TRIGON 9

Guardini Stiftung e.V. (Hrsg.)

TRIGON 9

Kunst, Wissenschaft und Glaube im Dialog

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Bestell-Nr 1829
ISBN 978-3-8305-1829-7
erschienen 28.06.2011
Umfang 205
Gewicht 374 g
Preis 24,90
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»Der Titel TRIGON ist ein sprechendes Symbol. Die Alten bezeichneten damit ein Ballspiel, dessen Teilnehmer in den Ecken eines Dreiecks standen und sich den Ball zuspielten. Zu diesem lebendigen und gegenseitig bereichernden Austausch der drei wesentlichen Erkenntnisweisen unserer Zeit – GLAUBE, WISSENSCHAFT UND KUNST – sucht unser Forum beizutragen.«
Aus dem Vorwort zu TRIGON 1


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Rezensionen
Jenes Licht, das die Welt durchstrahlt
Europa und seine Kultur: Ein Blick auf das intellektuelle Erbe des Theologen Romano Guardinis – von Christoph Böhr

Anlässlich des 125. Geburtstages von Romano Guardini veranstaltete das Guardini Kolleg in Zusammenarbeit mit dem Guardini Lehrstuhl Berlin, der Päpstlichen Universität Gregoriana und der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl im Oktober des vergangenen Jahres eine Tagung, die dem geistigen Erbe dieses herausragenden Religionsphilosophen gewidmet war. Drei Vorträge, die anlässlich dieser Konferenz gehalten wurden, finden sich jetzt in der jüngsten Veröffentlichung der Guardini Stiftung (Berlin) – gemeinsam abgedruckt mit Aufsatzsammlungen zu zwei weiteren Schwerpunkten: „Liegt Babel in Berlin? Zwanzig Jahre nach 1989“: Versuche einer Verständigung über die Gegenwart – sowie „Naturwissenschaft und Weltbild“: Beiträge zum Anspruch der Wissenschaft und den Grenzen dieses Anspruchs.
Vom erstgenannten Schwerpunkt, also dem geistigen Erbe Guardinis, soll hier die Rede sein. Eröffnet wird diese Auseinandersetzung mit einem Beitrag, den man nicht anders als einen Paukenschlag bezeichnen kann: Jean Greisch, Paris/Berlin, derzeitiger Inhaber des Berliner Guardini Lehrstuhls, bringt in seinem Aufsatz „Unterwegs zum Lebendig-Konkreten“ Guardini – und hier .vor allem dessen 1937 erschienenes Buch „Der Herr“ – mit einem der wohl bedeutendsten zeitgenössischen Philosophen und französischen Phänomenologen, Michel Henry, ins Gespräch. Greisch stellt sich der Aufgabe, mit den Augen Guardinis in Richtung auf Michael Henrys Spätwerk vorauszublicken und mit den Augen Henrys auf Romano Guardini zurückzublicken.
Der Leser ist von diesem Versuch zunächst überrascht, weil bisher wohl kaum jemand gewagt hat, in diese Richtung zu denken. Das Ergebnis dieser wechselnden Blickrichtung voraus und zurück ist verblüffend: Beide Philosophen, Guardini wie Henry, haben tatsächlich das gleiche Grundanliegen: nämlich zu verstehen, inwiefern die christliche Existenz ein Weg des Lebens ist.
Damit findet Greisch mit seinen eigenen Überlegungen in die Mitte des Denkens bei Guardini wie bei Henry: Beginnt und endet nicht alle philosophische Refle¬xion in einer Betrachtung über das Geheimnis des Lebens – ja, so sei diese Frage erweiternd fortgeführt: Ist nicht der Begriff des Lebens allen bisher bekannten Versuchen einer Gründung des menschlichen Denkens – im Sein oder im Erkennen – vorausgelagert, mithin der Punkt, von dem alle Philosophie am Anfang ausgeht und zu dem alle Philosophie am Ende hinstrebt?
