Der Fall

Camus, Albert

Der Fall

Roman (1956)

Reihe Juristische Zeitgeschichte, Abt. 6
Bestell-Nr 1573
ISBN 978-3-8305-1573-9
erschienen 29.10.2008
Format Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 111
Gewicht 368 g
Preis 24,00
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"Wenn die Zuhälter und Diebe immer und überall verurteilt würden, hielten sich ja alle rechtschaffenen Leute ständig für unschuldig!" - Dieses Bekenntnis eines gescheiterten Anwalts steht am Anfang von Camus’ beeindruckender Gesellschaftskritik, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat: Für Camus besteht die eigentliche Schuld, die letztlich zur fundamentalen Krise gesellschaftlicher Freiheit und damit von Demokratie führt, in der mangelnden Solidarität der Menschen untereinander.
Dieser Band der von Prof. Dr. Dr. Thomas Vormbaum herausgegebenen Reihe "Recht in der Kunst - Kunst im Recht" enthält Camus’ Roman aus dem Jahr 1956 in der Textfassung der deutschen Erstauflage, die um ausdrucksstarke Illustrationen des Herforder Künstlers Günter Frecksmeier ergänzt ist. Den sich anschließenden Kommentaren der Romanistin und ausgewiesenen Camus-Forscherin Prof. Dr. Brigitte Sändig und des Juristen Dr. Sven Grotendiek, die das Werk aus ihrer jeweils fachspezifischen Sicht untersuchen, ist daran gelegen, die zeitgeschichtlichen Hintergründe aufzuzeigen, die zur Entstehung des Romans beigetragen haben, aber auch das Interesse an einem Denken wie dem Camus’ gerade in einer Zeit, in der es erkennbar nachgelassen hat, neu zu beleben und damit für die heutige Zeit fruchtbar zu machen.
Rezensionen
Das Recht im ästhetischen Code

