Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern (1907)

Wulffen, Erich

Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern (1907)

Reihe Juristische Zeitgeschichte - Abt. 6: Recht in der Kunst - Kunst im Recht, Band-Nr. 32
unverbindliche Preisempfehlung:
Bestell-Nr 1442
ISBN 978-3-8305-1442-8
erschienen 15.10.2007
Format Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 132
Gewicht 373 g
Preis 19,00
Auf die Merkliste In den Warenkorb
Erich Wulffen (1862–1936) war einer der herausragenden deutschen Kriminologen in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts. Dabei faszinierte ihn die Häufigkeit, mit der sich die Literaten der Weltliteratur kriminalistischen Problemen und pathologischen Geisteszuständen zuwandten. Zu Wulffens bevorzugten Dichtern gehörte Friedrich Schiller, mit dem er sich wissenschaftlich intensiv auseinandersetzte. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Studie "Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern". Darüber hinaus wird eine Biographie der Laufbahn Wulffens als Jurist und Schriftsteller vorgelegt. Erstmals lassen sich hier anhand einer detaillierten Werkbibliografie das gesamte literarische Schaffen und seine Entwicklung übersehen. Der kommentierte und mit weiteren Materialien ausgestattete Reprint ist damit am Beispiel eines Werks und einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit zugleich ein aufschlussreicher Abriss zur Geschichte und zu den Fortschritten der kriminalpsychologischen Forschung. In dieser facettenreichen Biographie, Werk- und Rezeptionsgeschichte gewinnt nicht zuletzt die juristische Zeitgeschichte konkrete Anschauung und Kontur. Das Buch wendet sich vorrangig sowohl an Juristen als auch an Schiller-Interessierte.
Rezensionen
Im Jahr 1782 wurden Friedrich Schillers "Räuber" erstmals aufgeführt, 1907 veröffentlichte der sächsische Staatsanwalt und Kriminologe Erich Wulffen seine kriminalpsychologischen und psychopathologischen Überlegungen zu diesem Drama, und 2007 schließlich brachte Jürgen Seul eine Neuauflage des Wulffen'schen Textes heraus, versehen mit einer verdienstvollen biographischen Einleitung zu Wulffen und mit literarischen und juristischen Erläuterungen. Beschäftigt man sich mit dem von Seul neu edierten Werk Wulffens, so hat man es also eigentlich mit drei Büchern zu tun, deren unterschiedliche literarische, juristische, kriminologische und psychologische Schwerpunktsetzungen die Lektüre zu einer vielschichtigen und interdisziplinär anregenden Angelegenheit werden lassen.
Wulffen, der neben seinem juristischen Brotberuf seine Liebe zur Schauspielerei und zur Literatur nie verlor (und auch mit Karl Mays Witwe Klara in engem Kontakt stand und bei der Vernichtung der den Vater Old Sure- und Shatterhands betreffenden Strafakten mithalf), war als Kriminologe Anhänger von Lombrosos Degenerationslehre. Es überrascht also nicht, dass er in Franz und Karl Moor, den Hauptakteuren in Schillers "Räubern", degenerierte und dem Irrsinn nahe stehende Charaktere sah. Franz Moor verortete Wulffen zwischen dem "moralisch irrsinnigen Scheinverbrecher" und dem "im äußeren Bilde ganz gleichen Gewohnheitsverbrecher aus defekter Erziehung und willkürlicher Hingabe an das Laster" (S. 42), und bei Karl Moor diagnostizierte er "paranoia reformatoria sive politica" (S. 44), eine mit Größenideen verbundene Form der "paranoia chronica".
Jürgen Seul gelingt es nun in seinen Erläuterungen, Wulffens psychologische und psychopathologische Ausführungen in Bezug zu den kriminologischen und psychiatrischen Diskursen seiner Zeit zu stellen, wobei v.a. Lombroso und Krafft-Ebing als prägende Instanzen herausgestrichen werden. Auch die Wirkung literarischer Größen wie Shakespeare und historischer Vorbilder wie der "Krummfinger-Balthasar-Bande" wird dabei gebührend berücksichtigt. Wenn auch Seul in seinen Erläuterungen eine umfassendere Auseinandersetzung mit der neueren kriminologie- und psychiatriegeschichtlichen Literatur vermissen lässt, so gelingt ihm doch eine treffende Einordnung von Wulffens Werk in das Spannungsfeld zwischen sozialdarwinistischen Theorien und literarisch-idealistischen Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft. Ein kultur- und gesellschaftsgeschichtlicher Bogen, der sich vom deutschen Idealismus und der deutschen Klassik über die positivistische und biologistische Wissenschaftsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts bis zu den kriminalpolitischen Fragen der Gegenwart spannt, wird so bei der Lektüre dieses neu edierten und erläuterten Textes Wulffens sichtbar. Eine Zusammenstellung von zeitgenössischen Rezensionen, welche die unmittelbare Rezeption von Wulffens Werk illustrieren, und ein Werkverzeichnis des sächsischen Kriminologen runden den nicht allzu umfangreichen, aber gehaltvollen Band ab.

