Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks

Hirsch, Ernst E.

Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks

Bestell-Nr 1533
ISBN 978-3-8305-1533-3
erschienen 24.06.2008
Format kartoniert
Umfang 252
Gewicht 376 g
Preis 24,00
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Die Neuausgabe der Autobiografie des Rechtswissenschaftlers Ernst E. Hirsch (1902–1985) füllt eine Lücke im Verständnis des Einflusses, den deutsche Exilwissenschaftler seit 1933 auf die türkische Wissenschaft ausgeübt haben. Ernst E. Hirsch schildert sein Leben und Wirken als Lehrer, Forscher und Verfasser von Lehrbüchern und Gesetzesentwürfen in der Zeit von 1933 bis 1952 an den Universitäten von Istanbul und Ankara. Als junger Privatdozent aus Deutschland vertrieben, baute er zusammen mit anderen deutschen Exilwissenschaftlern das türkische Hochschulsystem nach westlichen Standards auf, revolutionierte die Methoden des Rechtsunterrichts, bildete einen im westlichen Rechtsdenken geschulten juristischen Nachwuchs heran und beeinflusste mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten das türkische Rechtswesen bis auf den heutigen Tag. 75 Jahre nach Beginn von Ernst E. Hirschs türkischem Exil zeigen sich die Früchte des unter schwierigen Umständen begonnenen deutsch-türkischen Wissenschaftsaustauschs in einer großen Zahl von Universitätspartnerschaften sowie in der Zusammenarbeit im Rahmen europäischer Programme. Die Exilprofessoren und die von ihnen ausgebildete türkische Professoren-Elite haben die türkische Forschung und Lehre auf einen Standard gebracht, der in vielen Bereichen demjenigen von EU-Mitgliedsstaaten vergleichbar ist. 75 Jahre nach Beginn des Exils deutscher Gelehrter, Politiker und Künstler in der Türkei gilt es auch an die Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft zu erinnern, welche die Türkei den Exilanten in ihrer vom Nazi-Regime hervorgerufenen existentiellen Bedrängnis erwiesen hat. Die Rückkehr nach Deutschland ist Ernst E. Hirsch nicht leicht gefallen. Der erste Regierende Bürgermeister von Berlin und Exil-Kollege von Ernst E. Hirsch in Ankara, Ernst Reuter, gewann ihn für den Aufbau der Freien Universität Berlin. Frau Prof. Dr. Jutta Limbach, Hirschs Assistentin an der FU Berlin, würdigt in ihrem Vorwort zu dieser Ausgabe die außergewöhnliche Persönlichkeit des großen Rechtswissenschaftlers Ernst E. Hirsch in der letzten Phase seiner wissenschaftlichen Laufbahn.
Rezensionen
Es mag dem Leser von "Just Europe" nicht ohne weiteres einsichtig sein, hier ein Kapitel der deutsch-türkischen Beziehungen beleuchtet zu sehen, das für manchen gegenüber den mit der Gastarbeiter- oder EU-Beitrittsproblematik verbundenen Fragen eine untergeordnete Rolle spielt – wenn es überhaupt jemals wahrgenommen wurde. Im Jahre 2008 aber, in dem es viele Anlässe des Gedenkens an den Beginn der unseligen Nazi-Diktatur vor 75 Jahren gibt, mag auch daran erinnert werden, dass ab dem Jahre 1933 eine Vielzahl verfolgter und verfemter, hochqualifizierter deutscher Wissenschaftler und Künstler nicht nur in England, Frankreich, Lateinamerika oder in den USA Exil suchten, sondern auch in der Türkei. Diese nahm im Zuge der Modernisierung ihrer Universitäten und Lehranstalten dankbar Persönlichkeiten wie Ernst Reuter, Bruno Taut, Rudolf Nissen, Rudolf Belling, Julius Hirsch, Paul Hindemith, Carl Ebert, Hans Güterbock oder Eduard Zuckmayer auf – um nur einige von Geburt oder Wirken mit Berlin verbundene Personen zu nennen.
