Cooperatives in Ethnic Conflicts: Eastern Europe in the 19th and early 20th Century

Lorenz, Torsten (ed.)

Cooperatives in Ethnic Conflicts: Eastern Europe in the 19th and early 20th Century

Reihe Frankfurter Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas
Bestell-Nr 1204
ISBN 978-3-8305-1204-2
erschienen 21.07.2006
Format Hardcover
Umfang 384
Gewicht 740 g
Preis 58,00
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Cooperatives in Eastern Europe acquired a double, economic and national emancipatory function: For the minorities, they became the cornerstone in a set of national economic institutions, while the majorities used them as a tool of nationalizing the economy in their “own” states; thus, cooperatives became deeply entangled in the ethnic conflicts, which characterized the region between 1850 and 1940. Experts from the United States, Germany and East Central Europe show, that economic nationalism was the driving force behind the development of cooperatives in Eastern Europe and that the self-help movement reflected the strive for national self-determination almost from the outset. Evidence from Eastern Europe, including Greece and Russia, makes the volume a comprehensive work on the interrelation of economy and nationalism and offers new, refreshing perspectives on a topic on the border of cultural studies and economic and social history. The volume is addressed to experts in the fields of research on nationalism and economic and social history.
Rezensionen
Dieser Sammelband ist aus der Konferenz »Cooperatives and Nation-Building in East Central Europe (19th-20th Centuries)« hervorgegangen, welche im März 2004 an der Europa-Universität Viadrina im Rahmen der fünften »European Social Science History Conference« (Humboldt-Universität Berlin) abgehalten wurde. Dreizehn Beiträge vermitteln einen Überblick über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Genossenschafts- und Nationalbewegung bei den Nationen Ostmittel- und Osteuropas. Der Titel ist ein wenig irreführend, da sich die Mehrzahl der Länderbeiträge mit Gebieten beschäftigt, die traditionsgemäß nicht Osteuropa zugerechnet werden (böhmische Länder, Slowenien, preußische Ostprovinzen, Baltikum, Siebenbürgen); lediglich zwei Autoren behandeln Russland und die Ukraine. Ergänzt werden die Abhandlungen durch eine ausführliche Einleitung von Torsten Lorenz sowie eine fünfzehnseitige Auswahlbibliografie, welche ausschließlich englisch-, französisch- und deutschsprachige Titel enthält. Der Schwerpunkt des vorliegenden Bandes liegt auf dem Zeitraum vor 1914, als multinationale (Groß-)Reiche den Handlungsrahmen für Genossenschaften und Nationalbewegungen konstituierten. Drei Beiträge analysieren die Rolle von Genossenschaften angesichts sich wandelnder Machtverhältnisse zwischen Mehrheit und Minderheit in der Zwischenkriegszeit. Vier Artikel behandeln unter den Aspekten Kontinuität und Wandel die Entwicklung in diesen beiden Zeitabschnitten. Mit den böhmischen Ländern beschäftigen sich zwei Beiträge: Catherine Albrecht schreibt zur Rolle des Nationalismus in der Gewerkschaftsbewegung der böhmischen Länder vor 1914 (S. 215-229), während Andreas Reich sich den Beziehungen tschechischer und deutscher Konsumvereine in der Tschechoslowakei zwischen 1918 und 1938 widmet (S. 263-283). Der Band reagiert auf ein Forschungsdesiderat: Zwischen Genossenschaften (Kooperativen) und Nationalbewegungen bestand in Ost(mittel)europa eine enge, geradezu symbiotische Beziehung. Bereits ihre Position an einer Schnittstelle zwischen individueller (ökonomischer) und kollektiver (nationaler) Befreiung macht Kooperativen zu einem aufschlussreichen Untersuchungsgegenstand für die Nationalismusforschung, den diese trotzdem lange Zeit übersah. Andererseits nahmen auch historische Untersuchungen zu Genossenschaften und der Genossenschaftsbewegung kaum Notiz von den Erkenntnissen der zeitgenössischen Nationalismusforschung. Lorenz nimmt eine Periodisierung der Entwicklung der Genossenschaftsbewegungen in Ost(mittel)europa vor, wobei er deutliche Parallelen zu der