(Dr. Dr. Christian Bachhiesl)

Archiv für Kriminologie, Band 222, Heft 1-2/2008, S.66-67



Wulffen '07 revisited
Bemerkungen zu Jürgen Seuls Neuausgabe von Erich Wulffens "Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern"


"Zum Beispiel: unsere Klassiker. Wir haben sie auf der Schule gelesen, und nun sagen wir unser ganzes Leben lang: Wir kennen die Klassiker. Aber wir haben die interessantesten und persönlichsten Werke der Klassiker gar nicht, und die übrigen unter falschen Gesichtspunkten gelesen."
Egon Friedell (1)


Der Begriff "Klassiker" wird nicht allzu häufig mit dem Recht, seiner Wissenschaft und Sprechung in einem Atemzug genannt, zumindest dann nicht, wenn der engere fachwissenschaftliche Rahmen überschritten wird. Gemeinhin gilt die Juristerei als eher trockene Angelegenheit, deren Spannungspotenzial als durchaus begrenzt empfunden wird. Häufig sind es gerade auch Juristen, die sich von den "allzu engen Fesseln formaler Paragraphenjurisprudenz" (2) gehemmt fühlen und so diese Fesseln zu sprengen bemüht sind und sich, nach weiteren Horizonten sehnend, anderen Wissenschaftszweigen, der Literatur, der Kunst oder gar dem Leben als solchem zuwenden. Ein solcher Jurist, der bestrebt war, seinen juristischen Brotberuf mit der Kunst und Kultur in Verbindung zu setzen und so den Kontakt der Rechtswissenschaft mit der allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu gewährleisten, war (Wolf Hasso) Erich Wulffen (1862-1936). Wulffen war während seiner Zeit als Student der Rechtswissenschaft auch Schauspieler gewesen und daher mit der dramatischen Literatur aufs Beste vertraut, und so nimmt es nicht Wunder, dass er später, als Staatsanwalt und Kriminologe im sächsischen Staatsdienst, immer wieder auf seine Bühnenerfahrung rekurriert und dass in so mancher seiner kriminalpsychologischen Analysen die Perspektive des Bühnen- und Theaterpsychologen erkennbar wird. Dass sich aber Wulffens literarische Interessen nicht nur auf das Drama und das Theater beschränkten, belegt der Umstand, dass er, als Staatsanwalt mit den Prozessakten von Karl May befasst, nach dem Tod des wirkmächtigen Schriftstellers in engem Kontakt mit dessen Witwe Klara May stand. Wulffen verfasste auch eine wissenschaftliche Studie über die strafrechtlichen Verwicklungen Karl Mays, die 1928 fertig vorlag, aufgrund einer Intervention von Klara May jedoch nicht veröffentlicht werden konnte; bereits 1922 waren die Karl May betreffenden Strafakten auf Drängen von dessen Witwe und unter Mitwirkung von Erich Wulffen vernichtet worden – eine "kulturhistorische Katastrophe", wie Jürgen Seul anmerkt. (3)
Eines der Werke des bedeutenden Kriminologen Erich Wulffen wurde nun, passend zum einhundertjährigen Jubiläum seiner Erstveröffentlichung, von Jürgen Seul neu herausgegeben, die "Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern". Dem Text dieser zwischen Strafrecht und Literaturwissenschaft angesiedelten kriminalpsychologischen Studie stellt Seul eine knappe, aber informative Biographie Wulffens voran (S. XI-XXII), die neben einem Überblick über den juristisch-kriminologischen Werdegang und das kriminalwissenschaftliche Werk des sächsischen Staatsanwaltes und Ministerialdirektors auch dessen künstlerische und literarische Überzeugungen und Aktivitäten ins Licht rückt. Diese Biographie stellt ein dem tieferen Verständnis von Wulffens im Anschluss daran präsentierter, neu gesetzter und paginierter, jedoch sonst nicht weiter überarbeiteter Analyse aus dem Jahr 1907 äußerst dienliches Einführungskapitel dar. Es gelingt Seul, in skizzenhaften, aber charakteristischen Strichen ein Bild vom Denken und Wirken Wulffens zu entwerfen, das den Leser/die Leserin auf die zentralen Punkte der psychologischen Analyse von Schillers Erstlingsdrama aufmerksam macht, ohne ihm/ihr eine bestimmte Auslegungslinie aufzudrängen.