Mehr als 1050 Namen von deutschen Exilanten in der Türkei sind bekannt und eine Persönlichkeit – ebenfalls mit Berlin verbunden – ragt als Vertreter der Rechtswissenschaft heraus: Ernst Eduard Hirsch, Handelsrechtler und Rechtssoziologe, der ab 1933 für 19 Jahre in Istanbul und Ankara wirkte und von Ernst Reuter – aus gemeinsamer Zeit in Ankara gut bekannt – 1952 zum Aufbau der Juristischen Fakultät der FU Berlin gewonnen wurde. In Friedberg/Hessen 1902 geboren, promovierte Hirsch 1924 in Gießen ("Die Rechtsnatur des Betriebs und der Arbeitnehmerschaft") und habilitierte sich 1929 in Frankfurt/Main ("Der Rechtsbegriff ‚provision‘ im französischen und internationalen Wechselrecht"). Mit 28 Jahren erhielt er die ,venia legendi‘ für Bürgerliches Recht, Handelsrecht sowie deutsches und internationales Privatrecht und wurde zudem 1931 zum Landgerichtsrat in Frankfurt am Main ernannt. Abrupt wurde seine verheißungsvolle Karriere mit dem am 7. April 1933 vom NS-Regime erlassenen sog. "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" beendet. Aus jüdischer Familie stammend fiel Hirsch naturgemäß unter §3 des Gesetzes: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen".
Der Frankfurter Pathologe Philipp Schwartz, selbst von diesem Gesetz betroffen, erkannte die auswegslose Lage hunderter entlassener Wissenschaftler und gründete noch im April 1933 in Zürich die "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland". Schwartz nahm sehr bald Kontakte in die Türkei auf, denn er hatte davon erfahren, dass hier seit 1932 der Genfer Pädagogikprofessor Albert Malche im Auftrag von Kemal Atatürk mit der Aufgabe befasst war, das türkische Hochschulwesen zu überprüfen und Reformvorschläge zu unterbreiten. Die Vorschläge waren radikal und sahen vor, das nach islamischer Tradition lehrende "Haus der Wissenschaften" (Darülfunun) abzuschaffen und eine Universität nach westlichem Vorbild zu gründen, wofür sich allerdings nur ein Teil der bisherigen Professoren eignete. Atatürk schloß sich Malches Vorschlag vorbehaltlos an. Nach türkischen Quellen wurden von den 240 Hochschuldozenten des "Darülfunum" 175 entlassen, so dass ausländische Hochschullehrer dringend gefragt waren. Philipp Schwartz konnte aus den Listen der "Notgemeinschaft" für alle Lehrstühle mehrere qualifizierte Kandidaten anbieten. So griff die neu gegründete Universität Istanbul zum Wintersemester 1933/34 bereits auf 43 deutsche Professoren zurück – von Fritz Arndt (Leiter des chemischen Instituts) bis Hans Winterstein (Leiter des physiologischen Instituts). Deutsche Mediziner leiteten anfangs 8 von 12 medizinischen Instituten in Istanbul. Insgesamt unterrichteten 166 deutsche Professoren ab 1933 in Istanbul und ab 1935 auch in Ankara. Die Universität Istanbul galt als "beste deutsche Universität im ,Dritten Reich‘" (Fritz Neumark).