Phasenabfolge in Miroslav Hrochs Modell der Entstehung europäischer Nationalbewegungen konstatiert. Er unterscheidet eine Phase A der Transition, in der sich die Organisationen von genossenschaftsähnlichen Institutionen mit traditionellen Strukturen zu modernen, marktorientierten Genossenschaften entwickelten; eine Phase B, in der sich unter der Losung der (nationalen) Segregation die in Entstehung begriffene Genossenschaftsbewegung nach dem sprachnationalen Kriterium aufspaltete; Phase C, die als Anfangsphase der (ethnischen) Mobilisierung umschrieben werden kann; und Phase D, die durch eine fortgesetzte Mobilisierung der genossenschaftlichen Organisationen und staatliche Interventionen (durch die 1918 errichteten Nationalstaaten) gekennzeichnet war (S. 19 ff.). Die ersten modernen marktorientierten Kooperativen in Ostmitteleuropa (Böhmen, preußische Provinz Posen) entstanden um 1850, inspiriert von den in Deutschland von Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen gegründeten Genossenschaftsvereinen. Insbesondere für die nichtdominanten Ethnien waren Genossenschaften ein geeignetes Instrument des nationbuilding: Sie ermöglichten eine rasche Entwicklung der nationalen Infrastruktur und konstituierten einen selbstverwalteten Bereich jenseits der Kontrolle durch den Staat oder die herrschende Nation. Torsten Lorenz und Uwe Müller zeigen dies anschaulich am Beispiel der polnischen Genossenschaften in der Provinz Posen vor dem Ersten Weltkrieg (S. 183-200). Eine führende Rolle bei der Gründung von Genossenschaften übernahm die Intelligenz (insbesondere der niedere Klerus), in geringerem Maße auch das Bürgertum. Diese beiden Gesellschaftsgruppen vertraten dezidiert nationale Positionen und propagierten den Nationalgedanken innerhalb der eigenen Ethnie. Die Genossenschaftsbewegung war die erste wirtschaftliche Massenbewegung, welche ihre Mitglieder in einer spezifisch nationalen Weise beeinflusste und politisch mobilisierte. In der Zwischenkriegszeit wurden die Genossenschaften von den zahlreichen autoritären Regimen Ost(mittel)europas vereinnahmt; staatliche Interventionen wurden zu einem Kennzeichen dieser Periode. Entscheidungsträger der neuen Titularnationen sahen Kooperativen als ein Mittel zur Vollendung der nationalen Unabhängigkeit, mit dem sie die Kontrolle über alle Zweige der Wirtschaft und insbesondere den Handel zu erlangen hofften. Genossenschaftliche Strukturen, die aus (nationalitäten)politischen Erwägungen implementiert worden waren, konnten in der Gemeinschaft, in deren Dienst sie standen, Konflikte auch erst entstehen lassen, wie der Beitrag von Roland Spickermann zeigt. Er analysiert die staatlichen Bestrebungen, im Kontext des Nationalitätenkonflikts das von Raiffeisen entwickelte Modell der Kreditgenossenschaft unter deutschen Siedlern in der preußischen Provinz Posen zu etablieren (S. 201-215). Die Solidarität unter den Siedlern sollte auf diese Weise gefördert und die »organische Einheit« des Dorfes gestärkt werden. Eine entscheidende Rolle bei diesem Projekt spielte Alfred Hugenberg (der später als nationalistischer Pressezar maßgeblich zur Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur beitrug), Funktionär sowohl der »Königlichen Ansiedlungskommission« als auch des Raiffeisenverbandes in der Provinz Posen. Die von ihm beabsichtigte Instrumentalisierung des Raiffeisen-Netzwerkes für die Germanisierungspolitik scheiterte letztlich am Widerstand sowohl lokaler Kaufleute und Handwerker als auch des Vorstandes des deutschen Raiffeisen-Verbandes, der die Selbstverpflichtung der Organisation zu politischer Neutralität verletzt sah. Hugenberg musste schließlich von seinem Posten als Funktionär des Raiffeisenverbandes der Provinz Posen zurücktreten.
