Ländliche Ökonomien

Lesemann, Silke; Lubinski, Axel (Hrsg.)

Ländliche Ökonomien

Arbeit und Gesellung in der frühneuzeitlichen Agrargesellschaft

Reihe Aufklärung und Europa, Band-Nr. 20
Bestell-Nr 1375
ISBN 978-3-8305-1375-9
erschienen 10.07.2007
Format kartoniert
Umfang 286
Gewicht 431 g
Preis 34,00
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In diesem Band werden unterschiedliche Formen „ländlicher Ökonomien“ in der frühen Neuzeit und ihre Funktionsweisen thematisiert. Untersucht werden Formen wirtschaftlichen Denkens und Handelns im Arbeitsalltag sowie beim Transfer von Produkten, Kapital und Gütern anhand von Beispielen östlich und westlich der Elbe. Es wird u.a. gefragt, wie sich die sozialen Beziehungen in diesen Alltagsbereichen strukturierten und wie diese sozialen Beziehungen auf ökonomische Entscheidungen und Prozesse wirkten. Dabei werden neben den Kategorien sozialer Ungleichheit auch Sozialbeziehungen wie Verwandtschaft, Freundschaft und Nachbarschaft in den Blick genommen.

Die Beiträge dieses Bandes beziehen sich auf Diskussionszusammenhänge, die u.a. durch die Tätigkeit der früheren Max-Planck-Arbeitsgruppe "Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen" an der Universität Potsdam geprägt wurden.
Rezensionen
Die Erforschung der frühneuzeitlichen Agrargesellschaft ist seit einiger Zeit in erfreulichem Maße vorangeschritten und hat ihren Ausdruck in einer Reihe von Monographien und Sammelbänden gefunden. An diesen Publikationen war vor allem auch die Max-Planck-Arbeitsgruppe Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen in Potsdam beteiligt. Der vorliegende Band dokumentiert die Ergebnisse von Tagungen, die aus der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Max-Planck-Arbeitsgruppe und dem Forschungszentrum Europäische Aufklärung in Potsdam entstanden sind. Zum Inhalt dieses anregenden Bandes gehören elf Aufsätze, die sich auf Entwicklungsprobleme der ländlichen Gesellschaft aus einer ökonomischen Perspektive konzentrieren. Untersucht werden verschiedene Formen wirtschaftlichen Denkens und Handelns im Arbeitsalltag sowie beim Transfer von Produkten, Kapital und Gütern.
Die Herausgeber Silke Lesemann und Axel Lubinski referieren zu Beginn einleitende Bemerkungen zum Themenkomplex ländliche Ökonomien im Wandel der Zeit. Die Probleme dieser Thematik werden mit Blick auf dörfliche Gesellschaften östlich und westlich der Elbe vor allem unter zwei Gesichtspunkten diskutiert. Zum einen geht es um eine präzisere Beschreibung ökonomischen Handelns und zum anderen um eine genauere Analyse der sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren. Eine solche Analyse kann sich nicht auf die herkömmlichen Kategorien sozialer Ungleichheit und den adelig-bäuerlichen Widerspruch beschränken. Daneben müssen vielmehr soziale Beziehungsmuster in und zwischen den Lokalverbänden erschlossen werden, um strukturelle Zusammenhänge von Herrschaft, sozialen Beziehungen und sozialem Handeln in den ländlichen Gesellschaften der Frühen Neuzeit herauszufinden. Von den Beiträgen dieses Bandes, die hier nicht alle einzeln besprochen werden können, soll noch besonders auf die Aufsätze von Lieselott Enders und Jan Peters hingewiesen werden. Enders untersucht die bäuerliche Arbeitswelt am Beispiel der Prignitz und konstatiert, dass die Bauern trotz der überwiegend unfreien Arbeitsverhältnisse noch ausreichend Chancen zu einem in Grenzen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Arbeitskraft hatten. Zahlreiche Beispiele belegen die bäuerliche Bereitschaft zu Mehrleistungen, wenn dadurch eine Verbesserung der sozialen Position zu erreichen war. Peters analysiert ebenfalls die Arbeitsverhältnisse in einem prignitzschen Dorf. Seine vorwiegend aus Gerichtsprotokollen gesammelten Beispiele von zeitgenössischen Wahrnehmungen verdeutlichen ein kontradiktorisches Erfahren von Arbeit. Im Modell der Gutsherrschaft charakterisierten diese Unterschiede alle wesentlichen Beziehungen zwischen Adel und Untertanen. Leider war der Weg zur Publikation der aufschlussreichen Beiträge dieses Bandes relativ lang, da die Beiträge nach Aussage der Herausgeber bereits 2001 vorlagen.