Sodann folgt der Abdruck von Wulffens "Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern". Zu Beginn des Textes verweist Wulffen auf die vom Literaturkritiker Kuno Fischer geäußerte Ansicht, Schiller habe die Charaktere der Hauptfiguren der 1782 erstmals aufgeführten "Räuber", Franz und Karl Moor, zu abstrakt und improvisiert gezeichnet, um sich dann sogleich mit Eifer an das Werk zu machen, diese Ansicht als unzutreffend zurückzuweisen. In aller Kürze lautet der Succus aus Wulffens Ausführungen: Die Figuren von Franz und Karl Moor seien durchaus der Realität bestens nachempfunden, oder besser gesagt, unter Berücksichtigung des noch recht rudimentären medizinisch-psychologischen Wissensstandes zu Schillers Zeit, in genialer Weise vorausempfunden. Als Sprösslinge eines degenerierten Geschlechts – auch ihr Vater, der alte Graf von Moor, weise bereits deutliche Züge der Entartung auf – wiesen Schillers Helden exakt jene Charakterzüge auf, die von der Wissenschaft ein Jahrhundert später als Merkmale pathologischer Persönlichkeiten erkannt werden sollten: Franz Moor sei dem "moralischen Irrsinn" verfallen, aber, obwohl schlussendlich dem Wahnsinn anheim fallend, doch nicht ganz, er stehe vielmehr (ähnlich wie Shakespeares Richard III.) "zwischen dem 'moralisch irrsinnigen Scheinverbrecher' und dem 'im äußeren Bilde ganz gleichen Gewohnheitsverbrecher aus defekter Erziehung und willkürlicher Hingabe an das Easter'." (S. 42) Karl Moor jedoch sei als geisteskrank zu betrachten, da er an der sogenannten "paranoia reformatoria sive politica" leide, einer mit Größenideen verbundenen Form der "paranoia chronica", die den Erkrankten seine zur Steigerung des eigenen Selbst begangenen Untaten als revolutionär-sozialreformerische Maßnahmen zur Herstellung von gesellschaftlicher Gerechtigkeit wahrzunehmen veranlasse. (S. 44f.) Bei der Diagnose dieser Krankheitsbilder stützt sich Wulffen v. a. auf den seiner Zeit führenden Psychiater Richard von Krafft-Ebing. Zu Wulffens kriminalpsychologischen bzw. psychopathologischen Erkenntnissen ist in der Tat einiges anzumerken; wir wollen uns nun den Kommentaren zuwenden, die Jürgen Seul der Wulffen'schen Analyse der Schiller'schen Mooren zur Seite resp. nachstellt: Die Seiten 61 bis 85 des Buches sind "literarischen und juristischen Erläuterungen" gewidmet, die Wulffens Werk in einen weiteren literatur- und rechtsgeschichtlichen Kontext stellen sollen. Seul beginnt mit den literarischen Erläuterungen und verweist zunächst auf die bereits von Wulffen herausgestrichene Stigmatisierung des Verbrechers durch ein unvorteilhaftes, ja hässliches Äußeres (S. 63). Wulffen selbst verwies in diesem Zusammenhang auf die ebenfalls hässlichen Bösewichter bei Shakespeare – hier ist ein Thema angesprochen, das sich durch die abendländische Kulturgeschichte zieht: die angebliche Koinzidenz von hässlicher Physiognomie und hässlichem Charakter. Bereits in der Antike, am Anfang der europäischen Literaturgeschichte, wird dieser Topos bemüht, wenn bei Homer der hässliche und krummgestaltige Thersites durch seine die Kampfesmoral untergrabenden Reden beinahe den vorzeitigen Abzug der Griechen von Troja (und damit die Vermeidung weiteren Blutvergießens) erreicht, wofür er dann auch von Odysseus ordentlich verprügelt wird. In diesem Bild vom hässlichen Menschen, der gleichzeitig einen schlechten Charakter aufweise, spiegelt sich eine Umkehrung des seit der Antike gängigen Bildes vom schönen Körper, in dem ein schöner Geist haust, wider. Der Alt- und Sporthistoriker Ingomar Weiler spricht hier von einer Umkehr des griechischen Idealbildes, von der sogenannten "negativen Kalokagathie", deren wirkungsgeschichtliche Kraft eine anthropologische Konstante darstelle und daher auch von der Antike bis in die Gegenwart immer wieder zu beobachten sei. (4) Leider gehen weder Wulffen noch Seul näher auf diese gerade auch im Zusammenhang mit den kriminalanthropologischen Theorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessante Thematik näher ein.