Deutsche Professoren haben in allen Disziplinen – von der Astronomie (Martin Freundlich) bis zur Zoologie (Curt Kosswig) – und teilweise bis zu ihrem Tod in den 1990er Jahren (Traugott Fuchs) in der Türkei meist nicht nur großzügige Aufnahme und Betätigungsmöglichkeiten erhalten, sondern haben für die türkische Lehre und Forschung sowie deren Heranführung an europäische Standards Dauerhaftes geleistet.
Wiederum sei auf das Beispiel von Ernst Hirsch verwiesen: Er nahm im Herbst 1933 dankbar das Angebot der Universität Istanbul für einen Lehrstuhl an und konnte mit Erfolg die vertragliche Anforderung erfüllen, Türkisch innerhalb von 3 Jahren zu erlernen, darin zu unterrichten, zu prüfen sowie zu publizieren. Er baute die Rechtsfakultät in Istanbul und ab 1943 die in Ankara auf, unterrichtete Generationen von türkischen Juristen in Handelsrecht, Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie, publizierte türkische Lehrbücher zum Handelsrecht und zur Methode der Rechtsanwendung, verfasste Entwürfe für das türkische Warenzeichen-, Patent-, Muster- und Modellschutzgesetz und war hauptverantwortlich für das türkische Handelsgesetzbuch von 1956. Er entwarf darüber hinaus ein neues Universitätsgesetz und war Mitherausgeber des türkischen Rechtswörterbuchs. Insgesamt wirkte Ernst Hirsch 19 Jahre lehrend, forschend, beratend und publizierend in der Türkei. Er genoss und genießt auch heute noch höchstes Ansehen bei türkischen Studenten, Professoren, Politikern und Praktikern. Mit der Ausbürgerung aus der deutschen Staatsangehörigkeit im Jahre 1941, der Verleihung der türkischen Staatsangehörigkeit 1943 und der des türkischen Rechtsanwaltpatents Anfang 1945 hatte sich Ernst Hirsch für einen dauerhaften Verbleib in der Türkei entschieden. Verschiedene, auch persönliche Umstände, verbunden mit dem intensiven Drängen des 1. Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, bewogen Ernst Hirsch schließlich, ab 1952 die Lehrstühle für Handelsrecht und Rechtssoziologie an der FU Berlin bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1967 zu übernehmen. Die Wahl 1953 und die Wiederwahl 1954 zum Rektor der FU unterstreichen sein Ansehen und Engagement für Lehre und Forschung. Im Vorwort der kürzlich erschienenen Neuausgabe der Ernst-Hirsch-Autobiografie "Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks" würdigt die frühere Justizsenatorin von Berlin, Professor Jutta Limbach, als Doktorandin und Assistentin von Ernst Hirsch an der FU dessen große Persönlichkeit.
75 Jahre nach dem Beginn des Exils deutscher Gelehrter, Politiker und Künstler in der Türkei zeigen sich die Früchte des unter schwierigen Umständen begonnenen deutsch-türkischen Wissenschaftsaustauschs in einer großen Zahl von Universitätspartnerschaften sowie in der Zusammenarbeit im Rahmen europäischer Programme. Die Exilprofessoren und die von ihnen ausgebildete türkische Professoren-Elite haben die türkische Forschung und Lehre auf einen Stand gebracht, der in vielen Bereichen mit demjenigen von EU-Mitgliedsstaaten vergleichbar ist. Erinnerungswürdig ist aber auch die Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft, welche die Türkei den Exilanten in ihrer vom NS-Regime hervorgerufenen existentiellen Bedrängnis erwiesen hat.

