Jüdische Seidenunternehmer und die soziale Ordnung zur Zeit Friedrichs II.

Meier, Brigitte

Jüdische Seidenunternehmer und die soziale Ordnung zur Zeit Friedrichs II.

Moses Mendelssohn und Isaak Bernhard - Interaktion und Kommunikation als Basis einer erfolgreichen Unternehmensentwicklung

Reihe Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Band-Nr. 52
Bestell-Nr 1362
ISBN 978-3-8305-1362-9
erschienen 08.05.2007
Format Hardcover
Umfang 307
Gewicht 541 g
Preis 39,00
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Das preußische Seidengewerbe erfreute sich im 18. Jahrhundert der besonderen Aufmerksamkeit der staatlichen Wirtschaftspolitik im Rahmen merkantilistischer Wirtschaftsmaßnahmen und wurde auch durch das Engagement jüdischer Unternehmer gefördert. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen jene Interaktionen und Kommunikationen zwischen dem König, seinen Beamten und den jüdischen Seidenunternehmern, die den Handlungsspielraum der einzelnen Akteure im Allgemeinen und beispielhaft an den beiden Seidenunternehmen von Bernhard Isaak und Moses Mendelssohn erhellen. Deren Entwicklung wäre ohne die sozialen Netzwerke der Akteure der Aufklärung und der Wirtschaft sowie ihre engen Interdependenzen im 18. Jahrhundert nicht erfolgreich verlaufen. Innerhalb von drei Generationen und unter den veränderten gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden aus Bittstellern der jüdischen Minderheit ihre Rechte kennende und nutzende bürgerliche Wirtschaftsakteure, die ihre Interessen selbstbewusst und zielgerichtet im Dialog mit dem König und seiner Bürokratie vertraten. Da Moses Mendelssohn seinen eigenen Seidenhandel unter dem sicheren Dach der Firma Bernhard Isaak und Söhne abwickelte, blieb dieser „Handel auf eigene Rechnung“ in der Forschung bislang unbeachtet. Das Geschäftsjournal seiner Seidenhandlung belegt den großen wirtschaftlichen Erfolg dieses jüdischen Aufklärers, der sich eine europaweit anerkannte Reputation als Fachmann für das Wechselrecht und das Seidengewerbe erarbeitete und als zuverlässiger Geschäftsmann die großen preußischen Seidenunternehmen mit qualitativ hochwertiger Rohseide versorgte. Das Buch gewährt auch Einblicke in eine besondere Quellengattung, das Geschäftsjournal, und erleichtert deren Benutzung durch die Erläuterungen der fachspezifischen Begriffe.
Rezensionen
Innerhalb von drei Generationen und unter den veränderten gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden aus Bittstellern der jüdischen Minderheit ihre Rechte kennende und nutzende bürgerliche Wirtschaftsakteure, die ihre Interessen selbstbewußt und zielgerichtet vertraten. Diese Feststellung, als Zitat aus der vorliegenden Monographie entnommen, stellt der Reihenherausgeber Klaus Neitmann als Motto diesem Buch voran, zu Recht: Auch wenn die preußischen Könige, allen voran Friedrich II., ihre unternehmerisch tätigen Juden nur sehr ungern förderten und ihnen vielfach erst auf Druck ihrer weitblickenderen Beamtenschaft Handels- und Unternehmensprivilegien erteilten, besteht durchaus der Eindruck, daß die jüdischen "Entrepreneurs" sich ihrer Rolle und wirtschaftlichen Potenz bewußt waren. Sie forderten ihre Rechte ein, und hatten damit auch Erfolg. Dies gilt umso mehr, als es eine stringente Wirtschaftsstrategie der preußischen Könige in der Zeit des Merkantilismus nicht gegeben hat, so daß der Findigkeit und der Innovationskraft geschickter Unternehmer, christlicher wie jüdischer, reicher Ertrag winkte. Dies galt in besonderem Maße für die neu aufkommende Seidenindustrie, an der besonders Friedrich II. sehr gelegen war und die er mit allen Mitteln zu fördern suchte.
