BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH
Image 3 / 2006
Die Friedens-Warte Ausgabe 3 / 2006
Die Friedens-Warte, 1899 gegründet von Alfred Fried, ist als älteste Zeitschrift im deutschsprachigen Raum für Fragen der Friedenssicherung und der internationalen Organisation ein zentrales Forum der friedenswissenschaftlichen Diskussion. Neben dem fachlichen Austausch innerhalb und zwischen den friedenswissenschaftlichen Disziplinen will die Zeitschrift traditionell einen Beitrag dazu leisten, das für eine Politik der aktiven Friedensgestaltung erforderliche Fachwissen in die politische Praxis zu vermitteln.
Doppelheft 3-4/2006
0 SICHERHEITSBEDROHUNGEN IN OSTASIEN: F-W HEFT 3-4
Der ostasiatische Raum ist in ständiger Bewegung und sicherheitspolitisch eine „black box“. China baut seine Stellung als Großmacht militärisch und wirtschaftlich aus. Nordkorea droht mit einem eigenen Atomwaffenprogramm und schießt Langstreckenraketen ab, die Japan überqueren. Die japanische Regierung ist auf dem Weg, sich aus dem pazifistischen Korsett zu befreien, das ihm die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs auferlegt hatten. Während die politische Integration Südostasiens allmählich vorankommt, wenn auch im Zeichen einer modernen Pax Sinica, stagnieren entsprechende Bestrebungen in Ostasien vor dem Hintergrund anhaltender sino-japanischer Spannungen und tiefer Interessengegensätze in den Sechs-Parteien-Verhandlungen auf der koreanischen Halbinsel.
9 Rezensionen
Makrides, Vasillius N. / Rüpke Jörg (Hg.): Religionen in Konflikt. Vom Bürgerkrieg über Ökogewalt bis zur Gewalterinnerung im Ritual. Von Jodok Troy.
10 Autorinnen und Autoren
Autorinnen und Autoren dieses Heftes.
Einleitung
Abhandlung
3 Eine neue Pax Sinica? Chinas Außenpolitik im Kontext bedrohter Sicherheit in Ostasien
Chinas (Wieder)Aufstieg zur Regional- und sogar zur Weltmacht gilt aufgrund der raschen Wirtschaftsentwicklung des Landes in der letzten 25 Jahren und seiner zunehmend aktiven Außenpolitik als unstrittig. Dieser Aufstieg wirkt sich nicht zuletzt auf die Nachbarstaaten Chinas in Nordost- und Südostasien aus. Sie versuchen, sich für die Möglichkeit eines künftigen aggressiveren Verhaltens der Volksrepublik abzusichern und halten an den USA als weiterhin wichtigstem sicherheitspolitischen Partner fest. Eine neue Pax Sinica ist angesichts der fortdauernden US-Präsenz und wegen der Stellung Japans in der Region derzeit nicht am Horizont.
4 Krise und Identitätswandel – Japanische Sicherheitspolitik seit Beginn der neunziger Jahre
Thema des Beitrags ist der theoretische Zusammenhang zwischen exogen verursachten Krisen und dem sicherheitspolitischen Identitätswandel eines Landes. Als Fallbeispiel dient die Sicherheitspolitik Japans seit dem Beginn der neunziger Jahre. Der sicherheitspolitische Identitätswandel Japans wird anhand dreier „Schübe“ oder Krisen untersucht: Die erste Krise fällt in das Jahr 1994 mit der Kündigung des Atomwaffensperrvertrags durch Nordkorea und die unmittelbare Gefahr einer militärischen Konfrontation des nordkoreanischen Regimes mit den USA. Die zweite Krise fällt in das Jahr 1998. Der nordkoreanische Raketentest im August des Jahres führte dazu, dass Japan seine Verwundbarkeit erstmals unmittelbar vor Augen geführt wurde. Schließlich sorgten die Ereignisse des 11. September 2001 für einen dritten Schub im japanischen Identitätswandel, der sich, so das Argument dieses Beitrags, fünf Jahre nach den Anschlägen auf den Bündnispartner USA in einem Maße verfestigt hat, dass eine Rückkehr in die Zeit der militärischen Enthaltsamkeit unmöglich ist.