Ausführlicher behandelt Seul die Stilisierung des Räuberhauptmanns Karl Moor zu einem "Robin Hood" (S. 65) der deutschen Literatur und zu einem Sozialreformer, der sich selbst nicht so sehr als Verbrecher denn als Kämpfer gegen die sozialen Ungerechtigkeiten der feudalen Gesellschaftsordnung sieht. Wulffen erachtete es als gesichert an, dass "die Räuber als ein literarischer Vorläufer der ein Dezennium später ausgebrochenen ersten französischen Revolution von 1789 zu gelten haben" (S. 48), beharrt aber auf einer vorwiegend psychologisch-psychopathologischen Deutung des Dramas, was ihm Seuls Vorwurf einträgt, der "Staatsdiener Wulffen" habe diese grundlegende politische Tonlage des Stücks nicht deutlich genug gehört, "wie er überhaupt die rein politische Motivation des Stücks, d. h. die Beseitigung der sozialen Missstände, den Willen zur Freiheit von Karl Moor als solches nicht zur Sprache bringt." (S. 72) Nun, von einem Staatsanwalt Verständnis für Revolution und Anarchie zu fordern, ist wohl ein wenig zu viel verlangt. Sehr schön aber arbeitet Seul die von Wulffen völlig übergangenen historischen Vorbilder und Hintergründe von Schillers "Räubern" heraus, indem er auf das Treiben der "Krummfinger-Balthasar-Bande", auf die "Akte Buttlar" und auf die diesbezüglich relevante Literatur hinweist (S. 69f.). Und Wulffen zustimmend, nennt Seul Friedrich Schiller einen "satirischen Kritiker des Strafgesetzes", weil er im "Verbrecher aus verlorener Ehre" paradigmatisch herausarbeite, wie "überhöhte Sanktionierung durch den Staatsapparat" einen Menschen erst recht zum Verbrechen treibe (S. 70). Mit dem Verweis auf zwei in den "Räubern" enthaltene, von Wulffen jedoch ebenfalls nur am Rande beachtete biblische Motive, das des verlorenen Sohnes und das der beiden feindlichen Brüder, beschließt Seul die literarischen Erläuterungen, um nunmehr zu den juristischen Erläuterungen überzugehen.
Diese juristischen Erläuterungen eröffnet Seul mit einem Zitat aus Wulffens Werk "Das Kriminelle in der Weltliteratur", demgemäß alle Menschen "an einer minder deutlichen latenten Kriminalität, an einer heimlichen, oft nur durch die Gesetze gehemmten Bereitschaft zum Verbrechen" litten (S. 75), in dem also das Kriminelle als anthropologische Konstante festgestellt wird. Hier erwartete man wohl ein kurzes Eingehen auf alternative Deutungs- und Erklärungsmuster von Kriminalität (Labeling-Theorien etwa, milieuzentrierte Ansätze usw.), Seul aber verzichtet auf einen Exkurs in die Gefilde der anthropologischen Grundlagen der Kriminologie und ihres Selbstverständnisses und folgt weiterhin der Argumentation Wulffens, der feststellt, dass Dichter eine besondere Deutungskompetenz betreffend kriminelle Verhaltensmuster für sich in Anspruch nehmen könnten – eine Sichtweise, die große Ehrfurcht vor dem Genie der Dichter und vor ihrer angeblichen intuitiven, ja geradezu prophetischen Sehergabe zum Ausdruck bringt. Mit Wissenschaftlichkeit aber und v. a. mit der von Wulffen gerne in Anspruch genommenen naturwissenschaftlichen Basis kriminologischen Forschens hat derlei Klassikerverehrung kaum mehr etwas gemein. (Wulffen war freilich nicht der einzige Kriminologe, der Anspruch auf naturwissenschaftliche Exaktheit erhob, in der kriminologischen und kriminalistischen Praxis aber nicht selten bei intuitiven, ja manchmal geradezu irrationalen Methoden Zuflucht suchte – nicht ohne Erfolg bei der Verbrechensaufklärung, wie trotz aller wissenschaftstheoretischen und methodologischen Kritik eingeräumt werden muss. (5) Mit der von Wulffen als methodische Basis postulierten (exakten) Naturwissenschaftlichkeit steht außerdem die von ihm strapazierte, gleichsam dämonische Kategorie des Bösen, eben "das Walten eines bösen Prinzips" (S. 58), im Widerspruch. Wulffen führt das Verbrecherische im Menschen letztlich auf ein elementares Böses zurück, und diese Sicht der Dinge scheint ihm noch dazu den naturwissenschaftlichen