Zwischen monarchischer Autokratie und bürgerlichem Emanzipationsstreben

Straubel, Rolf

Zwischen monarchischer Autokratie und bürgerlichem Emanzipationsstreben

Beamte und Kaufleute als Träger handels- und gewerbepolitischer Veränderungen im friderizianischen Preußen (1740-1806)

Reihe Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Band-Nr. 63
Bestell-Nr 3016
ISBN 978-3-8305-3016-9
erschienen 22.03.2012
Format Hardcover
Umfang 563
Gewicht 896 g
Preis 69,00
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Noch immer werden die großen „Haupt- und Staatsaktionen“ meist den Monarchen oder Ministern zugeschrieben, entschied also der königliche Feldherr eine bedeutende Schlacht und nicht sein General, regte ein Ressortchef eine wichtige Neuerung an und nicht der ihm assistierende Rat. Vorliegende Untersuchung versucht für die Wirtschaftspolitik im friderizianischen Preußen, eine nur scheinbar trockene Materie, aufzuzeigen, daß es häufig eben nicht die im Vordergrund stehenden Akteure waren, die entscheidende Weichenstellungen vornahmen, sondern Beamte aus der zweiten Reihe, die ihrerseits enge Kontakte zu namhaften Bankiers, Kaufleuten, Unternehmern pflegten und deshalb bestens mit den Entwicklungen in Handel und Gewerbe vertraut waren. Infolgedessen gingen wichtige Modifikationen nach dem Regierungswechsel von 1786 weniger auf den Monarchen oder dessen Berater J. C. Woellner und H. E. D. von Werder zurück, sondern auf kompetente „Wirtschafts-“ und „Bildungsbürger“.

Am Beispiel von F. W. Tarrach und J. C. F. Stelter kann darüber hinaus das enge Wechselspiel von Berliner Fach- und Potsdamer Kabinettsbeamten dokumentiert werden, die durch den Austausch von Informationen die eigene Stellung zu stärken und Entscheidungsprozesse zu beeinfl ussen suchten. Hingegen steht der Memeler Kaufmann Johann Simpson für jene „Wirtschaftsbürger“, die aufgrund von Ausbildung, Vermögen, in- wie ausländischen Kontakten in der Lage waren, maßgeblichen Einfl uß auf die Geschicke ihrer Heimatorte und ganzer Landesteile zu nehmen, dabei nicht immer nur Eigennutz verfolgend.
Rezensionen
Nicht ohne Einfluss
Wie Bürger in Preußen indirekt mitregierten
Bis heute wird in der einschlägigen Literatur der Anschein erweckt, als ob in der frühen preußischen Monarchie die wichtigsten innenpolitischen Entscheidungen allein vom König getroffen oder allenfalls von einem seiner Minister vorbereitet worden wären. Doch auch Kaufleute, Reeder und Räte hatten ebenfalls einen wesentlichen Anteil und trugen so zum wirtschaftlichen Aufschwung der preußischen Monarchie ausgangs des 18. Jahrhunderts und damit mittel- und unmittelbar zu den Erfolg bringenden Reformen des frühen 19. Jahrhunderts bei.
Rolf Straubel, habilitierter Historiker am brandenburgischen Landeshauptarchiv, geht in der wissenschaftlichen Monographie am Beispiel ausgewählter Personen den Handlungsspielräumen nach, welche hohe Beamte sowie Kaufleute und Unternehmer im frühen preußischen Staat besaßen. Er zeigt ebenso verschiedene Aspekte und Entwicklungslinien der preußischen Wirtschafts-, Sozial- und Verwaltungsgeschichte, bereichert – dank der guten Quellenlage – mit präzisen Detaildarstellungen aus Korrespondenzen, amtseitigen Berichten sowie Anordnungen.
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, welche überwiegend auf bisher nicht publiziertem Aktenmaterial aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem gründet. Im Mittelpunkt stehen dabei der aus dem ostpreußischen Tilsit stammende Finanzrat Friedrich Wilhelm Tarrach (1718–1782) sowie der Memeler Kaufmann Johann Simpson der Jüngere (1737–1811). Beide Lebensläufe werden verfolgt, die beruflichen und persönlichen Kontakte umrissen sowie ihre Ambitionen aufgezeigt. So entstammte Simpson einer seit Generationen in Memel ansässigen, einflussreichen Familie, die zum Aufstieg der Stadt zu einem der wichtigsten preußischen Handelsplätze an der Ostsee beitrug, was nur im Gefolge eines innerstädtischen Verdrängungswettbewerbes möglich war. In seiner 2003 veröffentlichen Studie „Die Handelsstädte Königsberg und Memel in friderizianischer Zeit“ hat der Autor diesen Prozess bereits beleuchtet. Durch seine freimaurerischen Kontakte wurde Simpson zu einem gefragten Gesprächspartner für hohe Königsberger und Berliner Beamte und erlangte eine weit über Memel hinausgehende Bedeutung. Tarrach wiederum avancierte in den späten 1770er Jahren zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Berater des großen Königs.
Die Lektüre gibt interessante Einblicke in die städtischen Belange Memels im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, in die Konflikte zwischen Memel und Königsberg, in die Auseinandersetzungen unter den ostpreußischen Kaufleuten, verdeutlicht die Mechanismen wirtschaftspolitischer Entscheidungen, illustriert das wechselseitige Beziehungsgeflecht zwischen Beamten und Kaufleuten/Unternehmen und zeigt die enge Kooperation zwischen Mitgliedern der Berliner Zentralbehörden (Generaldirektorium) und Potsdamer Kabinettsbeamten auf. Im abschließenden Personenregister wird kontextbezogenen das „who is who“ der friderizianischen Epoche aufgelistet.
H.-J. Froese
Preußische Allgemeine Zeitung, Nr. 31, 4.8.2012, S. 22



Lesen Sie hier die Rezension von Dr. Silke Kamp im Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 2015, S. 414–418.

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