Die Autorin bindet die Aktivitäten der königlichen Administration im Hinblick auf die Seidenproduktion in den Kontext der merkantilistischen Wirtschaftsmaßnahmen König Friedrichs II. ein. Sie kann feststellen, daß dem zeitgemäßen Agieren der Unternehmer zunächst einige bürokratische Hindernisse im Weg standen. Das Seidenwirkerreglement von 1766 und zünftische Beschränkungen lassen immer noch bürokratische Hemmnisse erkennen, die der freien unternehmerischen Entfaltung im Wege standen. Dessen ungeachtet kam es mit königlicher Unterstützung zu einem beachtlichen Aufschwung der Seidenindustrie. Der Siebenjährige Krieg ließ zwar viele der Unternehmen bzw. Manufakturen zusammenbrechen; doch konnte sich das Gewerbe wieder erholen und unter kräftiger Mithilfe einiger jüdischer Unternehmen qualitativ hochwertige und begehrte Seidenerzeugnisse auf den Markt bringen. Erst der Zusammenbruch Preußens in der napoleonischen Zeit bereitete auch der dortigen Seidenindustrie ein Ende. Die Produktion von Rohseide wurde angesichts der zu teuren Maulbeerbaumanpflanzungen in Brandenburg-Preußen unrentabel, so daß ausländische Konkurrenz dem preußischen Seiden-Traum ein Ende bereitete.
Die Entwicklung ließ sich anhand des erfolgreichen Unternehmers Bernhard Isaak und seines Nachfolgers Moses Mendelssohn sehr gut nachzeichnen. Die Autorin informiert über den Aufstieg des Geschäfts, das nach seinem Tode von seiner Witwe und schließlich von seinem "Angestellten" Moses Mendelssohn fortgeführt wurde. Es fällt auf, daß Mendelssohn von Anfang an in das familiäre und geschäftliche Leben des Unternehmens eingebunden war. Man hat den Eindruck, daß die philosophischen Ambitionen Mendelssohns "Freizeitaktivitäten" waren, denn sonst hätte er sich nicht mit ganzer Kraft und mit großem zeitlichen Aufwand dem Geschäft gewidmet. Seine Teilhaberschaft am Geschäft der Witwe Bernhard Isaaks und seine Rolle als selbstständiger Unternehmer, wie sie anhand der erhaltenen Geschäftsbücher (Geschäftsjournal der Jahre 1779-1791, von der Autorin ausgewertet) rekonstruiert werden kann, lassen nur diesen Schluß zu. Doch stand Moses Mendelssohn hier ganz in der jüdischen Tradition: Nur als vermögender und wirtschaftlich erfolgreicher Jude konnte er auf Anerkennung in seiner christlichen Umwelt hoffen, und auch damit konnte er nur mühsam ein außerordentliches Schutzprivileg für seine Person (und nicht für seine Nachkommen) erreichen. Die Integration Moses Mendelssohns in die bürgerliche Gesellschaft erfolgte vor allem durch seine solide und kenntnisreiche Arbeit als Buchhalter, Geschäftsführer, Wechsel- und Seidenhändler und zugleich als "Anwalt" der Interessen der jüdischen Minderheit.
Die Autorin zeichnet den Weg Bernhard Isaaks und Moses Mendelssohns als erfolgreiche Seidenunternehmer in Preußen vor dem Hintergrund des merkantilistischen Wirtschaftsdenkens der Zeit akribisch nach und vermittelt so, vor allem für Letzteren, einige bisher weithin unbekannte Züge. Die wirtschaftliche Unabhänigkeit versetzte ihn überhaupt erst in die Lage, auch als Gelehrter und Philosoph erfolgreich zu sein. Dankbar ist man als Leser dieser Arbeit, die sich leider nicht selten allzu sehr in Einzelheiten verliert, für das Glossar und das biographische Verzeichnis der Kontoinhaber des Geschäftsjournals. Literaturverzeichnis, Orts- und Personenregister unterstreichen den insgesamt guten Eindruck dieser Arbeit.