(Reiner Möckelmann)

Just Europe Ausgabe Nr. 3/2008, S. 7-8



Ein Friedberger als Gastarbeiter am Bosporus

Die ungewöhnliche Biografie des Juristen Ernst Eduard Hirsch wurde in neuem Gewand wieder aufgelegt.

Viel ist heute von der traditionellen deutsch-türkischen Freundschaft die Rede, deren Ursprünge, die im 19. Jahrhundert liegen, auch derzeit Politiker und Diplomaten zu betonen nicht müde werden. Doch wer erinnert sich, dass einstmals eine der größten und vielleicht bedeutendsten deutschen Universitäten nicht in Berlin, Frankfurt oder München, sondern in Istanbul existierte? Die Geschichte der deutschen akademischen Emigranten, die wie der Politiker Ernst Reuter, der Ökonom Fritz Neumark oder der Jurist Ernst Eduard Hirsch 1933 Deutschland nicht in Richtung England, Schweiz, Frankreich, Sowjetunion oder Vereinigte Staaten verließen, sondern in die Türkei flohen, ist beinahe vergessen.
Mustafa Kemal Atatürk gilt als Vater der modernen Türkei. In nur wenigen Jahren wollte er aus dem osmanischen Reich eine abendländische Republik machen. Ernst Eduard Hirsch gehörte zu einer Gruppe deutscher Gelehrter, Politiker und Künstler, die ab 1933 Zuflucht am Bosporus suchten. Als Hirsch, 1902 in Friedberg geboren, aufgrund seiner jüdischen Abstammung alle seine Ämter verlor, folgte er Atatürks Aufruf, in der Türkei am Umbau der Gesellschaft mitzuwirken. Innerhalb kürzester Zeit lernte er die türkische Sprache, wurde als Berater in die Regierung berufen und erhielt die türkische Staatsbürgerschaft. Bevor er in den 50er Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrte, hatte er eine ganze Generation türkischer Studenten geprägt.
Nur dem Engagement seines Sohnes, Enver Hirsch, des Berliner Wissenschaftsverlags und von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Generalkonsul in Istanbul, Reiner Möckelmann, ist es zu verdanken, dass diese ungewöhnliche Lebensgeschichte, die auch die Geschichte vieler anderer jüdischer Akademiker ist, nicht in Vergessenheit gerät. Ende November wurde am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität, an der Hirsch von 1952-1967 als Jurist und zeitweilig auch als Rektor wirkte, auf einer prominent besetzten Buchpräsentation die Neuausgabe von Ernst E. Hirschs Autobiografie unter dem Titel "Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks" vorgestellt. Fast 75 Jahre nach Hirschs erzwungenem Gang ins Exil füllt das Werk eine Lücke im Verständnis des Einflusses, den deutsche Exilwissenschaftler auf die türkische Wissenschaft ausgeübt haben. Hirschs Autobiografie ist allerdings keine Erstveröffentlichung, sondern in neuem Gewand und mit neuem Titel die Neu-Herausgabe der bereits 1982 erschienen Publikation "Aus des Kaisers Zeiten durch die Weimarer Republik in das Land Atatürks." Dieser ersten, längst vergriffenen Auflage ist keine weitere mehr gefolgt. In der Türkei hingegen erschien 2007 bereits die 10. Auflage der türkischen Version dieser "unzeitgemäßen Autobiografie", wie Hirsch sie selbst auch nannte. Das zeigt, wie lange man in Deutschland die Türkei nur als ein fremdes und exotisches Land wahrnahm, dessen Bewohner sich bei uns als "Gastarbeiter" verdingten. Und es ist ein Beleg dafür, welche Bedeutung hingegen in der Türkei dem Wirken der "akademischen Gastarbeiter" aus Deutschland für die Entwicklung hin zu einem modernen Staatswesen bis auf den heutigen Tag beigemessen wird.
Aus lokalgeschichtlicher Sicht mag man bedauern, dass in die Neu-Ausgabe der erste Teil aus Hirschs Autobiografie – die Schilderung seiner Kinder- und Jugendjahre in Friedberg und Umgebung – nicht aufgenommen wurde. Das mag nun finanziellen oder anderweitigen publikationsstrategischen Gründen geschuldet sein, ein wichtiges Kapitel, wo die sozialen Wurzeln und besonderen Prägungen einer solch bedeutenden Persönlichkeit, wie sie Hirsch verkörperte, zu suchen sind, bleibt dem Leser damit leider vorenthalten. Das können auch die zahlreichen Abbildungen, die in die Neu-Ausgabe dankenswerter Weise aufgenommen wurden, nur bedingt ausgleichen. Seinen Wert für uns heute Lebenden als lesenswertes und in politischer Hinsicht auch mahnendes Zeugnis einer ungewöhnlichen Biografie zwischen den Zeiten und Kulturen schmälert dieser Umstand keineswegs.
Die ungewöhnliche Biografie des Juristen Ernst Eduard Hirsch wurde in neuem Gewand wieder aufgelegt.

(Joachim Meißner)

