Recht, Rechtswissenschaft und Juristen im Werk Heinrich Heines

Vormbaum, Thomas (Hrsg.)

Recht, Rechtswissenschaft und Juristen im Werk Heinrich Heines

Reihe Juristische Zeitgeschichte, Abteilung 6, Band-Nr. 27
unverbindliche Preisempfehlung:
Bestell-Nr 1266
ISBN 978-3-8305-1266-0
erschienen 08.12.2006
Format Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 152
Gewicht 410 g
Preis 19,00
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Geliebt hat er die Rechtswissenschaft nicht, persönlichkeitsprägend ist sie für ihn nicht geworden, und auch sein Werk ist letztlich durch sie nicht entscheidend geprägt worden. Und doch wird, wenn von "Dichterjuristen" die Rede ist, der Name Heinrich Heines stets als einer der ersten fallen. Immerhin wurde er an der juristischen Fakultät der Universität Göttingen, einer der renommiertesten seiner Zeit, durch den bekannten Rechtshistoriker Gustav Hugo zum Doktor beider Rechte promoviert. So finden sich denn in seinem Werk zahlreiche Passagen - auch solche größeren Umfangs -, die den Autor als Juristen ausweisen. Sie betreffen zum einen Rechtsfragen selbst, zum anderen Fragen, deren Behandlung den studierten Juristen erkennen lassen. Die vorliegende, mit einer umfangreichen Einleitung von Thomas Vormbaum versehene Textsammlung gibt die wichtigsten dieser Textpassagen mit Erläuterungen wieder.

Rezensionen
Thomas Vormbaum, der in bisher einzigartiger Weise auf die wissenschaftliche Aufarbeitung der in einem weiten Sinn verstandenen Juristischen Zeitgeschichte hinwirkt, erweist sich in der vorliegenden Studie als ein veritabler Heine-Kenner. Es ist freilich keineswegs das einzige Werk, in dem er Persönlichkeit und Werk des Dichters aus juristischer Perspektive dargestellt und analysiert hat. So hat er in der ziemlich zeitgleich erschienenen Ausgabe von Heines Versepos "Deutschland, ein Wintermährchen" (1844) - dessen Titel in der unmittelbaren Gegenwart eine ganz andersartige metaphorische Aufwertung sportlicher Art erfahren hat - einen nicht minder profunden rechtswissenschaftlichen Kommentar präsentiert, der namentlich die zeitgenössische Zensur und Gefahren totalitärer Entwicklungen in den Blick genommen hat. Juristisch ergiebige Passagen aus dem "Wintermährchen" hat Vormbaum auch in das nunmehr vorzustellende Werk aufgenommen, das dem literarischen Werk des Dichters in umfassender, jeden einschlägigen Aspekt einbeziehender Weise gewidmet ist. Der Band gliedert sich in zwei Teile. Der erste besteht in einer Einführung Vormbaums die den zahlreichen juristischen Spuren in der Biographie und in den literarischen Arbeiten Heines nachgeht und sie im Einzelnen - unter Berücksichtigung zeitgenössischer Urteile - nachzeichnet. Man merkt der Darstellung auf Schritt und Tritt eine geradezu intime Vertrautheit nicht nur mit der Persönlichkeit des Dichters und ihrem Wirken, sondern auch mit der Sekundärliteratur an. Deutlich wird nicht allein, wie Heine von Zeitgenossen wahrgenommen und bewertet wurde. Vielmehr wird auch ein Stück weit die Rezeptionsgeschichte zur Diskussion gestellt (wie sie sich etwa seit der eingehenden Studie Wohlhaupters entwickelt hat). Da kommt vieles zur Sprache, was weit über die genuin rechtswissenschaftlichen Aspekte hinausführt und dann gleichsam zu einem Porträt von Lebensbild und -werk gerät. Man begreift, dass "Die Wunde Heine" (Paul Peters) - die z. B. Marcel Reich-Ranicki 1986 als eine "schmerzende", "schief und schön vernarbt", charakterisiert hat - im geschichtlich-politischen Sinn vielleicht noch eher als im ästhetischen (wie der monomane Karl Kraus gemeint hat) nach wie vor schwärt (zum ästhetischen und politischen Selbstverständnis des Dichters etwa Sabwe Bierwirth, Heines Dichterbilder, 1995). Nicht zuletzt gibt Vormbaums Darstellung zu erkennen, in welcher Weise Heines Werk aufgenommen und verarbeitet worden ist. Natürlich kann und konnte Vollständigkeit nicht das Ziel seiner Einführung sein. Wollte man den Faden der Rezeptionsgeschichte noch weiter spinnen, müsste man wohl auch auf das bemerkenswerte, zugleich strafrechtswissenschaftliche Überlegungen herausfordernde Werk des Germanisten Klaus Briegleb rekurrieren, der in einer Dokumentation seines Arbeitsjahres 1978 zugleich um eine Aktualisierung Heinescher Ideen vor dem Hintergrund der Bekämpfung der RAF bemüht gewesen ist (Literatur und Fahndung, 1979, 117ff., 160f.).
Der zweite, größere Teil des Bandes besteht in der Wiedergabe von Textauszügen, in und mit denen Heine Recht, Rechtswissenschaft oder Juristen thematisiert - und oft genug glossiert - hat. Das reicht von Briefen über Gedichte, Romane, Essays und Berichte bis hin zum lyrischen Nachlass. Vormbaum ist bei seiner Auswahl einschlägiger Passagen - schon aus Gründen des Verständnisses und der Verständlichkeit - großzügig verfahren. Die Lektüre dieser Auszüge lädt einmal mehr dazu ein, sich nicht nur mit dem "Dichterjuristen" (als den Wohlhaupter ihn nicht so recht hat sehen wollen), sondern mit seinem literarischen Werk schlechthin in seinen vielgestaltigen Facetten zu beschäftigen. In diesem Sinn hat Vormbaum mit der Herausgabe des Bandes keineswegs nur Juristen ein Bildungserlebnis eigener Art beschert.

(Professor Dr. Dr. h.c. Heinz Müller-Dietz, Saarbrücken)

Goltdammer´s Archiv 2007, S. 710
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