Copyright Matters

Henningsen, Lena

Copyright Matters

Imitation, Creativity and Authenticity in Contemporary Chinese Literature

Bestell-Nr 1755
ISBN 978-3-8305-1755-9
erschienen 15.03.2010
Format kartoniert
Umfang 279
Gewicht 426 g
Preis 39,00
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In her first book, Lena Henningsen offers five studies that challenge the wide-spread prejudice among the Western Press that China is an empire of plagiarism, sometimes even referred to as the "People's Republic of Cheats". By analyzing the cases of convicted plagiarist Guo Jingming, the victim of plagiarism Han Han, the follow-up publications to Jiang Rong's Wolf’s Totem, the Harry Potter fakes and fan fiction, as well as discussions of academic plagiarism, Henningsen proves that copyright increasingly matters to Chinese writers. Confronted with instances of copyright infringements on their own works, they voice their opposition and fight for their rights, be it through legal action or their writing. At the same time, the author demonstrates that a text that is commonly considered to be "plagiarized" or "imitated" may turn out to be a highly creative work in its own right, for example when Harry Potter appears as a timid exchange student in China. Therefore, Henningsen opts for a literary reading of these "derivative" works and argues that imitation may, at times, be a creative tool. While these two central arguments appear to be contradictory, the author shows that they represent two sides of the same coin: the emergence of a new self-conception among Chinese authors, as they struggle to recast their relationship with society and state.
Lena Henningsen is Assistant Professor at the Institute of Chinese Studies, Heidelberg University.
Her case study of Han Han was awarded the 2008 Young Scholar Award by the European Association of Chinese Studies.


In ihrer Dissertation hinterfragt Lena Henningsen die weitverbreiteten Vorurteile der westlichen Medien darüber, dass China – oft „Volksrepublik des Betrugs“ genannt – ein Reich des Plagiats sei. Durch die Analyse der Fälle des für Nachahmung verurteilten Guo Jingming, des von Plagiat betroffenen Han Han, der nachfolgenden Veröffentlichungen zu Jiang Rong´s Wolf´s Totem, der Fälschungen und Fan-Fiktion zu Harry Potter sowie der Diskussionen über akademische Plagiatsvorwürfe zeigt Henningsen, dass Urheberrecht für chinesische Autoren eine immer größere Rolle spielt. Zunehmend selbst von Copyright-Verletzungen ihrer Werke betroffen, äußern sie ihren Unmut und kämpfen für ihre Rechte, sei es durch Gerichtsverfahren oder durch ihre Texte.
Gleichzeitig zeigt die Autorin, dass ein Text, der allgemein als Plagiat oder Imitat gilt, sich als hochkreatives Werk mit eigenem Recht herausstellen kann, wie etwa wenn Harry Potter als schüchterner Austauschschüler in China erscheint. Daher plädiert Henningsen für ein literarisches Lesen dieser abgeleiteten Arbeiten und argumentiert, dass Imitation unter Umständen ein kreatives Mittel sein kann.
Während diese beiden Argumentationen sich zu widersprechen scheinen, zeigt die Autorin, dass sie zwei Seiten der gleichen Medaille repräsentieren. Sie stehen für das Aufkommen eines neuen Selbstverständnisses unter chinesischen Autoren, während diese versuchen, ihre Beziehung zu Gesellschaft und Staat umzuformen.
Lena Henningsen ist Assistentin am Institut für Sinologie der Universität Heidelberg. Ihre Fallstudie zu Han Han wurde 2008 mit dem Young Scholar Award der European Association of Chinese Studies ausgezeichnet.