Standards zu entsprechen: "So gelangte der Dichter-Mediziner, auch abgesehen von seiner noch nicht reifen Künstlerschaft im Sinne des Kunstdramas, ebenfalls zur naturwissenschaftlichen Auffassung und Gestaltung Karls als des Vertreters jenes Bösen, welches sozial aus den Anregungen der elementaren Materie erwächst." (S. 59) Hier müsste man wohl eher von einer mythisch-religiös begründeten Ethik anstatt von Naturwissenschaft sprechen. Jürgen Seul aber fasst Wulffens Ansicht von der gleichsam intuitiven Einfühlungsgabe Schillers in die kriminelle Psyche mit den Worten zusammen, dass "letztlich eine unlösbare Verankerung des Kriminellen mit der Dichterseele selbst" gegeben sei, und er folgt dieser Ansicht insofern, als er – unter Berufung auf den Schiller-Forscher Norbert Oellers – Franz und Karl Moor als "Alter Egos von Friedrich Schiller" bezeichnet (S. 76f.). Mit der Erörterung des Umstands, dass Erich Wulffen die literarischen Charaktere des Franz und Karl Moor vorwiegend unter den Aspekten der Degeneration, der Entartung und der Geisteskrankheit, also ganz aus naturwissenschaftlich-medizinischer, psychologisch-psychopathologischer Perspektive betrachtet, wendet sich Jürgen Seul sodann dem aus kriminologischer Sicht wohl zentralen Themenkomplex des Buches zu. Wie bereits erwähnt, sah Wulffen in Franz Moor einen Grenzgänger zwischen "moralischem Irrsinn" und "Gewohnheitsverbrechen aus defekter Erziehung und willkürlicher Hingabe an das Laster" und in Karl Moor einen an "paranoia reformatoria sive politica" erkrankten, also letztlich zurechnungsunfähigen Geisteskranken (aus strafrechtlicher Sicht ist die Schuldzurechnungsfähigkeit ja das zentrale Problemfeld bei der Erörterung einer allfälligen Geisteskrankheit). Seul vollzieht knapp, aber präzise nach, wie sehr diese Position Wulffens den kriminalanthropologischen Lehren des italienischen Arztes und Kriminologen Cesare Lombroso verpflichtet ist. Zunächst fasst Seul Lombrosos allbekannte Theorien von Degeneration (die Moors waren schließlich in Wulffens Augen ein ganz und gar degeneriertes Geschlecht!), Atavismus, moralischem Irrsinn und dem geborenen Verbrecher, dem Homo delinquens als einer charakterlich wie körperlich stigmatisierten Abart des Homo sapiens, zusammen, um dann Wulffens Modifikation der Lombroso'schen Positionen zu umreißen: Wulffen habe zwar die physiognomisch-atavistischen Theorien Lombrosos verworfen, dennoch aber am Typus des geborenen Verbrechers festgehalten, der aber nicht so sehr durch seine Physiognomie als durch seine degenerierte Psyche, durch einen moralischen Defekt gekennzeichnet sei (S. 81 f.). In treffender Weise setzt Seul diese Position in Relation mit den im geistesgeschichtlichen Hintergrund wirkenden psychiatrischen Lehren von Richard von Krafft-Ebing und mit den in der Darwin'schen Evolutionslehre wurzelnden biologistischen und (sozial-) darwinistischen Theorien. Damit fasst Seul mehrere kennzeichnende Momente der Geschichte der Kriminologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammen, ohne freilich näher darauf einzugehen – was ja bei einer knapp kommentierten Neuausgabe eines "Klassikers" der kriminalpsychologischen Literatur wohl kaum erwartet werden darf. Als Kritik ist hier lediglich festzuhalten, dass Seul auf die in den letzten Jahren immer reichhaltiger werdende kriminologiehistorische Literatur nur sehr spärlich verweist. (6) Festzuhalten ist hier auch, dass die Bewertung der Charaktere von Franz und Karl Moor durch Erich Wulffen einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts und auch z. T. heute noch gängigen Praxis bei der Beurteilung des geistigen Gesundheitszustands von Straftätern entspricht: Vor allem Franz Moor, der "zwischen dem 'moralisch irrsinnigen Scheinverbrecher' und dem 'im äußeren Bilde ganz gleichen Gewohnheitsverbrecher aus defekter Erziehung und willkürlicher Hingabe an das Laster'" angesiedelt wird, sei hier als