Jenseits von PISA

Sarjala, Jukka; Häkli, Esko (Hrsg.)

Jenseits von PISA

Finnlands Schulsystem und seine neuesten Entwicklungen

Reihe Schriftenreihe des Finnland-Instituts in Deutschland, Band-Nr. 10
Bestell-Nr 1251
ISBN 978-3-8305-1251-6
erschienen 06.03.2008
Format kartoniert
Umfang 220
Gewicht 540 g
Preis 25,00
Auf die Merkliste In den Warenkorb
Finnlands Schulsystem setzt auf Chancengleichheit. Um dieser Maxime möglichst nahe zu kommen, wurde das ursprünglich gegliederte Schulsystem in den 1960er-/1970er-Jahren radikal reformiert: Für die 1. bis 9. Klasse wurde die Gemeinschaftsschule eingeführt. Nach deren erfolgreichem Abschluss sollen sowohl die Fortsetzung des schulischen als auch des beruflichen Bildungsweges gleichwertige Chancen für ein mögliches Hochschul- oder Fachhochschulstudium bieten.
Doch wie gestalten sich diese Stationen - Gemeinschaftsschule, gymnasiale Oberstufe, berufliche Ausbildung - im Einzelnen? Was für Förderangebote bestehen, wenn ein Schüler nicht optimal mitkommt? Welche historischen und gesellschaftlichen Hintergründe prägen das Schulsystem? Wie werden die zukünftigen Lehrer im Studium auf die Schule vorbereitet? Welche Maßgaben gehen vom staatlichen Rahmenlehrplan aus? Wie gestalten sich die Kompetenzen der Lehrer? Wie werden Erfolge und Misserfolge analysiert und neue Entwicklungen ermöglicht? Dies sind einige der Fragestellungen, die im vorliegenden Buch behandelt werden.
Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studien ist in Deutschland große Nachfrage nach Informationen zum finnischen Schulsystem entstanden. Die Absicht der Herausgeber des Bandes, Jukka Sarjala und Esko Häkli ist, diesem Interesse mit der Publikation dieser deutschsprachigen Darstellung des finnischen Schulsystems aus finnischer Perspektive zu begegnen.
Als Autor/inn/en konnten erfahrene Kenner der einzelnen Themenbereiche gewonnen werden. So liefert das Buch auch Einblicke in Felder wie sonderpädagogischen Unterricht, Erwachsenenbildung, Gewerkschaften und Bibliothekswesen. Schließlich steht Schule in Finnland wie überall mit ihren Zielsetzungen und Inhalten im Spannungsfeld aller Faktoren einer Gesellschaft - der nationalen wie der globalen.


Aus dem Inhalt

Rainer Domisch
Die am häufigsten von Besuchern aus Deutschland gestellten zehn Fragen – und zehn Antworten darauf
Irmeli Halinen
Der Lehrplan der Gemeinschaftsschule und die Weiterentwicklung der Schulausbildung in Finnland
Satu Honkala
Schüler mit Migrationshintergrund in Helsinkier Gemeinschaftsschulen
Simo Juva
Das finnische Bildungssystem im Überblick
Simo Juva
Förder- und sonderpädagogischer Unterricht in der Gemeinschaftsschule
Anneli Kalajoki
Erfahrungen in der Sekundarstufe I einer Helsinkier Gemeinschaftsschule aus drei Jahrzehnten
Jorma Kauppinen
Gymnasiale Ausbildung in Finnland
Heli Kuusi
Berufliche Ausbildung in Finnland
Armi Mikkola
Finnland und die Finnen
Armi Mikkola
Lehreraus- und -fortbildung in Finnland
Keijo Perälä
Öffentliche Bibliotheken in Finnland, dem Land der Vielleser
Jukka Sarjala
Zur Geschichte des finnischen Schulwesens
Jukka Sarjala
Gewerkschaftliche Organisationen im Unterrichtswesen
Jukka Sarjala
Problematische Aspekte im finnischen Bildungssystem
Marita Savola, Jukka Sarjala
Erwachsenenbildung
Jouni Välijärvi
Chancengleichheit – Voraussetzung für hohe Qualität

