Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf?

Günther, Jutta; Jajesniak-Quast, Dagmara (Hrsg.)

Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf?

Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert

Reihe Frankfurter Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas, Band-Nr. 11
Bestell-Nr 1186
ISBN 978-3-8305-1186-1
erschienen 08.06.2006
Format kartoniert
Umfang 380
Gewicht 538 g
Preis 55,00
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Ausländische Direktinvestitionen besitzen in den ostmitteleuropäischen Ländern eine lange Tradition und erreichten bereits in der Zwischenkriegszeit ein hohes Niveau. Aus ökonomischer Sicht sind die ostmitteleuropäischen Länder heute wie damals auf ausländische Direktinvestitionen angewiesen, denn technologische Rückständigkeit und inländischer Kapitalmangel behinderten in den neu entstandenen Staaten sowohl nach dem Ersten Weltkrieg als auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die eigenständige Wirtschaftsentwicklung. Indessen waren und sind die ausländischen Direktinvestitionen auch Gegenstand kritischer Diskussionen in Politik und Öffentlichkeit der Empfängerländer. Der vorliegende Sammelband widmet sich der in der wirtschaftshistorischen Forschung bisher weitgehend vernachlässigten Frage nach den Kontinuitäten und Brüchen in der ausländischen Investitionstätigkeit und ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Dabei steht der Vergleich von Polen, Tschechien/ Tschechoslowakei und Ungarn im Mittelpunkt.

