History and Culture of Economic Nationalism in East Central Europe

Schultz, Helga; Kubu, Eduard (eds)

History and Culture of Economic Nationalism in East Central Europe

Reihe Frankfurter Studien zur Wirtschats- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas, Band-Nr. 14
Bestell-Nr 1174
ISBN 978-3-8305-1174-8
erschienen 29.05.2006
Format Hardcover
Umfang 327
Gewicht 631 g
Preis 51,00
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Although economic nationalism was a general policy outcome of nation states, East Central Europe was especially affected because of its backwardness, its belated nation building and its ethnic mixture. Already the national movements called "each to his own" to strengthen national power. During the interwar years the young nation states pursued policies of state interventionism, whose heritage is alive until today. During the last decade, economic nationalism became an issue of research, influenced by the dependency theory and cultural studies. Eminent scholars such as Iván Berend, Alice Teichova, Joseph Love and Jean Batou examine economic nationalism in general and in case studies of the Czech lands, Romania and other countries. This volume presents contributions for the International Economic History Congress in Helsinki 2006.
Rezensionen
Die letzten anderthalb Jahrzehnte haben uns eine große Zahl von Veröffentlichungen zum so genannten "Wirtschaftsnationalismus" beschert. Ein Grund hierfür ist sicherlich darin zu suchen, dass der Nationalismus in den vormals sozialistischen Ländern mit unerwarteter Deutlichkeit wieder zum Vorschein gekommen ist (anders Helga Schultz, 9 f.). Eine Rolle hat aber auch gespielt, dass die am neoklassischen Modell orientierten Prognosen für den Verlauf der Transformation dieser Volkswirtschaften zu erheblichen kognitiven Dissonanzen geführt haben (Schultz, 19; Alice Teichová, 162 ff.). Und schließlich nähren die durch den heute als "Globalisierung" bezeichneten jüngsten Integrationsschub der Weltwirtschaft hervorgerufenen Ängste das Interesse an Abwehrstrategien (Schultz, 9; Iván T. Berend, 36; Jean Batou, 57).
Der vorliegende Sammelband ist ein Ergebnis des von der Forschungsstelle Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas der Europa-Universität Viadrina durchgeführten Projektes "Ökonomischer Nationalismus in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert", das die Volkswagenstiftung in ihrer Initiative "Einheit in der Vielfalt? Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas" gefördert hat. An einer Vielfalt von Erscheinungsformen des behandelten Gegenstandes mangelt es nicht: Der Bogen reicht von der Freihandelspolitik rumänischer Bojaren (Angela Harre, 253 f.) über die Schutzzoll- und Subventionsstrategien des adelig dominierten Ungarn (Berend, 32; Uwe Müller, 116) und die Nostrifizierungsbemühungen der bürgerlichen Tschechoslowakei (Müller, 121; Eduard Kubu / Jir? Novotny / Jir? Šouša, 200 f.; Christoph Boyer, 208) bis zum Lavieren der litauischen kommunistischen Nomenklatura zwischen den Interessen der Teilrepublik und den Vorgaben der Zentrale in Moskau (Saulius Grybkauskas, 279 ff.).
Deutlich wird dabei in erster Linie, dass ökonomischer Nationalismus nicht unbedingt als Implementierung diverser Theorie-Ansätze und Politikempfehlungen angesehen werden kann, wie sie im ersten, "Theory" überschriebenen Teil des Buches in Beiträgen von Berend, Batou und Joseph Love dargestellt werden. Es wird vielmehr nahe gelegt, dass es zunächst darauf ankam, welche Schichten in der Lage waren, ihres als das "nationale" Interesse zu definieren und worin sie ihren Vorteil sahen (Schultz, 16 f., 20 f.; Rudolf Jaworski, 62; Thomas David / Elisabeth Spilman, 90 f., 94 f.; Anu-Mai Köll, 142 f.; Catherine Albrecht, 175; Harre, 253, 257). In überspitzter Form ließe sich danach ökonomischer Nationalismus als Fortsetzung des Merkantilismus sehen (so z. B. auch David / Spilman, 91), der die Wohlfahrt des Staates, verkörpert im Herrscher, zum obersten Ziel erhob.