Insbesondere für diesen Roman, erschienen 1956, erhielt ein Jahr später Camus (1913-1960) den Nobelpreis für Literatur. Das kurze Erzählwerk ist noch mehr als in den üblichen Fällen im Lebens- und Weltanschauungsbild des Sohnes eines Elsässers und einer Spanierin zu lesen. Gymnasiast in Algier, Philosophiestudium, Mitglied der Kommunistischen Partei, Tuberkuloseerkrankung, dennoch Raucher, Gründung eines Theaters, Journalist, Mitglied der Résistance, Mitbegründer der Zeitschrift Combat, Lektor bei Gallimard, Bruch mit J. P. Satre, Vermittler im Algerienkonflikt, starb nach einem Autounfall. Auf existenzieller Weltanschauung sieht Camus den Menschen zwischen absurder Existenz und der Sehnsucht nach Moral eingeklemmt, die ihm nicht mehr metaphysisch erscheint. Also muss sich der Mensch ein Regelsystem erfinden, das allerdings ständig verletzt wird. Nach diesem Generalthema sind seine Romane (Die Pest, Der Fremde u.a.) und seine Theaterstücke (Das Mißverständnis, Die Gerechten u.a.) komponiert. Zur Sinnfindung schlägt Camus den Widerstand vor (L’homme revolté). Dazu variiert er Descartes: "Ich empöre mich, also bin ich."
Im Roman Der Fall macht ein Pariser Tourist in Amsterdam die Bekanntschaft mit einem französischen Rechtsanwalt, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Der Erzähler nennt sich "Buß-Richter" nach dem paradoxen Motto: "Mein Beruf ist doppelt, wie der ganze Mensch." Das Leben betrachtet er als janusköpfig. An seinen ehemaligen Pariser "edlen Fällen" interessierten ihn menschliche Qualitäten wie Mitgefühl, Großmut usw. Diese Haltung verschaffte ihm allgemeine Anerkennung. Erschüttert wurde sein Leben durch ein sarkastisches Lachen, das er nachts vernahm, scheinbar aus sich selber heraus. Seine anschließende Gewissensprüfung spitzte sich zu, als er den Sprung einer jungen Frau in die Seine beobachtete, ohne einzugreifen.
In langen Monologen sucht sich der Erzähler von seiner Gedächtnis- und Gewissenslast zu befreien, wobei sein "Bericht" eingeklemmt bleibt zwischen Gottes- und Gesetzesferne und in die Maxime mündet: Jeder wird zu seinem eigenen Richter und über alle. Der Advokat verlangt von allen künftigen Richtern Beichte und Buße. Denn: "Je mehr ich mich anklage, desto mehr habe ich das Recht, euch zu verurteilen", ruft er seiner Zunft zu und gebietet: "Richtet (euch selber), auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" Das läuft auf eine negative Theologie hinaus, auf eine christliche Moral ohne Gott. Nihilistisch ist diese Sicht nicht zu nennen, weil bei Camus der Mensch aufgefordert wird, gegen die Absurditäten des Lebens zu kämpfen. War im Roman Die Pest die menschliche Solidarität die Sinnrettung, so ist es in Der Fall das Recht im Sinne von Ordnungsbewältigung.
Genau darauf hebt der Kommentar von Sven Grotendiek ab. Der doppelte Absturz (des Anwalts aus seinem Erfolgsschema und der Frau in die Seine) zwingt den Menschen zur Selbsterforschung und dazu, sich wenigstens nachträglich der Verantwortung zu stellen. "O Mädchen, stürze dich nochmals ins Wasser, damit ich ein zweites Mal Gelegenheit habe, uns beide (!) zu retten!" Es sind Stürze aus der Gesellschaftsordnung, für die das positive Recht steht: An ihm ist (nicht nur im Roman) kein Halt zu finden, wenn "die vor-rechtlichen Voraussetzungen" (Untertitel bei Grotendiek) nicht mitbedacht werden. Auch für die Gesellschaftsordnung und das Recht gilt, was W.-W. Böckenförde für den Staat erklärt hat: Sie leben von Prämissen, die sie nicht selber schaffen können. Beim Recht ist es der Blick hinter die Paragraphen: auf das Maß und das Gerechtigkeitsempfinden, auf das Angemessene und Zugehörige im Sinne Platons (vgl. meine Tugendbeschreibungen in diesem WALTHARI-Portal). Die Schlüsselszene auf dem Pont Royal reicht zum existenzialen Schrecken, kann aber die Konsequenzen weder plausibel noch moralisch rechtfertigen. Für Camus sind die Lebensrealitäten absurd und nur im Résitancegestus aushaltbar. Darüber ist die postmoderne Kontingenz- und Komplexitätsforschung hinweggegangen (vgl. WALTHARI-Heft 52). Bei Camus scheitert das positive Recht als Lebensordnung, findet aber nicht den Ausweg, im Diskaiosyné den Operator für Kontingenzbewältigung und Komplexitätsreduktion zu sehen, wie ich dies für den Oikos durchgespielt habe. Am 12. Oktober 1944 hatte Camus den Leitspruch für das befreite Frankreich so formuliert: "Ce principe, pour nons, est la justice. Il ny a pas d’ordre sans justice et l’ordre ideal des peoples reside dans la bonheur" (S. 97). Sinnstiftung zieht der Anwalt nur aus seiner inneren Verwirrung statt aus dem Dialog mit Sachoperatoren – das ist wenig plausibel und ein klassisches gallisches Denkmuster in der Tradition Descartes. Romantechnisch entspricht dieser Subjetivismus dem Monologisieren der Hauptfigur. Die Neuausgabe des Romans steht in der BWV-Reihe Juristische Zeitgeschichte. Das entscheidende Defizit übersehen sowohl Der Fall als auch die beigefügten Kommentare.

(Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer)

WALTHARI - Elektronische Ausgabe der Literaturzeitschrift WALTHARI - zu finden unter:www.walthari.com/lz4.html
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