ANHANG
Petri Pohjonen: Statistische Daten zum finnischen Bildungssystem
Bildbeispiele finnischer Schularchitektur
Rezensionen
Seitdem die ersten Ergebnisse der PISA-Studien veröffentlicht wurden, ist der Informationsbedarf über die Ursachen des finnischen Erfolges in Deutschland immer größer geworden. Mit Staunen hat man zur Kenntnis genommen, dass unsere Nachbarn im Norden stets konstante Ergebnisse erzielen, während andere Staaten trotz intensivster Bemühungen, ihre Bildungssysteme zu reformieren, für sie unbefriedigende Listenplätze einnehmen. Die beiden oben genannten Herausgeber bedienen dieses Interesse mit der vorliegenden Publikation der deutschsprachigen Darstellung des finnischen Schulsystems. Als Autoren konnten erfahrene Kenner der einzelnen Themenbereiche gewonnen werden, die es verstehen, die jeweilige Thematik sachlich und leicht nachvollziehbar zu formulieren. Die Publikation begnügt sich nicht damit, das finnische Schulwesen zu veranschaulichen, vielmehr bemüht sich das Autorenteam, Land und Leute sowie die historische Entwicklung des Staates zu schildern, einen Eindruck von der Bedeutung des öffentlichen Bibliothekswesens zu vermitteln, Informationen zur gegenwärtigen Bildungspolitik, der Lehreraus- und -fortbildung zu geben und auch das Problem der Beschulung von Kindern ethnischer Minderheiten zu verdeutlichen. Diese umfassende Beschreibung der bildungspolitischen Situation ermöglicht es dem Leser, sich einen Eindruck von der über viele Jahre gemeinsam entwickelten Schulpolitik, die von allen Verantwortlichen getragen wird, zu verschaffen.
Das Kapitel Finnland und die Finnen geht ausführlich auf die Sprachsituation ein, denn wer weiß schon, dass in Finnland Schwedisch die zweite Amtssprache ist? Auch der historische Abriss Von der Eiszeit zur Europäischen Union enthält eine Reihe von Informationen, die die wechselhafte Geschichte des skandinavischen Landes illustrieren.
Im darauffolgenden Beitrag Öffentliche Bibliotheken in Finnland, dem Land der Vielleser wird deutlich, dass die Erfolge der finnischen Bildungspolitik auch auf die Leseerziehung und –gewohnheiten der Bevölkerung zurückzuführen sind. Das Lesen spielte in Finnlands Schulwesen stets eine bedeutende Rolle; schon 1723 wurden Eltern unter Androhung von Geldstrafen verpflichtet, ihren Kindern das Lesen beizubringen.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die zahlreich über das Land verteilten großen und kleinen Büchereien als Volksbildungsanstalten eingestuft, die allen Bürgern des Landes – so auch die Universitätsbibliotheken – kostenlos zugänglich sind. Und – wie die Nutzungs- und Ausleihzahlen trotz der Globalisierung und der damit zunehmenden Medienhörigkeit belegen – wurden und werden die Bibliotheken im europäischen Vergleich (immer noch) überdimensional genutzt. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Büchereien wird bewusst gefördert. Die Anschaffung von Medien und die Speicherung literarischer Werke auf digitalen Datenträgern hat in Finnland ebenfalls bereits Tradition, so dass die Räumlichkeiten im Sinne eines Lernzentrums genutzt werden.
Diese öffentlichen Einrichtungen leisten einen wertvollen und gesellschaftlich geschätzten Beitrag zum Selbststudium und zum Erwerb einer guten Allgemeinbildung, so dass die Schüler sich mehr oder weniger induktiv eine literarische Kompetenz aneignen, die ihnen die schulische Arbeit aufgrund ihres Vorwissens erleichtert. Gerade in den Zeiten des Internets sind Initiativen dieser Art von eminenter Wichtigkeit, denn in diesen schnelllebigen Zeiten droht die gedruckte Literatur vernachlässigt zu werden. In Lernzentren dieser Art können schüler- und jugendlichengerechte Texte alternativ und attraktiv aufbereitet angeboten werden, so dass nicht nur das (literarische) Vorwissen und eine gute Allgemeinbildung gefördert werden, sondern auch das kreative Potenzial der Jugendlichen durch die Interaktion Leser-Text intensiviert wird.