Für die polnische Bevölkerungsmehrheit indessen war die Genossenschaft ein wichtiger Ort der Pflege des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Aufgrund der komplementären Entwicklung in Stadt und Land blieben gruppeninterne Konflikte hier weitgehend aus. Dagegen hatte sich das Raiffeisen-Modell als staatliches Instrument der nationalen Mobilisierung als ungeeignet erwiesen. Andreas Reich erörtert in seinem Beitrag das Wechselverhältnis zwischen wirtschaftlichen Interessen und Nationalitätenkonflikten anhand der Konsumgenossenschaften in der Ersten Tschechoslowakischen Republik (S. 263-283). In der CSR waren die Mechanismen zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte durch die demokratische Staatsordnung gegeben, das Land war hoch industrialisiert, die Genossenschaftsbewegung stark entwickelt, wenn auch seit 1908 national gespalten: Zu Beginn der 1920er Jahre waren circa 600.000 tschechischsprachige und 300.000 deutschsprachige Staatsbürger Mitglieder von Konsumgenossenschaften. Auf tschechischer Seite war man seit der Staatsgründung vor allem aus wirtschaftspolitischen Gründen bestrebt, zumindest einen gesamtstaatlichen Dachverband zu gründen, welcher sowohl den deutschen als auch den tschechischen Konsumgenossenschaftsverband umfassen sollte. In den von starken nationalitätenpolitischen Spannungen gekennzeichneten Anfangsjahren der Republik lehnten die Leiter der deutschen Organisation ein derartiges Zusammengehen aus Furcht vor einer tschechischen Dominanz ab. Auch wollte man sich nicht dem Vorwurf des »nationalen Verrats« aussetzen. Erst Ende der 1920er Jahre, als die nationalen Emotionen abebbten und die deutschen Entscheidungsträger pragmatischer handelten, wurden die organisatorischen Grundlagen für eine dauerhafte Kooperation geschaffen. Das ermöglichte den Genossenschaftsverbänden eine wirkungsvollere Ausübung ihrer Funktion als selbsternannte Vertreter der Verbraucher. Die deutschen Konsumgenossenschaften bekannten sich Ende der 1930er Jahre ausdrücklich zur tschechoslowakischen Republik; auf regionaler Ebene blieben im Genossenschaftswesen nationale Auseinandersetzungen aber an der Tagesordnung.
Die jenseits der Grenzen der Doppelmonarchie gelegenen Gebiete Südosteuropas bleiben – mit Ausnahme eines Beitrags von Mariana Hausleitner über jüdische Genossenschaften in Bessarabien – leider außen vor. Diese Lücke ist insbesondere im Falle Bulgariens bedauerlich, fand doch die Agrarpolitik des »Bauernzaren« Aleksandar Stambolijski internationale Beachtung. In der Auswahlbibliografie sind die genannten Länder sowie Griechenland jedoch vertreten. Zumindest hinterfragenswert erscheint die von Lorenz in der Einleitung (S. 16 f.) vorgenommene Kontrastierung eines west- und eines osteuropäischen Typus des nationbuilding. In Westeuropa, so Lorenz, sei dieser Prozess auf dem Wege kultureller, politischer und wirtschaftlicher Homogenisierung innerhalb staatlicher Strukturen und durch diese erfolgt. »Osteuropäisches nationbuilding« hingegen sei durch den Ausbau einer Gesellschaft hin zu einer vollständigen Sozialstruktur gekennzeichnet (insbesondere durch Ausbildung eines Bürgertums und eines wohlhabenden Bauernstandes) gewesen. Betrachtet man aber zum Beispiel die flämische Bewegung in Belgien, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Begriffe »Flandern« (Viaanderen) und »Flamen« (Vlamingen) prägte, welche in diesem Sinne zuvor nicht existiert hatten, so wird deutlich, dass die "Vlaamse Beweging« dem »osteuropäischen« und nicht dem »westeuropäischen« Typus entspricht. Ein niederländischsprachiges (Groß-)Bürgertum oder ein wohlhabender niederländischsprachiger Bauernstand mussten von ihr erst in einem langwierigen Prozess geschaffen werden. Es empfiehlt sich also hinsichtlich der Terminologie, das geografische Attribut durch ein passenderes zu ersetzen. Dieser Band der »Frankfurter Studien« setzt trotz einiger Defizite wichtige neue Akzente in der Nationalismusforschung und regt hoffentlich zu weiteren Forschungen aus komparatistischem Blickwinkel an. Gerade bezüglich des Phänomens des Wirtschaftsnationalismus in Ost- und Ostmitteleuropa besteht an Forschungsdesideraten kein Mangel. Und vielleicht lässt auch eine vergleichende Studie über das Wechselverhältnis zwischen Nationalismus und Genossenschaftsbewegung, die über den ost(mittel)europäischen Rahmen hinausreicht, nicht mehr lange auf sich warten.