(Werner Rösener, Gießen)

Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 96. Band, Heft 1/2009, S. 82-83



Dass sich die Geschichtswissenschaft in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren intensiver mit der ländlichen Gesellschaft auseinandergesetzt und dabei die lange behauptete Gleichförmigkeit und Stabilität bäuerlicher Lebensformen zunehmend hinterfragt hat, daran hat die ehemalige Max-Planck-Arbeitsgruppe "Osteibische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen" einen erheblichen Anteil. Nachdem in den Jahren 2001 bis 2003 bereits vier Bände in der bei Böhlau erschienenen Reihe "Potsdamer Studien zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft" erschienen sind, setzt vorliegender, an anderer Stelle publizierter Band gleichsam den Schlusspunkt. Thema dieses fünften Bandes sind Struktur und Entwicklung ländlicher Ökonomien. Einerseits gehe es dabei, so die Hrsg. in ihrer Einleitung, um eine präzisere Beschreibung ökonomischen Denkens und Handelns im Arbeitsalltag, etwa auch im Kontext des Transfers von Produkten, Kapital und Gütern, andererseits um die Ausleuchtung sozialer Beziehungen. Hier wolle man über die bekannten Kategorien sozialer Ungleichheit hinausgehen und soziale Orte erschließen, in denen ländliche Ökonomien gestaltet und geformt wurden. Um die kleinräumigen Geselligkeitsformen begrifflich zu fassen und damit eine Brückenfunktion zwischen formellen und informellen Kontakten zu schaffen, wurde der von Heide Wunder vorgeschlagene Terminus von der "Gesellung" übernommen.
Die insgesamt zehn mikro- bzw. kulturgeschichtlich inspirierten Beiträge greifen jeweils einzelne Aspekte auf. Lieselott Enders beleuchtet am Beispiel einiger Dörfer in der brandenburgischen Prignitz den selbstbestimmten Umgang der Bauern mit ihrer Arbeitszeit. Ebenfalls in der Prignitz untersucht Jan Peters die Wahrnehmungsmuster der Bauern von Arbeit und Zeit. Auf eigene frühere Arbeiten kann Renate Blickle zurückgreifen, die Formen freier und unfreier Arbeit in Bayern diskutiert. Axel Lubinski thematisiert Formen von Lohnarbeit in Mecklenburg, die sich als erstaunlich flexibel erwiesen. Am Beispiel des brandenburgischen Dorfes Schlalach fragt Marion Walter Gray nach den Auswirkungen ökonomischer Innovationen auf Umwelt und gesellschaftliche Transformationsprozesse. Während Anke Hufschmidt die Organisation sozialer Beziehungen im niederen Adel des Weserraumes im 16. und 17. Jh. untersucht, beleuchtet Silke Lesemann die Bedeutung von Freundschaft und Geselligkeit als emotionale Bindungsformen im altmärkischen Adel an der Wende zum 19. Jh. Den Zusammenhang von Verwandtschaft und Ökonomie decken Susanne Rappe-Weber, Susanne Rouette und Dana Stefanova auf, die Rolle und Funktion von Hofübergaben im ländlichen Raum (am Beispiel des Weserberglandes, des westfälischen Dorfes Distedde und von Gebieten in Nordböhmen) untersuchen.
Der Band ist gelungen, er enthält viele neue Anregungen und Einsichten und lädt dazu ein, ländliche Ökonomien aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.

Ralf Pröve
Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 58, 2008



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