Beispiel für die ambivalente und oft willkürliche Kategorisierung von Kriminellen genannt. Einerseits wurden und werden Kriminelle – vor allem die sozusagen "schäbigen" und ganz und gar "verderbten" unter ihnen – als Entartete und Degenerierte in die Nähe von Geisteskrankheit gerückt, aber eben nur in die Nähe, sodass sie nicht gänzlich als geisteskrank gelten können und damit schuldzurechnungsfähig und strafrechtlich verantwortlich bleiben. "Sympathischere" und sozusagen etwas "edlere" Verbrecher aber – wie eben z. B. Franz Moor – werden als ganz und gar geisteskrank dargestellt, sodass ihre Taten durch ihre Krankheit entschuldigt werden können und ihnen der Kerker erspart bleibt; die Alternative dazu, die Irrenanstalt, ist freilich auch nicht viel besser. Bei einer Einordnung von Verbrechern wie Franz Moor in einen Graubereich zwischen strafrechtlichen und psychopathologischen Kategorien wird ein gerüttelt Maß an psychiatrischer und juristischer Willkür sichtbar, erlaubt sie doch je nach Gutdünken ein Hin-und Herschieben zwischen strafrechtlichem und medizinischem System (was gewiefte Straftäter gewiss auch ab und an für ihre Zwecke nutzen können). Um die damit angesprochene Frage nach dem angemessenen Umgang mit Straftätern und Geisteskranken weiter zu erörtern, ist hier nicht der rechte Platz. (7)
Erich Wulffen sah in literarischen Gestalten die mit dichterischer Gabe beschriebenen Menschentypen in Reinform, und daher war es ihm auch ein Anliegen, Schillers Franz und Karl Moor als bestens gelungene Beispiele für in verschiedenem Grade geistig verfallene und verkommene Verbrecher zu erweisen. In unhistorischer Weise wendete er dabei die psychiatrischen und psychologischen Maßstäbe des beginnenden 20. Jahrhunderts auf das Denken eines Dichters des ausgehenden 18. Jahrhunderts an – ein methodischer Fehlgriff, den schon die zeitgenössischen Rezensenten Wulffens bemängelten. Drei solcher zeitgenössischer Rezensionen sind in Seuls Neuausgabe von Wulffens Werk abgedruckt, was durchaus lobenswert ist, da es dem Leser einen Einblick in die unmittelbare Rezeption des Werkes von psychologischer, literaturwissenschaftlicher und kriminologischer Seite erlaubt. Wulffens versuchter Brückenschlag zwischen Literatur und Kriminalpsychologie wurde scheints nicht besonders geschätzt; so schrieb Paul Näcke in seiner 1907 in Hans Grossens "Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik" erschienenen Besprechung: "Es hat aber sein sehr Mißliches, wenn ein Jurist in das schwierige Gebiet der Psychiatrie sich wagt und gar auf das heikle der Grenzfälle." (S. 91). Hans Gross, Begründer der "Österreichischen Schule der Kriminologie" und auch in Übersee anerkannter Vater der "criminal investigation", bot aber auch Erich Wulffen die Möglichkeit, seine Auffassung von einer sozusagen literarisch angereicherten Kriminologie im "Archiv" zu publizieren; zwischen 1903 und 1906 wurden acht Beiträge Wulffens in diesem damals wie heute bedeutenden kriminologischen Publikationsforum abgedruckt. (8) Und hier verkündete Wulffen, dass eine rein formaljuristische Beurteilung von Kriminellen nicht ausreichend sei: "Die Tat soll im Urteile moralisch bewertet werden. Man soll nach dem Durchlesen eines Urteils sich nicht noch fragen müssen: was hat also, moralisch gewürdigt, der Mensch eigentlich getan?" (9) Bei der moralischen Beurteilung des Menschen aber könne jede Form von Literatur, vom Klassiker bis zum Volksmärchen, sehr hilfreich sein: Seinem Aufsatz "Das Kriminelle im deutschen Volksmärchen" stellt Wulffen ein Diktum Heines voran: "Aus alten Märchen winkt es / Hervor mit weisser Hand". (10) Und so versuchte Wulffen also, das Wahre und Erhellende in seiner konzentrierten Form in der Literatur zu finden, die er als edelstes Substrat des Lebens zu betrachten schien. Dabei kam es ihm nicht in den Sinn, dass die Literatur auch kriminogene Wirkungen zeitigen könne, wobei ihm die negativen