(Tim Mathias Schmidt, München)

Bohemia, Heft 2/2008, S. 553-556




Thema des Bandes ist die Entstehung und Entwicklung von (Produktions-, Handels- und Kredit-)Genossenschaften in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa zwischen der Mitte des 19. Jh.s und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Genossenschaftsbewegung war, wie Torsten Lorenz’ faktengesättigte und vorbildlich konzis argumentierende Einleitung darlegt, in diesem Zeitraum und in dieser europäischen Großregion die wohl wichtigste, auch die am häufigsten anzutreffende Form kollektiver wirtschaftlicher Selbsthilfe. Gemeinsam war allen Genossenschaften – jenseits der Vielfalt der Zwecke und der Erscheinungsformen im Einzelnen, jenseits auch der mannigfachen Trägergruppen und der unterschiedlichen Klientelen – die freiwillig-selbstorganisierte Konzentration und Koordinierung von Produzenten bzw. Konsumenten, welche die Steigerung der Produktivität und die Senkung der Preise ermöglichte. Damit reduzierten die Genossenschaften, aufs Ganze gesehen, die ökonomischen, sozialen und politischen Kosten des Übergangs zum Kapitalismus und milderten die Spannungen der Modernisierung.
Hatte in Westeuropa die Genossenschaftsbewegung zur Integration breiter Schichten in die entstehende Marktwirtschaft und die homogene Nation beigetragen, so kam ihr in der östlichen Hälfte des Kontinents eine andere – ebenso maßgebliche – Funktion zu: die der Integration vor allem der unteren Schichten der Bevölkerung in die entstehenden Nationalbewegungen, später in die neuen Nationalgesellschaften und -staaten. Zum Zeitpunkt des Eintritts in das nationale Zeitalter wiesen die ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Ethnien bekanntlich noch keine vollständige soziale Struktur auf. Die ökonomischen Positionen in den Imperien Russland und Österreich-Ungarn, auch im Osten des Deutschen Reiches, waren "national sortiert"; im Rahmen dieser Arbeitsteilung entlang ethnischer bzw. nationaler Grenzen besetzten häufig Nichtslawen – etwa Deutsche oder Juden – die Schalt-und Schlüsselstellen. Die sozialökonomische Schichtung reflektierte so bis zu einem gewissen Grad die ethnische und hemmte die Aufwärtsmobilität der jungen Nationen: Die höheren Echelons waren ja bereits andersnational besetzt. "Formierung der ökonomischen Nation" bedeutete folglich: Komplettierung der "je eigenen" Wirtschafts- und Sozialstruktur. Kehrseite dieser Medaille war die Ausschaltung der "unanständigen" Profite andersnationaler Mittelsmänner in Handel und Kreditwesen. Durchaus vernehmlich waren in diesem Kontext chauvinistische, vor allem auch antisemitische Töne. Ziel war in jedem Fall die Beendigung des "Ausverkaufs" der Nation an "Fremde" unter der Ägide der als Fremdherrschaft empfundenen imperialen politischen Gewalt.
In diesem Rahmen wirkten die Genossenschaften als Werkzeuge einer Emanzipation der Nation und als Instrumente ihrer Kräftigung im Wirtschaftskampf gegen andersnationale Konkurrenten. Mit der Geschichte der Genossenschaften rückt so die Geschichte des Wirtschaftsnationalismus in den Blick – dieser definiert als Ensemble ökonomischer Bestrebungen und Aktivitäten zur Förderung nicht nur der ökonomischen, sondern auch der politischen und der kulturellen Einheit, Unabhängigkeit und Macht der Nation: Bestrebungen, die konfliktreich den Alltag prägten und nicht selten in Widerstreit mit den Belangen ökonomischer Rationalität und Effizienz gerieten. Der Weg der Genossenschaften von pränationalen, vorrangig sozioprofessional