Das finnische Schulsystem setzt auf Chancengleichheit. Um dieser Maxime möglichst nahe zu kommen, wurde das ursprünglich gegliederte Schulsystem in den 1960er-/1970er-Jahren radikal reformiert: Für die erste bis neunte Klasse wurde die kostenlose Gemeinschaftsschule eingeführt. Von ihr wird erwartet, dass sie neben dem notwendigen akademischen Wissen und den damit verbundenen Fertigkeiten auch die soziale Förderung zum Ziel hat: Die Schüler können die Versorgung mit kostenlosen Lehrbüchern und Schulmahlzeiten genauso in Anspruch nehmen, wie den Transport zur und von der Schule und bei Bedarf Unterbringung für Schüler mit langen Anfahrtswegen sowie die entsprechende Gesundheitsversorgung. Eine Selektion nach Leistung findet in der Gemeinschaftsschule insofern nicht statt, als Kinder, die aufgrund von Krankheit oder Lernschwäche in ihren Leistungen zurückbleiben, Anspruch auf kostenlose Förderung haben. Dieser sonderpädagogische Unterricht kann und wird auch individuell erteilt – kein Kind darf zurückgelassen werden, denn Kontinuität ist beim Übergang von einer Schulform zur anderen von besonderer Wichtigkeit, daher widmen sich die Lehrer verstärkt den lernschwächeren Schülern. Offensichtlich geht man davon aus, dass jeder Lerner über Dispositionen und Fähigkeiten verfügt, die es zu erkennen und nach besten Möglichkeiten zu fördern gilt. Maßnahmen der Binnendifferenzierung bereiten den unterrichtenden Lehrern offensichtlich keine Schwierigkeiten, da sie ständig über individuelle Förderungsmöglichkeiten reflektieren müssen. Die PISA-Studie zeigt immer wieder, dass es der finnischen Schule besonders gut gelingt, Jugendliche mit Lernproblemen zu fördern und diese gewinnbringend in ihre Lerngruppen zu integrieren. Typisch ist, dass die sozioökonomische Herkunft weniger als in anderen Ländern Einfluss auf die Lernergebnisse hat – jedes Kind wird möglichst optimal gefördert, ganz gleich aus welchen (familiären) Zusammenhängen es stammt. In Ländern wie Japan, Ungarn und Deutschland ist der Einfluss des sozialen Status auf die Leistungen der Schüler mitunter sehr groß, in Finnland ist dieser kaum erkennbar.
Bildungsträger der schulischen Einrichtungen ist die örtliche Kommune, nicht aber der finnische Staat. Ende der 1990er Jahre wurde die gesamte staatliche Gesetzgebung neu geregelt, indem die zentralisierte Steuerung und die so genannte Schulinspektion abgeschafft wurden, um den Schulen und den lokalen Behörden mehr Autonomie zuzusichern und mehr Bewegungsfreiheit zu geben. Wie im weiteren Verlauf des Buches deutlich wird, löst die Tatsache bei vielen europäischen Bildungsexperten, die Finnland besuchen, erstaunte Reaktionen aus. Aber obwohl die praktische Unterrichtsorganisation weitgehend in der Verantwortung der Kommune oder bei einem anderen Schulträger liegt, steuert der Staat den Unterricht eigentlich sehr präzise, indem die Qualifikationsanforderungen für die Lehrer festgelegt und auch die Stundentafel vorgeschrieben werden. Somit sorgt der Staat für eine einheitliche Struktur des Bildungssystems und die Chancengleichheit in allen Regionen, was Kindern bei einem Umzug in eine andere Gemeinde den Einstieg in die neue Schule erleichtert. Hier ist eine wesentliche Stärke der schulischen Grundbildung zu sehen, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen sind nach Aussage der Autoren außergewöhnlich gering.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Gemeinschaftsschule bieten sowohl die Fortsetzung des schulischen als auch des beruflichen Bildungsweges gleichwertige Chancen für ein mögliches Hochschul- oder Fachhochschulstudium. Der Unterricht in der gymnasialen Oberstufe wird in Kursform und nicht mehr im Klassenverband durchgeführt. Jeder Schüler kann seine Fächerkombination und seinen Stundenplan selbst erstellen. Dauert die gymnasiale Oberstufe in der Regel drei Jahre, so können die finnischen Schüler die Zeit nach eigenen Wünschen verkürzen, aber auch verlängern und die zentrale Abiturprüfung entsprechend ablegen, sofern sie die notwendigen Qualifikationen erworben haben.
In der Berufsausbildung absolvieren Jugendliche eine breit gefächerte dreijährige Einheit, die Kenntnisse für den gewählten Beruf vermittelt, bei Abschluss jedoch auch dazu befähigt, sich für ein Hochschulstudium zu bewerben. Interessanterweise erfährt der Lehrerberuf trotz einer im Vergleich zu Deutschland relativ geringen Bezahlung große Wertschätzung in der finnischen Öffentlichkeit, was sicherlich auch unter anderem auf den allgemeinen Stellenwert der Bildung in dieser Gesellschaft, aber auch auf die qualifizierte Lehrerausbildung zurückzuführen sein dürfte. Die Ausbildung erfolgt in fachbezogenen und erziehungswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten sowie in den angeschlossenen Instituten für die Lehrerausbildung. Acht Universitäten haben angeschlossene Praktikumsschulen, in denen Unterrichtspraktika abgeleistet werden müssen. Das Studium ist weitgehend didaktisch ausgerichtet.
Auch die erforderliche Fortbildung wird durch die staatlichen Stellen garantiert, um die Lehrer auf dem neusten Stand zu halten und die Qualität des Unterrichts zu sichern.