Giessener Allgemeine Zeitung, Nummer 286, S. 68, 6. Dezember 2008



Exilant als juristischer Aufbauhelfer

Von den Nazis 1933 vertrieben, wurde der jüdische Rechtswissenschaftler Ernst E. Hirsch im türkischen Exil zu einem angesehenen Professor an der Universität Istanbul. Er half dort mit, das Rechtssystem mit aufzubauen und zu modernisieren. In der Türkei wird noch heute mit Respekt von ihm gesprochen, in Deutschland blieb er relativ unbekannt.
1982 wurden die Erinnerungen von Ernst E. Hirsch erstmals publiziert. Das Buch trug den sperrigen Titel: "Aus des Kaisers Zeiten durch die Weimarer Republik in das Land Atatürks". Das war anschaulich formuliert, allerdings fehlte der Hinweise auf das Dritte Reich, obwohl das ja der Grund war, weshalb der jüdische Rechtsgelehrte seiner Heimat den Rücken kehrte. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, gibt es eine gekürzte Neuauflage. Der Sohn Enver Hirsch: "Die neue Ausgabe befasst sich eigentlich nur noch damit, warum er in die Türkei ging und was er in der Türkei erlebt hat. Das hat natürlich auch den Hintergrund, dass diese erste Biografie 1982 sich nur sehr schlecht verkaufte. In der Türkei ist es ganz anders, da ist die türkische Übersetzung der Autobiografie inzwischen in der zehnten Auflage erschienen."
Das Buch soll nun auch in Deutschland erfolgreich werden. Hoffentlich, denn was Ernst E. Hirsch zwischen zwei Buchdeckel packt, berührt das deutsch-türkische Verhältnis in seinem innersten Kern.
1902 geboren, war er schon mit sehr jungen Jahren Privatdozent an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, bis er 1933 entlassen wurde. Und wie es der Zufall wollte, lag eine mögliche Zukunft in der Türkei, in einem Land, das händeringend um Wissenschaftler warb, weil es die türkischen Universitäten nach westlichem Vorbild zu reformieren suchte.
Mesut Ilgim: "Das war ein Projekt, man kann sagen ohne seinesgleichen, wo man alles einfach weggewischt hat und von null wieder aufgebaut und gestaltet hat. So eine Chance kann man heute, also heutzutage auf der ganzen Welt nicht erwarten, ich halte das nicht für möglich. Das war ein ganz spezifischer Fall, das Unglück eines Landes wurde irgendwie zum Glück eines anderen Landes."
Mesut Ilgim forscht seit einigen Jahren über die deutschen Exilanten in der Türkei. Durch Vermittlung der Züricher Notgemeinschaft Deutschsprachiger Wissenschaftler im Ausland gingen ab 1933 viele Gelehrte und Künstler ins türkische Exil.
Die Türkei hatte das islamische Rechtswesen abgeschafft. Hirsch schildert, wie das gesamte System eine Umgestaltung erfuhr, mit Gesetzen, die zunächst aus der Schweiz, Italien oder Deutschland übernommen wurden. Es war ein wahnwitziges Projekt: Ausgebildete Fachleute fehlten, Richter und Anwälte kannten sich nicht aus, und kein Mensch wusste mit den neuen Gesetzen umzugehen.
Enver Hirsch: "Mein Vater hat ein türkisches Rechtswörterbuch geschaffen, um diese Begriffe mal festzulegen, damit es überhaupt mal eine Fachsprache gab, die es ja vorher nicht gegeben hatte. Er hat außerdem maßgebend mitgewirkt an dem Urheberrechtsgesetz der türkischen Regierung, dass die Türkei der Berner Konvention beitreten konnte und damit international urheberrechtlich auch volle Rechte und Pflichten hatte."
Es war mühevolle, tagtägliche Kleinarbeit, die Rechtsreform auch praktisch mit Leben zu erfüllen. Berichte vom Alltagsleben in Istanbul und Ankara, das große Staunen über ein orientalisch geprägtes Land – das damals in den Städten noch weitaus westlicher geprägt war als heute – geben den Erinnerungen einen ganz unverwechselbaren Ton. Hirsch nimmt Teil an einem unglaublichen Abenteuer. Er steckt mittendrin. Er lebt und arbeitet in einem Land, das sich hastig und unerschrocken von einem Tag auf den nächsten an westlichen Standards orientiert.
Die Türkei war damals keine Demokratie. Doch es war eine Gesellschaft im Wandel, die Ernst E. Hirsch eine Plattform bot, auf der er – jenseits des europäischen Nazi-Terrors – als Mensch und als Rechtsgelehrter ohne inneren Bruch weiterleben konnte. Man wird sensibel und aufmerksam, wenn sich beim Lesen solche Zusammenhänge erschließen. Und so lehren die Erinnerungen auch ganz nebenbei, dass die Türkei zu Europa gehört.
Enver Hirsch: "Wenn ich heute zu Veranstaltungen gehe, und es hier um Integration von Ausländern oder Türken geht und dort türkische Intellektuelle teilnehmen und ich mich als Sohn von Professor Hirsch vorstelle, dann weiß jeder sofort, wer das ist. Also es ist ein Bekanntheitsgrad, den man sich hier für einen Professor in Deutschland nicht vorstellen kann."
In Ankara lernte Hirsch Ernst Reuter kennen, der nach dem Krieg Regierender Bürgermeister von West-Berlin werden wird. Reuter bat ihn, an die neu gegründete Freie Universität zu kommen, die er dann mit aufbauen half. Er lehrte, bis die Achtundsechziger in die Hörsäle kamen, der studentische Klassenkampf entsprach nicht seiner Welt. Enttäuscht zog er sich zurück. Diesmal ging Hirsch ins Innere Exil. Doch davon berichtet er nichts, die Erinnerungen enden mit der Rückkehr nach Deutschland. Der selbstbestimmte aufrechte Gang gehörte zu seiner Persönlichkeit, dieses Bild sollte auch in der Rückschau nicht beschädigt werden.

