderung durch Normdiffusion? Die Ansätze von IKRK und Geneva Call im Umgang mit bewaffneten Gruppen
Während sich staatliche Akteure im Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren häufi g schwer tun, haben transnationale NGOs Strategien entwickelt, die die Verbreitung und allgemeine Beachtung internationaler Normen unter den Gewaltakteuren zum Ziel haben (Normdiffusion). Ihr Anliegen ist es, nicht-staatliche Gewaltakteure davon zu überzeugen, humanitäre Völkerrechtsnormen zu beachten und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) bietet daher nicht-staatlichen Gewaltakteuren Schulungen im humanitären Völkerrecht an und klärt sie über ihre Verpfl ichtungen zum Schutz der Zivilbevölkerung in militärischen Operationen auf. Die Organisation Geneva Call betreibt Aufklärung im Bereich Antipersonenlandminen und unterstützt nicht-staatliche Gewaltakteure bei der Minenräumung und der Zerstörung ihrer Minenbestände. Doch mit welchen Methoden und unter welchen Bedingungen kann es dem IKRK und Geneva Call gelingen, auf nicht-staatliche Gewaltakteure in der Weise einzuwirken, dass diese ihr Verhalten ändern und sich an internationalen Normen orientieren? Der Beitrag analysiert die Probleme und Risiken, aber auch die Chancen der Normdiffusion zwischen dem IKRK beziehungsweise Geneva Call und nicht-staatlichen Gewaltakteuren.
4 Zivilgesellschaftliche Beiträge zur Überprüfung nuklearer Rüstungskontrollverträge
Im Politikfeld der internationalen Rüstungskontrolle hat sich die Zivilgesellschaft zunehmend einbringen können. Wegen der besonderen Sensitivität sind die Möglichkeiten bei der Überprüfung der Vertragseinhaltung im nuklearen Nichtverbreitungsregime aber stark eingeschränkt. Dieser Beitrag zeigt zunächst das partielle technische Versagen der offi ziellen Verifi kation des Nichtverbreitungsvertrages (NVV) auf und stellt dessen politische Behinderungen dar. Durch die eklatanten Lücken in der zur Entdeckung von geheim gehaltenen Anlagen wurden schon kleine Beiträge durch die Zivilgesellschaft höchst brisant. Zunehmend werden Daten für die Zivilgesellschaft verfügbar, mit denen mögliche Vertragsverstöße gegen den NVV und den umfassenden Teststoppvertrag exponiert werden können. Anhand von Fallbeispielen wird aufgezeigt und dann systematisch analysiert, welche Beiträge die Zivilgesellschaft auf verschiedenen Stufen der Verifi kation und mit unterschiedlichem Einbindungsgrad in die offi ziellen Verfahren leisten kann.
5 Zivilgesellschaft und Friedenskonsolidierung. Erfahrungen in Bosnien-Herzegowina
Internationale Organisationen haben seit Mitte der 1990er Jahre die Bedeutung gesellschaftlicher Akteure in der Friedensförderung hervorgehoben. „Stärkung von Zivilgesellschaft” wurde zu einem Schlüsselbegriff in internationalen Missionen der Nachkriegskonsolidierung und ihr werden wichtige Demokratisierungspotenziale zugeschrieben. Grundsätzlich ist das gestiegene Interesse für die gesellschaftlichen Akteure positiv zu bewerten, allerdings sollte man sie nicht mit unrealistischen Erwartungen überfrachten. Am Beispiel von Bosnien-Herzegowina zeigt dieser Beitrag Widersprüche, Probleme und Dilemmata externer Bemühungen um Friedenskonsolidierung auf. Dabei werden sowohl die Anstrengungen zum Aufbau demokratischer Strukturen und staatlicher Institutionen als auch jene zur Förderung der Zivilgesellschaft betrachtet. Der Aufsatz kommt zu dem Schluss, dass die Maßnahmen sehr ambivalente Wirkungen entfalteten, zu wenig aufeinander bezogen waren und sich auf fragwürdige Konzepte und Prämissen gründeten. Strategien der Friedensförderung in ethnopolitischen Konfl ikten bedürfen der Modifi zierung.
6 Frieden in Afghanistan: Durch wen? Mit wem? Zur Rolle lokaler zivilgesellschaftlicher Schlüsselakteure und NGOs für einen bottom-up-Friedensprozess
Frieden kann in Krisenregionen weder militärisch noch durch Diplomatie abgesichert werden. Der Zivilgesellschaft wird daher eine größere Verantwortung bei der Bearbeitung von Gewaltkonfl ikten und in der Konfl iktnachsorge eingeräumt. In Afghanistan arbeiten hierbei internationale Organisationen mit afghanischen Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen. Sie stehen vor den Herausforderungen, aus fragilen informellen personengebundenen Machtstrukturen von Ältesten, Mullahs, ehemaligen Kommandeuren etc. die geeigneten Partner zu identifi zieren oder mit afghanischen Nichtregierungsorganisationen mit schwachen Bezügen zur Zivilgesellschaft zu kooperieren. Der bisherige Demokratisierungsprozess in Afghanistan fi ndet bei lokalen Machtakteuren wenig Akzeptanz. Eine konsequente Anwendung von Do-No-Harm-Regeln bei allen zivilen Interventionen und eine systematische Einbeziehung von AfghanInnen, um Friedenspotentiale zu identifi zieren, könnte die Nachhaltigkeit von politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen in Afghanistan erheblich erhöhen.

Kontakt

BWV | Berliner Wissenschafts-Verlag
Markgrafenstraße 12–14
10969 Berlin

Tel.: +49 30 84 1770 0
Fax: +49 30 84 1770 21
E-Mail: bwv@bwv-verlag.de

Ansprechpartner

Kontaktieren Sie uns!


programmierung und realisation © 2018 ms-software.de