Nach Auskunft der Autoren identifizieren sich die Schüler allgemein sehr stark mit ihrer Schule, so dass ein Kausalzusammenhang zwischen dieser Identifikation und dem Lernerfolg gesehen werden kann. Wenn man moderne Schulgebäude in Finnland besucht (vgl: Es gibt sie schon – die Schule der Zukunft, in: Deutsche Lehrer im Ausland, Münster, Februar 2007, S. 54–56), so erkennt man schnell, dass Architekten und Bildungsplaner gemeinsam Schulgebäude so gestalten und einrichten, dass Schüler sich dort gern aufhalten und über den eigentlichen Unterricht hinausgehende Angebote wie selbstverständlich nutzen.
Im Unterricht werden die Schüler als aktive, an der Planung der eigenen und gemeinsamen schulischen Arbeit beteiligte Partner gesehen, d.h., die Bedürfnisse des einzelnen Schülers werden stets berücksichtigt.
Abweichend von der weit verbreiteten Meinung werden in Helsinki viele Schüler mit Migrationshintergrund beschult. Zu den größten Migrantengruppen gehören Somali, Russen und Esten. Daher wird ein multikultureller Unterricht angeboten, dessen Hauptziel es ist, die Schüler so in die finnische Gesellschaft zu integrieren, dass sie sich ihre eigene Kultur erhalten, aber auch Finnisch als Zweitsprache erlernen, denn ohne die entsprechenden sprachlichen Voraussetzungen bleiben sie Außenseiter der Gesellschaft. Wollen fünf Schüler einer bestimmten Minderheit die jeweilige Muttersprache lernen oder ihre Kenntnisse vertiefen, so wird ein entsprechender Unterricht an der eigenen Schule erteilt. Bei geringeren Zahlen wird der Unterricht in einer zentral gelegenen Schule organisiert und die Kinder kommen aus dem gesamten Stadtgebiet dorthin. Die Präsenz der entsprechenden Kulturen wird offensichtlich in Finnland – wie in vielen anderen europäischen Staaten auch – nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung der eigenen Kultur eingestuft.
Es kann der deutschen Presse in regelmäßigen Abständen entnommen werden, dass viele deutsche (Bildungs-)Politiker und Wissenschaftler Finnland besuchen, um von der Entwicklung zu profitieren. Rainer Domisch hat zehn der am häufigsten von diesen Besuchern gestellten Fragen in Jenseits von PISA mit den entsprechenden Antworten versehen, von denen einige kurz erwähnt werden sollen.
Grundsätzlich wehrt sich der finnische Bildungsexperte gegen die frühe Selektion der Schüler und favorisiert stattdessen die neunjährige Gemeinschaftsschule, da diese latent vorhandene Begabungen am besten erkennen und fördern kann.
Auch den Hinweis, dass das finnische Unterstützungssystem nicht nur aufwändig, sondern auch teuer sei, kontert Domisch damit, dass man an Bildung und Ausbildung nicht sparen darf, will man Lerndefizite und mangelnde berufliche Qualifikationen schon früh vermeiden. Seinem Argument, dass der spätere Ausgleich mit erheblich höheren Kosten verbunden sein dürfte, kann man sich nicht entziehen.
Bei der Lektüre des Buches wird deutlich, dass die in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnene Schulreform in Finnland inzwischen Früchte trägt, obwohl sie bei ihrer Verabschiedung im Parlament nicht nur auf Zustimmung stieß. Die finnischen Erfahrungen haben gezeigt, dass man z.B. im restlichen Europa - bei allen Bemühungen um und nach PISA – nicht davon ausgehen kann, dass Reformen kurzfristig greifen und dass langfristige Ziele gesetzt werden müssen. Diese müssen einer ständigen Revision unterzogen werden, was heißen soll, dass Schulversuche nicht zum Erfolg verdammt sein dürfen, sondern evaluiert und notfalls neu strukturiert werden müssen. Neue (erziehungs-)wissenschaftliche Erkenntnisse sind zu berücksichtigen, gleichzeitig müssen adäquate begleitende Fördermaßnahmen für Schüler mit Lernproblemen eingeplant werden. Es versteht sich, dass im Rahmen einer langfristigen Reform auch die Lehrerfortbildung entsprechend einbezogen werden muss.
Den Herausgebern ist es mit dieser Publikation gelungen, viele Dinge nachvollziehbar werden zu lassen, die andeutungsweise in der deutschen (Fach-)Presse Erwähnung finden. Hier wird deutlich, dass eine individuelle Förderung und Forderung der Schüler möglich ist, ohne auf die notwendige Unterrichtsqualität zu verzichten. Das finnische Schulsystem ist ein gut durchdachtes Netzwerk, zu dessen Funktionieren die Schulträger in den Kommunen, die Bildungsexperten des Staates in Administration und Fortbildung, aber auch die Eltern und Schüler sowie die gut aus- und fortgebildeten Lehrer ihren Anteil leisten. Das Buch zeigt deutlich, welch einen hohen Stellenwert die schulische Bildung in Finnland hat.

