Die Berliner Juristische Fakultät und ihre Wissenschaftsgeschichte von 1810 bis 2010

Schröder, Rainer; Klopsch, Angela; Kleibert, Kristin (Hrsg.)

Die Berliner Juristische Fakultät und ihre Wissenschaftsgeschichte von 1810 bis 2010

Dissertationen, Habilitationen und Lehre (inkl. CD-ROM)

Bestell-Nr 1880
ISBN 978-3-8305-1880-8
erschienen 10.03.2011
Format Hardcover
Umfang 400
Gewicht 668 g
Preis 49,00
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Die Berliner Juristische Fakultät steht im Zeichen großer Namen: Savigny, Beseler, Gneist, Gierke, Hedemann, Schmitt und Höhn waren und sind immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Die Geschichte der Fakultät wird jedoch nicht nur von großen Namen bestimmt. Es ist gerade die Wissenschaftsgeschichte in ihrer Gesamtheit, die ein vielschichtiges Bild der Fakultät liefern kann. Seit 1810 brachte sie fast 2400 Doktoranden und etwa 200 Habilitanden hervor, über 400 Hochschullehrer prägten die Fakultät mit unzähligen Lehrveranstaltungen unbeeinflusst von den politischen und sozialen Umbrüchen der Geschichte. Dieser Band präsentiert die Ergebnisse jahrelanger, intensiver Archivrecherchen. Studenten, Doktoranden und Mitarbeiter des Lehrstuhls konnten die Dissertations- und Habilitationstätigkeit, den Lehrkörper und die Lehrveranstaltungen der Fakultät statistisch erfassen und auswerten. Einigen Aspekten der Fakultätsgeschichte z.B. der Entwicklung von Forschung und Lehre sowie den politischen und beruflichen Karrieren der Doktoranden wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Ergänzt werden die Texte durch umfangreiche Listen, Tabellen, Grafiken und Fotos, die auf dem beiliegenden Datenträger gesammelt sind.

Rezensionen

Lesen Sie hier Bernd Rüthers Rezension in der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Bd. 131, 2014, S. 542-546