Rezensionen
Seite 16 / Süddeutsche Zeitung Nr. 95
Der schlitzäugige Genius unterwegs zum Patentamt
Lena Henningsen zeigt, wie einfallsreich in China mit dem Urheberrecht umgegangen wird

Man soll den Menschen eben nicht auf den Kopf klopfen, jedenfalls dann nicht, wenn sie gerade im Krankenhaus liegen. Und besonders dann nicht, wenn das Ganze in der chinesischen Hauptstadt spielt. Im Roman „Innen-Außen“ klopft die Heldin ihrem mit dem Auto verunglückten, schwer verletzten, gerade wieder erwachten Freund in Peking neckisch auf den Kopf, gleich verliert er wieder das Bewusstsein.
Im Roman „Niemals-Blumen“ klopft eine andere Heldin einem anderen ebenfalls in Peking Verletzten neckisch auf den Kopf, ja, auch hier besteht oder bestand eine Beziehung der Herzen, und schon wieder fällt ein junger Chinese in Ohnmacht.
Wenn sich so etwas in der Literatur abspielt, mehr oder weniger wortgleich, dann ruft der strenge Kritiker, sollte er es denn bemerkt haben: „Abgekupfert! Haltet den Plagiator!“ Und als Antwort schießen sich die Freunde der angegriffenen Partei mit schwerkalibrigen Begriffen warm, in denen das von Julia Kristeva geprägte Wort „Intertextualität“ nie fehlen darf. Vulgo: Man darf abschreiben, doch nur, wenn man es reinen Herzens tut.
Dank dem Herdentrieb unserer journalistischen Kollegen ist das Thema „China“ seit einigen Jahren weitgehend auf die Topoi „Menschenrechtsverletzungen“ und „Produktpiraterie“ festgelegt, oft scheint das eine Delikt gar ungustiös eng mit dem anderen verwandt zu sein. Die Volksrepublik China ist nach dieser Les- und Präsentationsart das Reich der raffgierigen, bedenkenlosen Imitatoren. Vom Turnschuh bis zum Geigerzähler ist nichts vor ihnen sicher. Sie haben keinen Respekt, mussten wir lesen, vor jenem, nur dem westlichen Geist eigenen Vermögen, der Kreativität. Kein Wunder, dass diese Unverfrorenheit auch vor ihrem Umgang mit Literatur nicht Halt macht. Nehmen wir nur den Fall Harry Potter, das von 1997 an erschienene Werk der schottischen Autorin J. K. Rowling. Nicht genug, dass in China zahllose Raubkopien zirkulieren, es haben sich auch schriftstellernde Trittbrettfahrer, ja ganze Verlagsunternehmen die Gunst der Konjunktur zunutze gemacht, um Bücher zu verkaufen, auf denen zwar der Name Harry Potter steht, die aber mit dem Original – wenn überhaupt – nur entfernt zu tun haben, und wer sich an einem Zauberlehrling vergreift, so dürfen wir folgern, dem ist auch kein Transrapid heilig.
Die Vermutung liege nahe, dass sich der Fall bei näherer Betrachtung als, höflich gesagt, ein wenig vielschichtiger präsentiert. Um wie viel komplexer, das zeigt jetzt eine ausgezeichnete, zum Buch umgearbeitete Dissertation der Heidelberger Sinologin Lena Henningsen, die unter dem ironisch doppeldeutigen Titel „Copyright Matters“ erschienen ist.
Reich der Raffgierigen?
Wie es sich für eine Dissertation schickt, schränkt Lena Henningsen ihre Analyse im Untertitel ein: auf die chinesische Gegenwartsliteratur. Doch auch Lesern, denen Autorennamen wie etwa Han Han oder Mian Mian unbekannte Größen des gegenwärtigen Literaturbetriebes sind, ist die Untersuchung ans Herz zu legen. Denn die Autorin versteht es, aus dem kargen Begriff „Copyright“ einen Schlüssel für die Geschichte der chinesischen Kulturpolitik zu schneiden. Einen Schlüssel, der wie vieles in China einen, Verzeihung, längeren Bart hat.
Lena Henningsen analysiert eine kulturelle Tradition, in der Begriffe wie Werktreue, Imitation, Nachempfindung, Fälschung, Weiterentwicklung schon weit länger erörtert wurden als das im Abendland der Fall war. Wie lange muss sich der konfuzianische Schüler mit dem Kopieren seines Lehrers beschäftigen? Wie überlebt ein Bild, es gibt ja keine Museen, wenn es nicht immer wieder aus dem Gedächtnis nacherschaffen wird? Was macht, andererseits, der Geschichtenerzähler im Teehaus, wenn er sein Märchen aus der Oase vor Zuhörern vortragen muss, die noch nie eine Palme gesehen haben? Wenn, wieder ein neuer Fall, das Auswendiglernen, also eine der Künste der Imitation, zur Voraussetzung für akademischen, mehr noch, für bürokratischen Erfolg erklärt wird, wie soll dann eine Wertschätzung für Authentizität entstehen?
Klar, das waren Probleme, die auch im Abendland erörtert wurden. Das Copyright – im angelsächsischen Recht zum Schutz der Verleger, auf dem europäischen Kontinent ein Privileg der Urheber – fand im 18. Jahrhundert eine erste embryonale juristische Form und wurde dann Schritt für Schritt verfeinert. Lena Henningsen zeichnet auch diese Entwicklungen mit präzisen Strichen nach. Irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu jener eigenartigen Konvergenz des hitzigen europäischen Geniekults mit dem kühlen Gedanken des Patentrechtes: Nicht anders als die literarische verlangte auch die industrielle Massenerzeugung nach einem gemeinsamen justiziablen Nenner für das Reproduzierbare und das Einzigartige.
Original und Plagiat im Schuber
Die Hoffnung auf das Erstarken einer rechtsstaatlichen Entwicklung in China ruhte „im Westen“ lange Zeit auf der Annahme, dass sich über ein einklagbares Recht an geistigem Eigentum ein breiteres Recht auf den Schutz privater Interessen würde etablieren lassen. Das Patentrecht gleichsam als Mauerbrecher, noch erdenfreundlicher gesagt, als Samenteppich für eine Zivilgesellschaft.
Das war schon deshalb eine kühne Spekulation, weil auch vielen chinesischen Beobachtern nicht verborgen blieb, dass, weltweit betrachtet, die meisten Streitereien um Patente, Urheberrechte, Ideen-Klau nicht in Verfahren gegen tolldreiste chinesische Unternehmen ausgetragen werden, sondern unter Amerikanern und ihren westlichen Partnern in amerikanischen Gerichtshöfen.