Deutsche Lehrer im Ausland, Nr. 4/2008, 55. Jg., S. 415-417



Seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie, die den finnischen Schülern Spitzenleistungen in allen drei untersuchten Leistungsbereichen bescheinigte, können sich die Finnen kaum mehr vor Fragen zu ihrem Schulsystem retten. Das "Finnland-Institut in Deutschland" hat von Anfang an mit Informationsveranstaltungen darauf reagiert und nun einen umfassenden Überblick über das finnische Schulsystem vorgelegt. Dieser Überblick füllt eine empfindliche Lücke, denn bislang hat es keine solide und ausführliche Darstellung des finnischen Schulwesens in deutscher Sprache gegeben.
Das Buch enthält Beiträge von vierzehn verschiedenen Autoren, die das finnische Schulwesen schon von Amts wegen gut kennen: Die meisten gehören dem "Finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen" oder dem "Unterrichtsministerium" an, die übrigen sind in Schulen und Hochschulen oder im Bibliothekswesen tätig. Die Autoren befassen sich in erster Linie mit der Struktur des Schulsystems und seinen verschiedenen Stufen und Zweigen: mit der Unterstufe und der Sekundarstufe I der Gemeinschaftsschule, dem gymnasialen und dem berufsbildenden Zweig der Sekundarstufe II, der Erwachsenenbildung und der Lehreraus- und -fortbildung. Sie behandeln aber auch spezielle Probleme wie förder- und sonderpädagogischen Unterricht, die Bemühungen um Chancengleichheit im Bildungswesen und die Integration von Schülern aus Migrantenfamilien. Dazu kommen Beiträge zum Kontext der finnischen Schulbildung: Sie beziehen sich auf Land und Leute, auf öffentliche Bibliotheken und gewerkschaftliche Organisationen und gehen auf die historische Entwicklung des Schulwesens ein. Schließlich gibt es auch Hinweise auf "problematische Aspekte" der finnischen Schule und einen Anhang mit statistischen Daten.
Die beiden letzten Beiträge hätten – wenn schon, denn schon – etwas ausführlicher sein dürfen. Das Buch wird aber seinem Anspruch gerecht, die "Grundlagen des finnischen Schulwesens und seine Entwicklung" darzustellen, und bietet wohl auch Lesern, die schon einiges über das finnische Bildungswesen wissen, noch viele neue Informationen und neue Einsichten. Letzteres gilt vor allem für die geschichtliche Darstellung von Jukka Sarjala und den Überblick über das heutige Bildungssystem von Simo Juva. Hier kommen Leser, die sich vor allem aufgrund der PISA-Ergebnisse für die Schulkultur in Finnland interessieren, am ehesten auf ihre Kosten. Dagegen dürften sie in so manchem der anderen Beiträge im Dickicht der vielen Details zuweilen den roten Faden verlieren, da es an Hinweisen auf die Relevanzstruktur der berichteten Fakten fehlt. Dies kann freilich auch positiv gewertet werden. Der Leser wird nicht durch die Wahrnehmungen und Interpretationen der Autoren gegängelt, sondern hat die Möglichkeit, seine eigenen Fragen und Hypothesen an das Buch heranzutragen und es als Nachschlagewerk zu benutzen. Dass Nachschlagewerke nicht gerade zu den besonders aufregenden Büchern gehören, muss er in Kauf nehmen.