(Adolf Stock)

zu finden im Internet unter: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/880874/



Kaum bekannt ist es in Deutschland, dass die Türkei 1933 deutschen Spitzenwissenschaftlern, Politikern und Künstlern, die vom NS-Regime verfolgt wurden, nicht nur Zuflucht, sondern auch eine glänzende neue Wirkungsstätte bot. Kemal Atatürk, der Präsident der 1923 von ihm ausgerufenen türkischen Republik, der die Europäisierung seines Landes forcierte, nutzte das Schicksal dieser meist jüdischen Elite, die türkische Gesellschaft auf die Höhe der zeitgenössischen Zivilisation zu heben: im Rechtswesen, in der Medizin, in der Kunst und Architektur, in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, der Verwaltung und Politik. Ein Plan, der aufging. Diese Exilwissenschaftler sind mit ein Grund, dass die Türkei heute EU-reif ist. Einer dieser Hochbegabten war der junge Rechtswissenschaftler und Privatdozent Ernst E. Hirsch, der im Sommer 1933 von der in Zürich gegründeten "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland" nach Istanbul vermittelt wurde.

Zwanzig Jahre blieb Hirsch in der Türkei. Länger als die meisten anderen. Erst half er, in Istanbul die neue Universität aus der Taufe zu heben. Zehn Jahre später tat er das auch in Ankara, bis ihn 1952 Berlins Regierender Bürgermeister Ernst Reuter, der mit ihm im Exil am Bosporus gewesen war, zurückrief. Jetzt sollte er beim Aufbau der Freien Universität mittun. Von 1953 bis 1955 war er ihr Rektor. Im Alter schrieb Hirsch die jetzt wieder aufgelegte Autobiographie seiner Jahre in der Türkei. Ein Buch, das in Deutschland keine Leser fand. In der Türkei dagegen erlebte es 2007 die zehnte Auflage. Lebendig scheint dort die Erinnerung an die wunderbaren deutschen Professoren der dreißiger Jahre zu sein, Nachfolger der deutschen Spezialisten, die bereits im Osmanischen Reich Brücken, Eisenbahnen, Prachtstraßen und Paläste bauten und das "Militärbildungswesen" modernisierten, Grundlage denn auch der deutsch-türkischen "Waffenbrüderschaft" im Ersten Weltkrieg. Vielleicht war Hirschs Buch auch ein Opfer des neuen durch die Präsenz der türkischen Gastarbeiter verzerrten Bildes der Türkei in der Bundesrepublik.