Folgen des Lesens doch eigentlich hätten auffallen müssen: Im Jahr 1903 war Wulffen mit einem Fall befasst, in dem eine 18 Jahre junge "Zigarettenarbeiterin" angab, sie habe eine unerwünschte Leibesfrucht mit Hilfe von Rotwein und Bitterklee abgetrieben. Im Laufe des Gerichtsverfahrens aber wurde festgestellt, dass die Angeklagte nie schwanger gewesen sei, dass sie ihre zunehmende Leibesfülle nur durch Ausstopfen der Kleidung vorgetäuscht und die Abortiva wahrscheinlich zwar zu sich genommen habe, mangels einer Schwangerschaft eine solche aber gar nicht habe abbrechen können. Die junge Frau gab an, sie habe sich nur interessant machen wollen, eine Idee, die sich bei ihr "wahrscheinlich durch übertriebenes Romanlesen [...] eingeschlichen hat". Solch schlimme Verwirrung kann die Literatur in den Köpfen unbedarfter Geschöpfe anrichten! Erich Wulffen aber kommentierte diesen Fall abschließend ganz lapidar: "Das Urteil lautete wegen versuchter Abtreibung mit tauglichem Mittel bei untauglichem Objekt auf 3 Monate Gefängnis." (11) Ob nicht doch das "echte" Leben jedwede Dichtung zu übertreffen vermag?
Abschließend bleibt jedenfalls festzustellen, dass Jürgen Seul mit seiner Neuausgabe von Wulffens "Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schillers Räubern" einen wertvollen Beitrag zur rechts- und kriminalhistorischen und darüber hinaus zur kulturgeschichtlichen Forschung geleistet hat. Er hat eine oft überhörte Stimme im Konzert der Kriminologen wieder im Originalton vernehmbar gemacht, ergänzt durch eine übersichtliche Biographie, erläuternde Kommentare und ein umfangreiches und sehr verdienstvolles Werkverzeichnis des sächsischen Kriminologen. Die kulturelle Offenheit und Neugier, die in diesem Buch in gleichsam Generationen überspannender Weise von Erich Wulffen und Jürgen Seul demonstriert werden, mögen die Juristerei davor bewahren, endgültig zu dem trockenen und formalistischen Metier zu verkommen, als das sie von vielen wahrgenommen wird.

(Christian Bachhiesl)

Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft, Nr. 156, 2. Quartal / Juni 2008, S.51-59

Fußnoten:
(1) Egon Friedell: Vom Schaltwerk der Gedanken. Ausgewählte Essays zu Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Theater und Literatur. Hg. von Daniel Keel und Daniel Kampa. Zürich 2007, S. 18.
(2) Ernst Seelig: Hans Groß. Sein Leben und Wirken. Gedenkrede, gehalten bei der Feierstunde in der Aula der Universität zu seinem 25. Todestag am 9. Dezember 1940: In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 36/1943, S. 109-120, 119.
(3) Jürgen Seul: Erich Wulffen – Leben und Werk. In: Wulffen, wie Anm. 1, S. XI-XXII, XXIf.
(4) Ingomar Weiler: Negative Kalokagathie. In: Ders.: Die Gegenwart der Antike. Ausgewählte Schriften zu Geschichte, Kultur und Rezeption des Altertums. Hg. von Peter
(5) Zur häufig beobachtbaren Irrationalität kriminologischer Forschung vgl. etwa Peter Strasser: Verbrechermenschen. Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen. Frankfurt, New York 22005, v. a. S. 41-101; Strasser wirft den Kriminologen generell vor, dass sie, weil auf ein im Kriminellen wirkendes archaisches Böses rekurrierend, eine Remythologisierung der Wissenschaft betrieben. Ein schönes Beispiel für die sich zwar auf Naturwissenschaftlichkeit berufende, aber oft auf die Verwertung von Alltagsweisheiten und Gemeinplätzen beschränkende Arbeitsweise der Kriminologen bietet der Grazer Kriminologe Hans Gross; vgl. Christian Bachhiesl: Zur Konstruktion der Kriminellen Persönlichkeit. Die Kriminalbiologie an der Karl-Franzens-Universität Graz (Rechtsgeschichte 12). Hamburg 2005, v. a. S. 23-40; Christian Bachhiesl: Der Zug zum Verbrechen. Zur kriminalhistorischen Bedeutung der Eisenbahn. In: Friedrich Bouvier/Nikolaus Reisinger (Hg.): Stadt und Eisenbahn – Graz und die Südbahn. Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Bd. 37. Graz 2007, S. 265-299, v. a. S. 269-275.