(Gundel Schümer, Berlin)

Die Deutsche Schule, 100 Jg. 2008, Heft 4, S. 517-518



Das von den Herausgebern im Vorwort formulierte Ziel, einen Gesamtüberblick über das finnische Schulwesen und die Gedanken, die hinter seiner Reformierung stehen, zu geben, wird in einzelnen Beiträgen aus unterschiedlicher Perspektive gekonnt umgesetzt. Der Fokus liegt dabei auf den Grundlagen des finnischen Schulwesens und dessen Entwicklung. In allen Beiträgen fällt die gut verständliche Sprache auf und der gelungene Versuch, für Nicht-Finnen die spezifischen Begrifflichkeiten zu erklären. Man kann das Buch von vorne bis hinten durchlesen oder einzelne Beiträge herausgreifen. Gelegentlich auftretende Wiederholungen schmälern dabei den Lesegenuss nicht. Der erste Teil der Beiträge beschäftigt sich mit den Besonderheiten Finnlands und seiner Geschichte. Die Sprachsituation, die Bedeutung der öffentlichen Bibliotheken und die Geschichte Finnlands bilden die Grundlage für die Entwicklung des finnischen Schulwesens, das von Jukka Sarjala gut verständlich dargestellt wird. In seinen Ausführungen beschreibt er die Entwicklung der Lesefähigkeit und die Bedeutung der Volksschulverordnung von 1866. 1921 wurde die Lernpflicht eingeführt und es entwickelte sich die bis heute gültige Aufgabenteilung: der Staat legt Leitlinien fest und übernimmt einen hohen Anteil der Kosten; über die Organisation des Unterrichts entscheiden die Kommunen im Rahmen ihrer Selbstverwaltung. Danach erläutert Sarjala präzise die "Jahrhundertreform Gemeinschaftsschule". Der daraus abgeleitete Gleichheitsgrundsatz in der Gemeinschaftsschule bestimmt bis heute das Schulwesen. Er führt zu zahlreichen Konsequenzen, die vom Autor gut erläutert werden. Der gut auch als Einstieg oder Zusammenfassung zu lesende Beitrag von Simo Juvo "Das finnische Bildungssystem im Überblick" erläutert daran anschließend die Grundsätze und die Komponenten des Bildungssystems.
Unter dem Titel "Chancengleichheit – Voraussetzung für hohe Qualität" fasst Jouni Välijärvi die Ergebnisse der PISA-Studie zusammen. Er beschreibt die Erfolge, aber auch die Herausforderungen, die Finnland aus der Studie ableitet. Diese ausgewogene Darstellung, das Hervorheben positiver Aspekte ohne Verschweigen etwaiger Mängel fällt in allen Beiträgen des Buches angenehm auf. Die Bedeutung des Lehrplans als Qualitätsgarantie beschreibt Irmeli Hahnen. Ihre Analyse der Lehrpläne ist zwar grundsätzlich eher trocken, es gelingt ihr jedoch, diese durch Umsetzungsbeispiele zu beleben.
Simo Juva erläutert den Förder- und sonderpädagogischen Unterricht. Dieser Beitrag ist aus deutscher Sicht besonders interessant, da Finnland versucht, diesen Unterricht in die Gemeinschaftsschule zu integrieren. Der Autor beschreibt die verschiedenen Formen des Förderunterrichts und die dabei auftretenden Probleme.
Interessant und anregend für die politische und gesellschaftliche Diskussion in Deutschland ist der Beitrag von Satu Honkala zu Schülern mit Migrationshintergrund. Die Rektorin einer Gemeinschaftsschule in Helsinki beschreibt den Multikulturellen Unterricht, den Vorbereitenden Unterricht und erläutert die begleitende soziale Betreuung und Beratung. Zum Nachdenken und Nachahmen regt das formulierte Ziel der Zweisprachigkeit der Schüler an.
Die weiteren Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit spezifischen Aspekten des finnischen Schulsystems und sind daher für Leser, die in diesem Bereich arbeiten interessant, um die deutschen und finnischen Verhältnisse zu vergleichen: Gymnasiale Ausbildung, berufliche Ausbildung, Erwachsenenbildung, Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung. Der Beitrag von Jukka Sarjala über die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisationen im Unterrichtswesen zeigt, was auch in den anderen Beiträgen immer wieder deutlich wird: das grundsätzlich andere Verständnis von Unterricht und den hohen Stellenwert der Schule für die finnische Bevölkerung. Aus persönlicher Sicht beleuchten eine Lehrerin, die 30 Jahre an einer Gemeinschaftsschule unterrichtet hat, und die Antworten von Rainer Domisch, deutscher Lehrer und tätig im Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki, die "am häufigsten von Besuchern aus Deutschland gestellten zehn Fragen" zu Finnlands Schulsystem. Fazit: Für alle, die sich für Bildung interessieren oder im Bildungsbereich tätig sind, bieten die Beiträge viele Anregungen zum Nachdenken und Diskutieren. Für alle, die hinter die Kulissen des Erfolgs der Finnen bei den PISA-Studien blicken wollen, ist "Jenseits von PISA" ein Muss.