Die vorliegende Arbeit stellt den bisher in dieser Form noch nicht unternommenen Versuch dar, die Gesamtleistung einer einzigen Fakultät in Forschung und Lehre über zweihundert Jahre hinweg zu dokumentieren. Der Spiritus rector dieses Unterfangens ist Rainer Schröder, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, privates Bau- und Immobilienrecht sowie Neuere und Neueste Rechtsgeschichte an der Berliner Humboldt Universität, der von seinen beiden bestens ausgewiesenen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Angela Klopsch und Kristin Kleibert tatkräftig unterstützt wird. Auslöser dieser Untersuchung war der 200. Geburtstag der „Universität unter den Linden“, der verschiedene gewichtige Publikationen zu ihrer Geschichte hervorgebracht hat. Die Herausgeber merken dazu an: „Als sich vor etwa anderthalb Jahren das 200ste Jubiläum ‚ganz überraschend’ abzuzeichnen begann, kamen Professor, Mitarbeiter und Studenten auf die Idee, die Erkenntnisse über die Wissenschaftsgeschichte zu publizieren, für die in der Festschrift der Universität und der Fakultätsfestschrift kein Raum war. Studenten und Mitarbeiter fingen Feuer, besonders als sie die reichhaltigen Überlieferungen des Universitätsarchivs und der staatlichen Archive entdeckten. So sich gute Kandidaten/innen finden, wird der Erstunterzeichnende [= Rainer Schröder] Dissertationen über Teilbereiche unseres Bestandes vergeben. Die Leser sind herzlich eingeladen, diese Nachricht zu verbreiten ...“ (S. 9). Feine Ironie zeichnet den Band auch sonst aus, denn er ist „Den Verfassern der Festschrift zum 300-jährigen Jubiläum der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahre 2110“ gewidmet. Man stutzt einen Moment, ehe man diese prospektive Widmung versteht, aber angesichts der seit einiger Zeit zu konstatierenden Fülle fachhistorischer Arbeiten, insbesondere aus dem Bereich der Rechtswissenschaft, ist fest damit zu rechnen, daß es auch in hundert Jahren wieder oder noch Fachgeschichte geben wird, die sich in und neben Festschriften artikuliert. Wer Wissenschaftsgeschichte schreibt, weiß um die dabei zu lösenden Probleme. Im allgemeinen muß er sich um biographische, institutionelle, fachinhaltliche und methodische Fragen kümmern und die gewonnenen Ergebnisse synthetisieren, Er muß mit dem auskommen, was überliefert ist und im Sinne der Arbeits- und Darstellungsökonomie exemplarisch vorgehen. Die Mitarbeiter des vorliegenden Bandes haben „geklotzt“ und nicht „gekleckert“, obwohl das Archiv- und Quellenverzeichnis (S. 391) aufgrund unterbliebener Spezifizierung eher unscheinbar aussieht. In vier Teilen werden zunächst die 2367 Personen, die von 1810 bis 2010 promoviert wurden (Kap. 1), die 200 von 1810 bis 1990 habilitierten Personen (Kap. 2), die akademische Lehre zwischen 1870 und 1914 bzw. in der DDR-Zeit (Kap. 3) und sog. Querschnittsthemen wie Karrieren nach dem Erwerb des Doktortitels (Lebenswege der zwischen 1810 und 1933 Promovierten), die akademischen und wissenschaftlichen Diskurse von 1909 bis 1911 sowie die Preisschriften der Juristischen Fakultät in den Jahren 1900 bis 1933 (Kap. 4) erfaßt und ausgewertet. Diesen Auswertungen liegen riesige Datenmengen zugrunde, die auf einem auf den inneren Rückendeckel geklebten Datenträger aufgeschlüsselt werden (vgl. die Übersicht dazu auf S. 13: A. Dissertationen; B. Habilitationen; C. Lehrkörper; D. Lehrveranstaltungen [gesamt und nach Rechtsgebieten aufgeschlüsselt]; E. Studenten [Säulendiagramme der Zahlen 1810-I951]; F. Preisschriften 1900-1933; G. Bilder).
Die Auswertungen, deren Fülle in einer Rezension kaum auszuloten ist, enthalten zugleich wichtige und nützliche allgemeine Hinweise, die z.B. die Voraussetzungen für Promotion und Habilitation, die wechselnden Prüfungsordnungen und -anforderungen, die beruflichen Möglichkeiten oder die Berücksichtigung der unterschiedlichen Rechtsbereiche im Wandel der politischen Verhältnisse betreffen. Eine genaue Analyse der Inhalte kann natürlich im Rahmen einer solchen Übersicht nicht geleistet werden und muß zukünftigen Analysen vorbehalten bleiben. Aber die Nennung von Titeln approbierter Schriften ist bereits für sich aussagekräftig, obschon sich zeigt, daß die Mehrzahl der Titel auch in Zeiten der Unfreiheit sachlich-normal lautet. Von den zwischen 1933 und 1944 abgeschlossenen 322 Dissertationen tragen nur fünf den Begriff „(vor-)nationalsozialistisch“, eine den Begriff „jüdisch“ im Titel, und ist nur eine dem Bereich Rasserecht zuzuordnen. Hei den Habilitationen spielen hingegen Termini wie „Reich“, „Volk“ und „Gemeinschaft“ eine größere Rolle.
Der vorliegenden Pionierarbeit gebührt höchstes Lob, und man wünschte sich entsprechende Recherchen auch für andere Fakultäten, bilden sie doch eine zuverlässige Ausgangsbasis für vertiefende Einzelanalysen. Der Band ist informativ, sauber gemacht, gründlich lektoriert und sehr gut benutzbar, und dies gilt auch für die CD-ROM, die übersichtlich angelegt ist. Das Buch richtet sich an juristische Fachhistoriker, ist aber methodisch wie inhaltlich auch für allgemeine Forschungszwecke wichtig. Deshalb wäre es hilfreich gewesen, Hinweise auf die der juristischen Forschung und Lehre in Berlin zugrunde liegenden Rechtskodifikationen zu geben, um den Eindruck allzu großer Einheitlichkeit und Durchgängigkeit zu vermeiden und die tiefen Einschnitte, die der politische Wandel in Rechtsetzung, Rechtsprechung und Rechtslehre bewirkte, genauer zu konturieren. Mögen für die Frühzeit Römisches Recht und „Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten“ zumindest begrifflich zum Allgemeinwissen gehören, so herrscht doch bezüglich der DDR-Gesetzbücher (Familiengesetzbuch der DDR vom 20. Dezember 1965; Strafgesetzbuch der DDR vom 12. Januar 1968; Zivilgesetzbuch der DDR vom 19. Juni 1975 usw.) eine weit verbreitete Unkenntnis.

Frank-Rutger Hausmann, Freiburger Universitätsblätter (Heft 197) Jahrg. 2012-September 3. Heft

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