Atatürk und die deutschjüdische Elite der Wissenschaft

Atatürk hatte nur die Besten gewollt und berufen. Und die Besten waren gekommen: Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler wie Alexander Rüstow, Philologen wie der Romanist Leo Spitzer, wie der Assyrologe Benno Landsberger und der Islamwissenschaftler Karl Süßheim; 64 Mediziner, die am stärksten vertretene Sparte, unter ihnen der Krebsforscher Siegfried Oberndorfer; 54 Naturwissenschaftler; dann "Urbanisten" wie Ernst Reuter, dessen "Einführung in die Kommunalwissenschaft" zum Lehrbuch mit Grundlagencharakter aufstieg. Und viele Städteplaner und Architekten, die die neuen Regierungsbauten, Fakultäten, Institute, Schulen, Siedlungen und Villen planten und errichteten: unter ihnen Clemens Holzmeister, Ernst Egli, Hans Poelzig und allen voran Bruno Taut, dessen Berliner Siedlungen kürzlich zum Weltkulturerbe erhoben wurden. Bruno Taut vertrat das Konzept, dass Architektur als künstlerische Disziplin auch gesellschaftliche Relevanz haben sollte. Im gleichen Geist propagierte Hindemith die Reform des türkischen Musikwesens als Berater des 1936 in Ankara gegründeten Konservatoriums. Das gefiel Kemal Atatürk, der großes Gewicht auf die Lehre, auf die Erziehung des wissenschaftlichen Nachwuchses legte. Er wollte eine nationale Elite heranbilden, die künftig unabhängig weiterwirken und die Souveränität des Staates garantieren sollte. Auch das ging bekanntlich auf.

Von den Studenten geliebt

Hirschs Autobiografie lässt neben den Nachrichten über die Fakultät viel liebenswürdig Privates wissen. Wie ein junger Professor, der 1933 erst einunddreißig Jahre alt ist, immer wieder neue Wohnungen inspiziert und seine Bücherregale platziert, was er mit Freunden unternimmt, zum Beispiel mit Ernst Praetorius, dem ersten von Hindemith in die Türkei empfohlenen Musiker, in dessen Haushalt Hirsch in Ankara mitwohnt. Wie er mit seinen Studenten umgeht, die ihn offensichtlich sehr mögen und lange die Treue halten. All das ist im Alter nicht ganz ohne professorale Betulichkeit verfasst mit gelegentlichem Anflug von Selbstlobhudelei. Stolz war Ernst Hirsch, als deutscher Elite-Professor in Istanbul als "zu den oberen Tausend" gehörig eingeschätzt zu sein.

Der Urheber des türkischen Handelsgesetzbuches

Er reformierte und revolutionierte die Methoden des türkischen Rechtsunterrichts, brachte westliches wissenschaftliches Rechtsdenken an den Bosporus, die Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie. Auf ihn geht das türkische Urheberrecht zurück und das türkische Handelsgesetzbuch von 1956. Kritisch sieht man ihn gegenüber der kemalistischen Revolution und deren radikalen "Zerstörung von Werten und Wertvorstellungen von mehr als 1000 Jahren alter Tradition". Der Kemalismus sei "das ideologische Glaubensbekenntnis der türkischen Republik".

Deutsche Architekten und Städteplaner in der Türkei

Viel ausführlicher und wissenschaftlicher ist da natürlich das Buch "Kulturtransfer und nationale Identität" zum Thema "Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927". Die aufwendig mit vielen Abbildungen gestaltete, überraschend gut zu lesende Habilitationschrift der in Deutschland lebenden Türkin Burcu Dogramaci. Wohl ein künftiges Standardwerk.

Die Türkei, die Juden und der Holocaust

Und noch ein neues Buch verlangt hier Aufmerksamkeit - sozusagen als Kehrseite des Schicksals von Ernst Hirsch und seiner Exilkollegen von damals. "Die Türkei, die Juden und der Holocaust" lässt ahnen, dass seitens der türkischen Regierung 1933 kaum ein humanitärer Gedanke im Spiel war, als man die bedrohten Spitzenwissenschaftler ins Land rief. Es waren nur wenige türkische Diplomaten, die in den vierziger Jahren bedrohte, jüdische Landsleute in den von den Deutschen besetzten Ländern retteten. Von den 20 000 türkischen Juden, die damals in Westeuropa lebten, haben viele nicht überlebt, weil die Regierung in Ankara ihnen die türkische Staatsbürgerschaft entzog und damit den Schutz vor der NS-Vernichtungpolitik. Immerhin hat das türkische Universitätswesen während der Hitlerzeit dank deutscher Juden goldene Jahre erlebt. Und von daher eine goldene Zukunft?

(Ariane Thomalla)

http://www.arte.tv/de/content/tv/02__Universes/U2__Echapp_C3_A9es__culturelles/04-Dossier/edition-2008.10.01_20Buchmesse_20FFM/
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