6 Von den Sechs-Parteien-Verhandlungen zu einer ostasiatischen „OSZE“?
Dieser Artikel diskutiert den Ansatz, ob das einst im Kalten Krieg erfolgreiche Modell der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa für Nordostasien tauglich ist. Aufgrund der Nuklearkrise in Nordkorea befindet sich die nordostasiatische Region im Spannungsfeld der wichtigsten politischen Mächte. Die Sechs-Parteien-Gespräche sollen die Ambitionen Nordkoreas, ein eigenständiges Atomprogramm zu entwickeln, unterbinden. Doch wegen des fehlenden Vertrauens in der Region, des historisch belasteten Verhältnisses zwischen China und Japan, der Erpressungspolitik Nordkoreas, der „Zuckerbrot- und Peitschen-Politik“ der USA und der außenpolitischen Emanzipierungsversuche Südkoreas wird die Notwendigkeit eines nachhaltigen Sicherheitsregimes immer größer. Dieser Artikel erörtert, ob sich aus den Sechs-Parteien-Verhandlungen zukünftig ein solches Regime in Nordostasien entwickeln könnte.
7 Die Grenzen des Regionalismus in Ostasien
Obwohl es in Nord- und Südostasien eine Reihe von vielversprechenden, sich häufig überlappenden Ansätzen zu einem vertieften Regionalismus und einem qualitativen Multilateralismus gibt, hat dies bisher nicht zu straff institutionalisierten und die Akteure politisch bindenden Strukturen geführt. Das gilt nicht zuletzt für die Perspektive einer ostasiatischen Sicherheitsgemeinschaft. Ausschlaggebend sind dafür – neben der sino-japanischen Konkurrenz um regionale Suprematie – vor allem einzelstaatliche Nationalismen, andauernde Vorbehalte geben nationalen Souveränitätsverzicht und – damit eng verbunden – machtpolitische Imperative der einzelnen Akteure in der Region. Ostasien braucht deshalb einen „wohlwollenden Hegemon“ – eine Rolle, die derzeit nur die USA spielen können.
Abhandlungen
5 Sicherheit in Ostasien: Eskalationspotentiale und Konfliktprävention
Obwohl die Verhandlungen über das nordkoreanische Atom(waffen)programm nun bereits mehr als zwölf Jahre andauern, konnten in diesem Rahmen bisher keine substantiellen Fortschritte erzielt werden. Stattdessen haben sie zu einer Verhärtung der Positionen aller Beteiligten und dem Lancieren im- wie expliziter Drohungen beigetragen. Das von der chronisch krisenanfälligen und kaum berechenbaren Volksrepublik Korea ausgehende Bedrohungspotential geht jedoch über dessen tatsächliche Handlungen hinaus: Abgesehen vom Eskalationspotential auf der koreanischen Halbinsel könnten ohnehin vorhandene Spannungen in Ostasien durch ein Fortbestehen des Konflikts weiter angeheizt werden. Solchen Entwicklungen gilt es entgegenzuwirken, wobei aufgrund der begrenzten Einflussnahmemöglichkeiten auf Pjöngjang selbst Strategien zur regionalen Konfliktprävention in den Vordergrund rücken müssen.
Historische Miszellen
8 Die Koreanische Demokratische Volksrepublik: Wiedervereinigungs- und Sicherheitsstrategien 1966-1989
Die Koreanische Demokratische Volksrepublik (KDVR) betrieb eine Wiedervereinigungspolitik mit Südkorea, die in den sechziger Jahren zunehmend militante Züge annahm. Insbesondere in der Zeit von 1966 bis 1969, als die kommunistische Vormacht in Ostasien durch die Kulturrevolution gebunden war, setzte Nordkorea auf revolutionär-militärische Lösungen. Als diese spektakulär scheiterten, bot der chinesisch-amerikanische Ausgleich ab 1971 die Option einer friedlichen Vereinigung der koreanischen Halbinsel auf evolutionärem Wege. Südkoreanische Innenpolitik und Desinteresse an einer Internationalisierung der Koreafrage verhinderten ein ernsthaftes Ausloten dieser Gelegenheit. Von Mitte der siebziger Jahre bis 1989 lähmten militärische Abschreckung und ökonomischer Aufschwung in Südkorea in Verbindung mit nordkoreanischen Wirtschaftsproblemen eine offensive Wiedervereinigungspolitik der KDVR.

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