Gemeinsam ist sowohl den Beiträgen des "Survey and Comparison" genannten zweiten Teils wie auch den Fallstudien des dritten Teils, dass im Ergebnis der Grad der Verwirklichung solcher Ziele wie "Modernisierung" oder Verringerung von Entwicklungsunterschieden sich als wenig signifikant herausstellt. Ausnahmen bilden dabei bestenfalls – unter bestimmten Konstellationen – Bereiche wie Alphabetisierung und Verkehrsinfrastruktur (insbes. Müller, 116, 121), die freilich auch im liberalen Staat zu den öffentlichen Aufgaben gerechnet werden.
Im Gegensatz zu dieser eher negativen Beurteilung stehen die vielfach zitierten Arbeiten von Kofmann und Szlajfer, die für die Zwischenkriegszeit eine Reihe von ökonomisch hilfreichen Aspekten der Politik des ökonomischen Nationalismus hervorheben (Aufzählung bei David / Spilman, 93). Dies überrascht nicht, da im Anschluss an die Finanzkrise 1929 vor allem staatliche Eingriffe (die selbst Merkmale des Wirtschaftsnationalismus zeigten) marktkonforme Politiken ins Leere laufen ließen.
Vor diesem Hintergrund wäre es der übergreifenden Analyse der behandelten Phänomene durchaus zuträglich gewesen, wenn Konzepte wie Staatsversagen und Marktversagen, wie Pfadabhängigkeiten und die Rolle informeller Institutionen in die Betrachtung einbezogen worden wären, statt pauschal die Konfrontation zu neoklassischen Ansätzen zu suchen. Gemeint scheint dabei ganz überwiegend das lediglich heuristisch nützliche, von der Zeitdimension abstrahierende Gleichgewichtsmodell zu sein. Daran sind freilich die simplifizierenden Darstellungen einiger prominenter Transformationstheoretiker – oder besser: Transformationspropagandisten – nicht unschuldig.
Der Band besticht durch die bereits angedeutete Vielfalt der eingenommenen Perspektiven. Dabei ist noch der Beitrag zur Bedeutung des Genossenschaftswesens in Verfolg nationaler Anliegen (Torsten Lorenz, 127 ff.) hervorzuheben, nicht zuletzt, weil es sich hierbei um ein Element handelt, das auch entwicklungspolitisch seinen Wert erwiesen hat. Gewünscht hätte man sich andererseits ein näheres Eingehen auf die zahlreichen korporatistischen Gestaltungsversuche in der betrachteten Region, markieren diese doch eine deutlich andere Position als der heute den meisten Analysen zugrundegelegte individualistische Ansatz. Hier hätte sich unter anderem erweisen lassen, ob der Aspekt menschlichen Verhaltens, der gemeinhin als "homo oeconomicus" stilisiert wird, für historische Interpretationen so irrelevant ist, wie dies Jaworski behauptet (61).
Das Streben nach einer dem Wert der enthaltenen Aufsätze angemessenen Verbreitung lässt eine Publikation in Englisch heute sicherlich ratsam erscheinen. Damit nimmt man freilich in Kauf, dass trotz intensiver Überarbeitung der mehrheitlich nicht muttersprachlichen Beiträge sprachliche Schönheitsfehler auftreten, die gleichwohl nur vereinzelt sinnentstellend sind. Ein umfangreiches, gegliedertes Literaturverzeichnis (20 Seiten) und ein ausführlicher Index (10 Seiten) steigern den Nutzen des Bandes nicht nur für jene, die sich für die – oft übersehene – Mannigfaltigkeit der historischen Prozesse in Ostmitteleuropa interessieren, sondern auch für alle, die sich die durchaus differenzierten Ergebnisse des Umbruchs 1989/90 in den Staaten dieser Region erklären wollen.

(Karl von Delhaes, Herder-Institut, Marburg)

sehepunkte, Ausgabe 7/2007, Nr. 3
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