Lena Henningsen lenkt nun unseren Blick auf ein Feld, in dem der Streit um Rechtstitel, um die Verrechtlichung von Ansprüchen auf einem, weltwirtschaftlich betrachtet, vermeintlichen Nebenschauplatz ausgefochten wird: chinesische Schriftsteller, die einen Markt erfahren, den sie selber beschreiben. Naturgemäß geht es auch hier hässlich, geht es zu wie im wirklichen Leben. Doch es ist gerade dieser vermeintliche Nebenschauplatz, der uns mit klug und geschickt gesetzten Meilenstiefeln nahe an den chinesischen Alltag führt. In diesem Alltag wird das Plagiat gerichtlich verfolgt, geahndet, der Schuldige muss sich entschuldigen. Nein, naturgemäß tut er das nicht immer. Der kluge Verleger verkauft Original und Nachahmung in einem neuen Schuber, damit der Kunde selber seine Entscheidung treffen kann...
„Copyright Matters“ ist auf Englisch verfasst und enthält chinesische Zitate im Original. Das sei nicht als Warnung verstanden: Lena Henningsen schreibt Englisch in einer ungestelzten Leichtigkeit, die manch deutscher Autor nicht in seiner Muttersprache zustande bringt. Auch dem Leser, nur dies hat er mit den eingangs erwähnten Patienten gemein, wird auf den Kopf geklopft. Auf den Hinterkopf. Erhellend. Zu seinem Besten.
TILMAN SPENGLER

LENA HENNINGSEN: Copyright Matters. Imitation, Creativity and Authenticity in Contemporary Chinese Literature. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2010. 279 Seiten
Der Schriftsteller Tilman Spengler ist Sinologe und in Peking oft zu Gast.




Lesen Sie hier die Rezension auf der Internetseite Modern Chinese Literatur and Culture, September 2010

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