Juristensöhne als Dichter

Weber, Hermann

Juristensöhne als Dichter

Hans Fallada, Johannes R. Becher und Georg Heym. Der Konflikt mit der Welt ihrer Väter in ihrem Leben und ihrem Werk

Bestell-Nr 1578
ISBN 978-3-8305-1578-4
erschienen 15.05.2009
Format Hardcover
Umfang 159
Gewicht 340 g
Preis 39,00
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Hans Fallada, Volksschriftsteller und Verfasser viel gelesener Romane wie „Kleiner Mann was nun?“, „Wolf unter Wölfen“ oder „Der eiserne Gustav“, und Johannes R. Becher, dessen Rolle als erster Kultusminister der DDR sein umfangreiches literarisches Werk (als Lyriker, aber auch als Romancier und Essayist) nicht immer zu Recht verdunkelt hat – beide Autoren scheinen auf den ersten Blick durch Welten getrennt. Bei näherer Betrachtung zeigen sich überraschende Parallelen in ihren Biographien, nicht nur in der Herkunft aus den Häusern hoher Juristen der spätwilhelminischen Zeit und im Konflikt mit der Welt ihrer Väter, sondern auch in der Verarbeitung dieses Konflikts in ihrem literarischen Werk. Bisher wenig beachtete Parallelen ergeben sich auch zu Leben und Werk des - früh vollendeten, vor allem wegen seiner Lyrik noch heute hochgeschätzten - expressionistischen Dichters Georg Heym. Auch Georg Heym – 1887 geboren und damit nur wenige Jahre älter als Becher (Jahrgang 1891) und Fallada (Jahrgang 1893), aber schon 1912, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, beim Schlittschuhlaufen in der Havel bei Berlin ertrunken (und deshalb in der täuschenden Perspektive der Nachwelt vermeintlich Vertreter einer viel älteren Generation) – war Sohn eines hohen Juristen; auch er lag im generationstypischen Konflikt mit der Welt des Vaters, obwohl er selbst - anders als Becher und Fallada – zunächst eine (freilich ungeliebte und noch vor seinem frühen Tod abgebrochene) juristische Karriere eingeschlagen hat.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Frage, welche Rolle der juristische Beruf der Väter – zu deren Biographien und juristischen Tätigkeiten manches Neue beigetragen wird - für das Leben der Söhne gespielt und welche Spuren das in ihrem schriftstellerischen Werk hinterlassen hat.

Dem Buch sind eine Reihe von Bildern, Faksimiles, Dokumenten und Schriftproben beigegeben. Ein Schwergewicht liegt dabei auf Bildern und Dokumenten zu den Vätern, vor allem zu Heinrich Becher, dem Vater Johannes R. Bechers, zu dem eine Reihe Dokumente und Bilder hier erstmals publiziert und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Rezensionen
Es lohnt sich, immer mal wieder das Programm des Berliner Wissenschafts-Verlags auf Neuerscheinungen durchzusehen. Man entdeckt Abhandlungen, die hochinteressante Nischen ausleuchten und im Schatten des allgemeinen Interesses liegen. Inwieweit beeinflußt das Elternhaus die Schreibbiographie? Unterfrage dazu: Schlägt sich der Beruf des Vaters im Leben und Werk eines Literaten nieder? Die Milieuprägung wird weithin unterschätzt, setzt aber den Nachkommen meist ebenso zu, wie sie befreit. Man denke an das Schicksal der Kinder von Thomas Mann. Hermann Weber geht nun anhand dreier Beispiele der Frage nach, ob der Juristenberuf des Vaters Einfluß hatte auf die Lebens- und Arbeitswirklichkeit des Sohnes. Zunächst fällt auf, daß bei Hans Fallada (›Kleiner Mann – was nun?‹, ›Der eiserne Gustav‹) und Johannes R. Becher (erster Kultusminister der DDR) ein vergleichbares Elternhausmilieu bestand: ihre Väter waren hochrangige Richter, Juristen im Spätwilhelminismus. Fallada (geb. 1893) und Becher (geb. 1891) galten als mißratene Juristensöhne. Weber hat ausgiebig recherchiert, wobei die Biographien der Väter so ausführlich dargestellt werden wie diejenigen der Söhne. Es gab den üblichen Vater-Sohn-Konflikt, der z.B. bei Fallada bewirkte, daß er »viele Jahre lang von jeder Beschäftigung mit klassischer Musik abgeschreckt« wurde, aus Protest gegen die häusliche Musikerziehung (S. 31). Becher sah sich in seiner Kindheit ständig in der Rolle des Angeklagten dem Vater gegenüber (S. 35 ff.), was sicherlich lebenslang ebenfalls haltungsprägend war. Er bricht seine Schulzeit ab und beschließt einen Kleist-Exodus, den zwar er, nicht aber die ebenfalls suizidbereite Gelegenheitsprostituierte überlebt. Sein Vater am Landgericht rettet ihn trickreich vor der Strafverfolgung (»Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit« befand die Strafkammer am 15. Februar 1911). Diese Lebenslüge übernahm Becher, sie floß auch in sein literarisches Werk ein.
Mit einer Fülle solcher Details wartet Weber auch in den beiden anderen Fällen auf. Sie stehen in keiner Literaturgeschichte. Der Anhang enthält Umschriften handschriftlicher Dokumente und ein Personenverzeichnis. Genau gesehen handelt es sich um eine biografisch ausgelegte Milieustudie von großer Intensität.

Literaturzeitschrift Walthari 17. August 2009
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