orientierten Gebilden zu nationalen, ja nationalistischen Organisationen folgt frappierend stringent der im bekannten Hrochschen Phasenmodell begrifflich eingefangenen Entwicklung der Nationalbewegungen insgesamt: vom Kulturnationalismus einer schmalen intellektuellen Elite über den auf breitem sozialen Fundament aufruhenden politischen Nationalismus bis zum Endstadium der von sämtlichen Schichten und Gruppen getragenen hoch ideologisierten nationalen Massenbewegung, deren erste Forderung die nach territorialer Sezession und dem eigenen Nationalstaat darstellte. Die auf diesem Weg zunehmend sich nationalisierende Intelligentsia im Verein mit dem nationalen Bürgertum war der bedeutendste Impulsgeber auch der Genossenschaftsbewegung: Geistliche und Lehrer wirkten vor Ort als ökonomische Präzeptoren der Nation und als Katalysatoren der Massenmobilisierung.
Im Rahmen der Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs wuchs die Bedeutung der Genossenschaften noch einmal beträchtlich. Als in den Nachfolgestaaten die ehemaligen Minderheiten – etwa die Tschechen – zu Staatsnationen wurden und frühere Staatsnationen wie die Ungarn und die Deutschen zu Minderheiten "herabsanken", wandelten sich die Genossenschaften zu Defensivvorkehrungen gegen die – zuzeiten aggressiven – Assimilationsmaßnahmen der neuen politischen Zentralen, zu Schutzzonen nationaler Autonomie und "nationaler Sozialisierung". Viele Genossenschaften "mauserten sich" in der Zwischenkriegszeit außerdem zu professionell geleiteten kommerziellen Großunternehmen. Auch im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die einen Schub staatlicher Subventionierung wie Einflussnahme mit sich brachte, verloren die Genossenschaften zunehmend den Charakter von Selbsthilfeorganisationen; vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Autoritarismus und Faschismus mutierten sie nun zu Agenturen und Transmissionsriemen der Staatsgewalt, während die Genossenschaftsidee sich, im Zeichen der Suche nach einer Gesellschaftskonzeption des "Dritten Wegs", in Richtung auf egalitäre, oft agrarische Utopien bewegte.
Der Band "beackert", um im agrarischen Bild zu bleiben, anhand einer Reihe strategisch geschickt plazierter Regionalstudien – Anu Mai Koll zu den baltischen Ländern, Stephan Merl und Alexander Dillon zur Ukraine bzw. Russland/Sowjetunion, Attila Hunyadi und Mariana Hausleitner zu Rumänien, Uwe Müller, Torsten Lorenz, Jaroslaw Moklak, Cornelius Gröschel zu Polen, Roland Spickermann zu den Ostgebieten des Deutschen Reichs, Catherine Albrecht und Andreas Reich zu Böhmen bzw. zur Tschechoslowakei, Kai Struve zu Galizien und Žarko Lazarevic zu Slowenien – ein bislang nicht sonderlich intensiv beforschtes Feld. Insbesondere ist die Brücke zwischen der allgemeinen Geschichte der Nationalbewegungen und der des Wirtschaftsnationalismus bislang viel zu selten beschriften worden. Ost- und ostmitteleuropäische Genossenschaftsgeschichte hat man natürlich geschrieben – allerdings waren hier häufig die Protagonisten selbst in unkritisch-positiver, ja glorifizierender Manier am Werk. Was auf den ersten Blick wie ein Orchideenthema anmuten mag, steht unstreitig im Zentrum der ostmittel- und osteuropäischen neueren Wirtschafts-, Sozial-, Politik- und Kulturgeschichte. Zu deren Erforschung hat der Band einen beträchtlichen Beitrag geleistet.

(Christoph Boyer, Salzburg)

Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung, Heft 4/2007, S. 607-609

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