(J. Friedrich Battenberg, Darmstadt)

Historische Zeitschrift, Band 286, S. 731-733




Brigitte Meier ist durch ihre historisch-demografische Untersuchung Neuruppins bekannt geworden. Auch ihre Publikation zum brandenburgischen Stadtbürgertum als „Mitgestalter der Moderne" steht in diesem Zusammenhang. Ihre „Sozialbiografie" Friedrich Wilhelms II. bietet interessanten Stoff zum verkannten Nachfolger Friedrichs des Großen. Eine Vorarbeit zu Moses Mendelssohn geht in die vorliegende Monografie ein.
Die Autorin behandelt hier ein Thema, bei dem es nicht nur um die Produktionssparte selbst geht, sondern auch darum, am Beispiel einer rechtlich benachteiligten Minderheit zu zeigen, wie Wirtschaftspolitik im Preußen des 18. Jahrhunderts vonstatten ging. Isaak Bernhard und Moses Mendelssohn verkörpern darin Berliner Seidenunternehmer in zwei Generationen. Die zentrale, inzwischen verbreitete These lautet auch hier, dass die von den preußischen Königen angestrebte Stringenz in der Wirtschaft nicht zu erreichen gewesen sei, sondern dass sich Ökonomie in einem Gewebe von Interaktion und Kommunikation vollzogen habe. Dem Kampf um den eigenen Handlungsspielraum kam auch im friderizianischen Preußen eine viel größere Rolle zu, als von Friedrich II. erwünscht, und er ermöglichte Karrieren wie die hier dargestellten vom Trödler oder Hauslehrer zum Unternehmer.
Im ersten Abschnitt schildert Meier die Entwicklung des preußischen Seidenanbaus. Man erhält dabei einen fundierten Einblick in die Materie. Die schwierige und maßgeblich staatlich initiierte Rohseidegewinnung in Brandenburg setzte mit der Einwanderung der Hugenotten ein. Im beginnenden 18. Jahrhundert war sie immer noch dadurch gekennzeichnet, dass die Kosten höher als der Gewinn waren, dass es an geeigneten Leuten mangelte, dass die Unkenntnis der Übrigen sich schwer überwinden ließ, dass passiver Widerstand dort verbreitet war, wo auf dem Land die Seide produziert werden sollte, und vor allem, dass ein für den Maulbeerbaum ungünstiges Klima herrschte. Auch die Bilanz zum Regierungswechsel 1740 fiel nach fünfzig Jahren äußerst mager aus. Der von Friedrich II. erneut forcierte Anbau begann sich erst ab den 1750er-Jahren zu steigern und bis in die 1780er-Jahre einen sichtbaren Aufschwung zu nehmen. Gemessen an der Zahl der Bäume blieb die Ernte trotzdem gering. Mit dem Tod des Königs ging die eigene preußische Rohseidenproduktion schlagartig zurück, in den 1790er-Jahren erfolgte ein weiterer Rückgang, die Niederlage von 1806 bedeutete ihr Ende. Die Verarbeitung ausländischer Seide wurde jedoch fortgesetzt.
Zur wirtschaftlichen Entwicklung der Schutzjuden lotet Meier den Handlungsspielraum Bernhard Isaaks auf seinem Weg zum „vermögenden und geachteten" Unternehmer aus. Wann er nach Berlin kam, ist belegt, 1737 war er jedoch bereits dort und verheiratet. Zunächst blieb er ein misstrauisch beobachteter Händler. Probleme bekam er später, weil die Seidenhändler mehr Waren bei den inländischen Seidefabrikanten bestellen sollten. Die preußischen Produkte „ließen allerdings qualitativ und hinsichtlich der Lieferzeiten zu wünschen übrig". Bernhard Isaak war einer der ersten jüdischen Händler, die „sich um den ausländischen Absatz der heimischen Seidenprodukten bemühten". Die jüdischen Seidenhändler in Berlin wurden zur Mitte des 18. Jahrhunderts „eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die erfahrenen französischen Seidenhändler" (S. 87).
Moses Mendelssohn findet für seine Karriere bereits funktionierende Strukturen vor. Er wird zunächst Lehrer im Hause Bernhard Isaaks und später Teilhaber seiner Witwe und ihrer Söhne. Es bleibt die Möglichkeit zu Schriftstellerei und Philosophie. Wenn Bernhard Isaak und noch stärker Moses Mendelssohn sich nicht nur integrierten, sondern prominent wurden, hat das sicher eine Ursache auch darin, dass soziale Netzwerke, der interne Zusammenhalt der jüdischen Gemeinden mit ihrem Verantwortungsgefühl füreinander und die Sorge für die Bildung der Nachkommen vorhanden waren, wie Meier zeigen kann. Während lebensweltliche Aspekte der vermögenden Juden von ihr höchst interessant ausgebreitet werden, beschreibt sie die Politik gegenüber den Schutzjuden und die Rolle Friedrichs II. unscharf und widersprüchlich. Das im Titel angekündigte Konzept „soziale Ordnung“ wird kaum diskutiert und bleibt daher weitgehend diffus.
Die Autorin stützt sich zunächst auf ein Reihe edierter Quellen: zum Seidenhandel auf die Acta Borussica, zur Person Moses Mendelssohns auf seine Gesammelten Schriften in der Jubiläums-Ausgabe von 1971 ff. Darüber hinaus erschließt und wertet sie eine große Zahl archivarischer Quellen aus: zur Entwicklung der jüdischen Firmen (Geheimes Staatsarchiv Berlin; Generaldirektorium Fabrikendepartement), zur Entwicklung des preußischen Seidenbaus (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; Akademie-Archiv I, X) und zur wirtschaftlichen Situation der Schutzjuden (Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Pr. Br. Rep. 19 Steuerrat Potsdam). Mit einer Fülle zeitgenössischer Literatur vertieft sie ihre Darstellung und Argumentation.
Als Abschluss ihrer Arbeit stellt Meier das 2001 von der Staatsbibliothek zu Berlin als Faksimile edierte „Geschäftsjournal der Berliner Seidenmanufaktur Issak Bernhard Witwe und Söhne" vor und wertet es für ihre Untersuchung aus. Mit überzeugenden Argumenten schreibt sie es Moses Mendelssohn zu. Das Journal dokumentiere „die selbständige unternehmerische Tätigkeit des Kaufmanns" (S. 188). In der Quelle kommt vor allem zum Ausdruck, in welchem Netz geschäftlicher Verbindungen Moses Mendelssohn souverän agierte. Die Eintragungen wurden in deutscher Sprache vorgenommen, dies geschah nach Meier in der Hoffnung, die Aufzeichnungen in Prozessen nutzen zu können.
Im Anhang finden sich ein Glossar des Seidengewerbes und ein Verzeichnis der im Geschäftsjournal Moses Mendelssohns enthaltenen Kontoinhaber mit biografischen Angaben. Das ausführliche Literaturverzeichnis weist zwar wie die Fußnoten leider etliche Fehler und Uneinheitlichkeiten auf, es enthält auch kein Verzeichnis der herangezogenen archivarischen Quellen und Abkürzungen, es zeigt gleichwohl unübersehbar Breite und Tiefe, in der die Autorin ihr Thema behandelt.

Heinrich Kaak

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 9/2009






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