Rezensionen
Für die Entwicklung Ostmitteleuropas besaßen ausländische Direktinvestitionen (AD1) schon im späten 19. Jh. einen hohen Stellenwert, doch waren sie in den multiethnischen Gesellschaften nicht unumstritten, sondern Gegenstand teils heftiger Auseinandersetzungen. Welche Kontinuitäten und Veränderungen lassen sich für das 20. Jh. feststellen? Die im Band versammelten Beiträge, hervorgegangen aus einer Tagung der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ostmitteleuropas der Europa-Universität Viadrina und des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle im Mai 2004, widmen sich dieser Frage, indem sie einerseits die Zwischenkriegszeit (Teil I, eingeleitet von der Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Dagmara Jajesniak-Quast), andererseits die postkommunistische Zeit (Teil II, eingeleitet von der Ökonomin Jutta Günther) erstmals systematisch vergleichend in den Blick nehmen. Knüpfte Ostmitteleuropa nach dem Ende des Kommunismus hinsichtlich des Ausmaßes und der Struktur von ADI sowie ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz an die durch die Weltwirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg und die sozialistischen Planwirtschaften unterbrochene Entwicklung wieder an? Oder sind im Zuge der Transformation nach 1989/90 ganz neue Entwicklungen festzustellen? Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn; es finden sich aber auch Hinweise auf weitere ost- und südosteuropäische Länder, die spätere DDR hingegen wurde leider komplett ausgeklammert.
In ihren Einleitungen zu Teil I bzw. II weisen die Herausgeberinnen auf die zentrale Schwierigkeit eines länderübergreifenden, zugleich diachron angelegten Vergleichs von ADI hin: die unterschiedliche statistische Erfassung. Auch wenn heute mit der Definition des Internationalen Währungsfonds gearbeitet werden kann, welche sämtliche ausländischen Anteilseigner umfasst, die aufgrund ihrer Beteiligungshöhe von zehn Prozent oder mehr wesentlichen Einfluss auf die Unternehmenspolitik ausüben, so bleibt es schwierig, sowohl gegenwarts- als auch vergangenheitsbezogen zwischen ADI und der von ihnen tatsächlich bewirkten Sachkapitalbildung zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass sich das Kapital in Industrie, Handel und Banken in Ostmitteleuropa oft in "fremden", aber nicht wirklich ausländischen Händen befand, d. h. in den Händen des ethnisch deutschen Bürgertums oder der jüdischen Kaufleute und Bankiers.
Die Beiträge zur Zwischenkriegszeit verdeutlichen die ambivalente Haltung von Eliten und Bevölkerung gegenüber ausländischen Investoren: Einerseits wurden sie gebraucht, um Kriegsfolgen und wirtschaftliche Rückständigkeit zu überwinden, andererseits sah man in ihnen eine potenzielle Gefahr für die eigene politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Beiträge sind jeder für sich sehr informativ. Das Themenspektrum reicht vom Festhalten der Wiener Großbanken an einer transnationalen Geschäftsstrategie (Fritz Weber) über das Kommen und Gehen ausländischen Kapitals (Eduard Kubu) und die besondere Konkurrenzpartnerschaft zwischen reichsdeutschem und tschechischen Kapital in der Tschechoslowakei (Christoph Boyer), die wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen um ADI (Miroslav Klusek) und die Haltung ostoberschlesischer Unternehmer gegenüber dem wachsenden Etatismus in Polen (Kasia Shannon), die Entwicklung der Dynamit Nobel AG in Bratislava (Roman Holec), Umfang und Struktur ausländischen Kapitals (Tamäs Reti) sowie speziell des reichsdeutschen Kapitals in Ungarn (Máté Botos) bis hin zu einem Exkurs zu ADI in Russland vor und nach der Revolution von 1917 (Klaus Heller). Besonders zu würdigen ist zweifellos der Beitrag Kasia Shannons, die das bislang einseitig negativ gezeichnete Bild ethnisch deutscher Unternehmer in Ostoberschlesien kritisch hinterfragt und auf neu erschlossener Quellenbasis zahlreiche Beispiele für politische Loyalität gegenüber dem polnischen Staat herausarbeitet. Das noch immer vorherrschende Negativbild erklärt sie u. a. mit dem generell schlechten Image von Unternehmern in einer katholisch geprägten Volkskultur, in der weder das protestantische Arbeitsethos noch der bürgerliche Lebensstil besondere Wertschätzung genossen.
Die Beiträge zur postkommunistischen Zeit verdeutlichen den außerordentlich hohen Stellenwert multinationaler Unternehmen für die Privatisierung und Restrukturierung der ostmitteleuropäischen Volkswirtschaften. Darüber hinausgehende Wirkungen sind freilich umstritten: Eine eindeutig positive Korrelation von ADI und Wirtschaftswachstum lässt sich bislang nicht nachweisen. Unter den Beiträgen hervorzuheben sind der von Gábor Hunya, der einen kompetenten Überblick zum Einfluss von ADI auf den wirtschaftlichen Strukturwandel der neuen EU-Mitgliedsstaaten Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Ungarn gibt, und der von Ádám Török und Ágnes Györffy, die sich der besonderen Vorreiterrolle Ungarns widmen; die seit 1973 zugelassenen Joint Ventures mit westlichen Firmen begannen hier schon früh einen Systemwechsel vorzubereiten. Weitere Beiträge befassen sich am Beispiel Polens mit dem Zusammenspiel von ADI mit national- und unternehmenskulturellen Faktoren, leider ohne besonderen Tiefgang in der Analyse zu erreichen (Ewa Ostaszewska), mit der zögernden Öffnung Tschechiens (Alena Zemplinerová) und mit den Markterschließungsstrategien multinationaler Unternehmen für Ostmitteleuropa (István Fekete und Jutta Günther). Roland Döhrn stellt abschließend ein Konzept zur Beurteilung der empirisch noch kaum erforschten Akzeptanz von ADI in der Transformation Ostmitteleuropas vor; offenkundig ist sie – ganz im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit – relativ stark ausgeprägt, unterliegt allerdings, abhängig von der jeweils aktuellen wirtschaftlichen Lage, deutlichen Schwankungen.
Im dritten Teil des Bandes fassen die beiden Herausgeberinnen die Ergebnisse der einzelnen Beiträge zusammen und werten sie diachron vergleichend aus. Demnach befanden sich die Volkswirtschaften Ostmitteleuropas nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem politischen Ende des Kommunismus in einer sehr ähnlichen Situation, geprägt durch hohe Inflation, kaum funktionsfähige Institutionen, grundlegende Umorientierung im Außenhandel und starken Modernisierungsbedarf. Und trotz der durch die Weltwirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg und die staatssozialistischen Planwirtschaften bewirkten markanten Brüche in der Entwicklung von ADI sind im 20. Jh. einige Kontinuitäten zu erkennen. Sie betreffen die Herkunftsländer des Kapitals, wobei vor allem Frankreich, Deutschland, Österreich und die USA zu nennen sind; auch die Niederlande spielen eine wichtige Rolle, weil sie – wie schon in der Zwischenkriegszeit – erneut Sitz zahlreicher internationaler Holdinggesellschaften sind. Insgesamt jedoch überwiegen die Elemente des Wandels: Von zentraler Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass ein kontinuierlich hoher Zufluss ausländischer Direktinvestitionen, wie ihn Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei in wichtigen Branchen verzeichnen, heute nicht länger Ausdruck anhaltender wirtschaftlicher Schwäche ist, sondern genau das Gegenteil anzeigen kann: eine in die Weltwirtschaft integrierte, prosperierende Volkswirtschaft, die in wachsendem Maße selbst zum Kapitalexport fähig wird. Der Wirtschaftsnationalismus als ostmitteleuropäische Entwicklungsstrategie hat, so scheint es, vorerst ausgedient.
Der insgesamt sehr gelungene, zu weiteren, vor allem unternehmenshistorisch vertiefenden Forschungen anregende Band sei allen empfohlen, die sich für eine integrierte europäische Wirtschaftsgeschichte des 20. Jh.s interessieren.

(Friederike Sattler, Potsdam)

Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 95. Band, Heft 4/2008, S. 525-526
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