(Karin Merz)

Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen, Nr. 40/2008, S. 232-234



Nach den Debatten über PISA geben die Autor(inn)en aus der Innensicht Auskunft darüber, wie sich Gesellschaft und Schule in Finnland entwickelt haben, wie das System (nicht) gesteuert wird, wie das Lehren und Lernen gestaltet ist, wie Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, welche Probleme noch zu bearbeiten sind und wo man weitere und aktuelle Informationen erhält. – Eine anschauliche Beschreibung eines fortgeschrittenen Schulsystems.

(Jörg Schlömerkemper)

Pädagogik, Heft 11/2008, S. 54



Spätestens seit der Pisa-Studie ist Finnland als Musterland für gute Schulausbildung in aller Munde. Was macht dieses Schulsystem so erfolgreich?
Diese und die Frage nach den aktuellen Entwicklungen in Finnland werden in diesem Buch in 16 Fachbeiträgen auf insgesamt 220 Seiten dargestellt. Dabei wird in den ersten Beiträgen das finnische Schulsystem und das notwendige Hintergrundwissen vermittelt. Des Weiteren wird die finnische Gemeinschaftsschule als Fundament des Erfolgs aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt. Ein Beitrag geht auf die zehn am häufigsten von Besuchern aus Deutschland gestellten Fragen ein.
Die Fragen, ein Armutszeugnis für Deutschland, denn die Frage zwei lautet z.B.: "Wie kann es sich Finnland leisten, dass alle Kinder und Schüler täglich ein kostenloses warmes Mittagessen bekommen?" Wen die Antwort interessiert, der sollte sich das Buch bestellen. Auch die anderen 9 Fragen und Antworten bieten Überraschendes.

Scouting, Heft 02-2008, S. 78
×