(6) Diese soll hier in einer kleinen Auswahl genannt werden: Christian Bachhiesl: Der Fall Josef Streck. Ein Sträfling, sein Professor und die Erforschung der Persönlichkeit (Feldforschung 1). Wien u. a. 2006; Imanuel Baumann: Dem Verbrechen auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980 (Moderne Zeit 13). Göttingen 2006; Peter Becker: Dem Täter auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminalistik. Darmstadt 2005; Peter Becker: Verderbnis und Entartung. Eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis. Göttingen 2002; Peter Becker/Richard F. Wetzeil (Hg.): Criminals and their Scientists. The History of Criminology in International Perspective. Cambridge u. a. 2006; Silviana Galassi: Kriminologie im Deutschen Kaiserreich. Geschichte einer gebrochenen Verwissenschaftlichung. Stuttgart 2004; Ylva Greve: Verbrechen und Krankheit. Die Entdeckung der Criminalpsychologie im 19. Jahrhundert. Köln 2004; David von Mayenburg: Kriminologie und Strafrecht zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Hans von Heutig (1887-1974) (Rheinische Schriften zur Rechtsgeschichte 1). Baden-Baden 2006; Christian Müller: Verbrechensbekämpfung im Anstaltsstaat. Psychiatrie, Kriminologie und Strafrechtsreform in Deutschland 1871-1933. Göttingen 2004; Kai Naumann: Gefängnis und Gesellschaft. Freiheitsentzug in Deutschland in Wissenschaft und Praxis 1920-1960 (Forschungen zur Geschichte der Neuzeit. Marburger Beiträge 9). Berlin u. a. 2006; Sabine Ritter: Weibliche Devianz im Fin de Siecle. Lombrosos und Ferreros Konstruktionen der "donna delinquente" (Hamburger Studien zur Kriminologie und Kriminalpolitik 37). Münster 2005; Jürgen Simon: Kriminalbiologie und Zwangssterilisation. Eugenischer Rassismus 1920-1945. Münster u. a. 2001; Karsten UM: Das "verbrecherische Weib". Geschlecht, Verbrechen und Strafen im kriminologischen Diskurs 1800-1945 (Geschlecht – Kultur – Gesellschaft 11). Münster u. a. 2003; Milos Vec: Defraudistisches Fieber. Identität und Abbild der Person in der Kriminalistik. In: Anne-Kathrin Reulecke (Hg.): Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten. Frankfurt/Main 2006, S. 180-215; Milos Vec: Die Spur des Täters. Methoden der Identifikation in der Kriminalistik (1879-1933). Baden-Baden 2002; Richard F. Wetzeil: Inventing the Criminal. A History of German Criminology 1880-1945. Chapel Hill u. a. 2000.
(7) Vgl. Christian Bachhiesl: Das Verbrechen als Krankheit. Zur Pathologisierung eines strafrechtlichen Begriffs. In: Virus – Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin (im Druck).
(8) Wulffens Beiträge im Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik waren: Internationale kriminalistische Vereinigung. Bericht über die 9. Landesversammlung der Landesgruppe Deutsches Reich. In: Archiv 13/1903, S. 212-234; Die Strafzumessung unserer Gerichte. In: Archiv 14/1904, S. 108-117; Zur Ausbildung der praktischen Kriminalisten a) in kaufmännischen Kenntnissen und in den Geschäften des Handels, b) in den Strafanstalten. In: Archiv 16/1904, S. 107-150; Abtreibung mit tauglichem Mittel an untauglichem Objekt. In: Archiv 17/1904, S. 163f.; Mord oder Totschlag; verminderte Zurechnungsfähigkeit. In: Archiv 17/1904, S. 372-374; Verurteilung eines Unschuldigen. In: Archiv 23/1906, S. 94-130; Die Protokolle der Kommission für die Reform des Strafprozesses. In: Archiv 23/1906, S. 347-364; Das Kriminelle im deutschen Volksmärchen. In: Archiv 38/1910, S. 340-370.
(9) Erich Wulffen: Die Strafzumessung unserer Gerichte, wie Anm. 8, S. 112.
(10) Erich Wulffen: Das Kriminelle im deutschen Volksmärchen, wie Anm. 8, S. 340.
(11) Erich Wulffen: Abtreibung mit tauglichem Mittel an untauglichem Objekt, wie Anm. S. 163f.




×