Guardini spricht vom Leben Jesu in der Metapher des Flammenbogens – und meint damit jenes eine Leben, das den Tod überwölbt. So hat es auch Henry, der kein Theologe war, gesehen, und meint damit die Erfahrung des Lebens in uns Menschen als dasjenige Leben, worin wir leben, wenn wir verspüren, dass wir uns dieses Leben nicht uns selbst gegeben haben.
Tatsächlich rückt dieser – nach und mit Greisch wird man sagen dürfen: – gleichförmige Gedanke Guardinis und Henrys derzeit unaufhaltsam in den Vordergrund der Philosophie, beispielsweise im Blick auf alle Versuche, eine zeitgenössische Begründung für die Unantastbarkeit menschlicher Würde zu entfalten. Guardini spricht vom Leben als jenem Geheimnis, in dem sich ein Unnennbar-Kommendes verbirgt: Anspruch und Verheißung auf eine Erfüllung über jedes Maß hinaus – und trifft damit auf den Mittelpunkt des Denkens beim späten Henry.
Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz erschließt im Blick auf diese Deutung dem Leser eine weitere Dimension im Denken Guardinis. Sie entfaltet die Bedeutung dessen, was Guardini den „Weltanschauungsblick“ nannte: den nicht gezielten, sondern den absichtslosen, den schauenden Blick, den Blick als „Akt des Lebens“, der „alles zu sich selbst ermutigt“. Dieser Blick wäre darin so etwas wie der Vollzug dessen, was Leben als Möglichkeit beinhaltet: Aktualisierung seiner Potenz im schauenden Blick. Der Formulierung liegt ein Verständnis von Leben zugrunde, das in diesem nicht das Abgeschlossene vermutet, sondern jenes, was im Werden begriffen ist: Ein Leben, das sich immer wieder sich selbst offenbart, ohne das Geheimnis, das sich in ihm verbirgt, ganz zu lichten. Gerl-Falkovitz bezeichnet Guardini als einen Denker des Werdenden, des Sich-Eröffnenden, dem sich der Mensch mit Wagnis und Verantwortung, mit Erraten und mit Schaffen stellt. Um das „sehen“ zu können, muss der Mensch seine Augen für jenes Licht öffnen, das die Welt durchstrahlt – und jenes Licht hat seine Quelle im Leben, das sich vollzieht, wenn wir absichtslos schauen und es uns auf diese Weise – absichtslos, unabgeschlossen – in den Blick kommt.
Michele Nicoletti/Trient, schließt die Trilogie der Beiträge über das geistige Erbe Guardinis ab – mit Gedanken über „Die Macht und das Gewissen. Theologischpolitische Gedanken über die geistigen Grundlagen Europas“. Er spürt jener Grundüberzeugung Guardinis nach, der zufolge der Grund jeder sozialen Beziehung in einer geistigen Ordnung zu suchen ist. Diese Ordnung muss im Einklang mit der menschlichen Freiheit stehen. Die nun wieder ist einerseits immer eine Infragestellung von Ordnung, andererseits aber auch das Tor, durch das die Ewigkeit wieder Eingang in die Zeit finden kann: im Gewissen eines Menschen. Nicoletti kommt am Ende seiner Deutung zu einem eindrucksvollen Ergebnis: In der Kraft des widerstehenden Gewissens, das im Widerstand gegen den vereinnahmende Macht nicht selbst vereinnahmende Züge annimmt, also sich auch im Widerstand nicht erlaubt, das fremde Gewissen zu verurteilen, besteht eine der wichtigsten geistigen Grundlagen Europas.

Trigon. Band. 9: Das geistige und intellektuelle Erbe von Romano Guardini. Liegt Babel in Berlin? Sandtag: Micha Ullman und seine Ausstellung. Naturwissenschaft und Weltbild, hrsg. von der Guardini Stiftung, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2011

Die Tagespost. Samstag, 19. November 2011 Nr. 138 / Nr. 46 ASZ

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