Ein preußischer Landrat in Monarchie, Demokratie und Diktatur

Nass, Klaus Otto (Hrsg.)

Ein preußischer Landrat in Monarchie, Demokratie und Diktatur

Lebenserinnerungen des Walter zur Nieden

Reihe Geschichte/Einzeltitel
Bestell-Nr 1119
ISBN 978-3-8305-1119-9
erschienen 01.01.2006
Format Hardcover
Umfang 347
Gewicht 593 g
Preis 38,00
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Dieses Buch eines unerschrockenen, menschlichen Staatsdieners mit besten preußischen Tugenden, aber auch mit einem weltoffenen Geist ist ein fesselndes Dokument aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Anschaulich schildert der Landrat Walter zur Nieden seine Doppelrolle als Vertreter des preußischen Staates und als Chef der kommunalen Selbstverwaltung der Landkreise Mettmann (1904–1929) sowie Geestemünde und Wesermünde (1929–1935). Der Hauptmann zur Nieden, der 1914 einen Kopfschuß in der Schlacht bei Ypern (Belgien) überlebte, war als Landrat immer wieder gefährdet: Die Revolution der Arbeiterräte 1918, der Kapp-Putsch 1920, die Besetzung des Rheinlands durch französische Truppen und Verhaftung der Landräte 1923, Kommunalreformen mit Fusion von Landkreisen, die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933.

Professor Dr. Axel Freiherr von Campenhausen zu diesem Buch in "Rheinischer Merkur" (25. Januar 2007):

Wenn Verwaltung funktioniert, gilt das immer als normal. Geht es nicht so gut, wird auf die Verwaltung geschimpft. Wirkliches Interesse für die Verwaltung ist selten. Dabei ist die Verwaltungstätigkeit interessant. Deutschland war führend in guter Verwaltung und im Hervorbringen hervorragender Beamter. Die Erinnerungen eines Verwaltungsfachmanns bekommt man selten zu lesen. Diese sind nicht zuletzt auch deshalb interessant, weil ein aufrechter Beamter ohne Verrenkungen in Monarchie, Demokratie bis zur Diktatur Rechenschaft über seinen Dienst ablegt und über die damals selbstverständliche Zurückhaltung in politischen Fragen. Seine Qualitäten zeigten sich im Zusammenführen der Kräfte seines Verwaltungsbereichs im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung.

Rezensionen
Der bereits recht ansehnliche Bestand an verwaltungsgeschichtlichen Publikationen im Programm des Berliner Wissenschafts-Verlags wird durch die Veröffentlichung von Klaus Otto Nass, einem Enkel des Memoirenverfassers, des Landrats Walter zur Nieden, in sinnvoller Weise bereichert. Denn gerade Erlebnisberichte von Praktikern sind als Zeugnisse von Zeitzeugen besonders geeignet, eine vergangene Verwaltungsepoche zu vergegenwärtigen. Das vorliegende Buch, ein vom Herausgeber nicht gekürzter Text (nur die Passagen, die sich ausschließlich mit der Familie zur Niedens befassen, wurden herausgenommen und in einem Beiheft gesondert gesammelt), gibt dies in besonderer Weise wieder. Denn bei Walter zur Nieden handelt es sich um einen sehr gebildeten, praktisch erfahrenen und hochkompetenten Fachmann, mit weit über seine Positionen hinausreichenden Interessen, sozial sehr engagiert und mit einer Begabung anschaulich zu schreiben, so dass sein Lebensbericht fast auf keiner Seite langweilt. Nass publizierte einen "jahrzehntelang vergessenen, vielfach verschachtelten Text". Aufgefunden in fünf Wachstuchkladden, verfasst mit Feder und Tinte in Sütterlinschrift, musste der Bericht erst entschlüsselt und aufbereitet werden. Die Mühe hat sich gelohnt.
Der Werdegang des Juristen zur Nieden ist instruktiv und für das Kaiserreich und für Preußen typisch. Noch gibt es wenig Verschulung, man lernt durch Abschauen und selbst zugreifen, aber auch durch die Förderung wohlwollender Vorgesetzter. Vor dem Hintergrund der Preußen-Renaissance, etwa in DER SPIEGEL des Sommers 2007 (der wievielte schon?), wirkt die Lebensgeschichte eines preußischen Landrats in Rheinpreußen (Landkreis Vohwinkel) und dann in Nordhannover (Landkreis Wesermünde) unter drei Regimen besonders spannend.
Nach einer umfangreichen Einführung des Herausgebers Klaus Otto Nass zum Ursprung des Manuskripts und einem Lebenslauf Walter zur Niedens (1869-1937) folgen die Teile der Autobiografie nach zeitlichen Etappen: Teil I: 1901-1914 (Werdegang, Landrat in Vohwinkel, Kriegsteilnahme), Teil II: 1914-1922 (Kriegsjahre im Landratsamt, Nachkriegsverwaltung, Revolution und Putsch, Separatismusgefahren), Teil III: 1923-1924 (Ruhrbesetzung, Verhaftung durch die Besatzungsmacht, Rückkehr ins Amt, Aktivitäten im Kreis, Eingemeindungsbestrebungen Wuppertals), Teil IV: 1925-1933 (Reisen, Tätigkeiten als Landrat in Vohwinkel, Kommunalreformen und Umgliederungen, Wechsel als Landrat in Wesermünde, nationalsozialistische Machtergreifung) und (sich teilweise überlappend) Teil V: 1929-1935 (Kreiseinrichtungen, Tätigkeit in Wesermünde, Persönlichkeiten, Ausbildung des höheren Dienstes, Eintritt in den Ruhestand).
Ein Dokumentenanhang mit Denkschriften des Autors zu unterschiedlichen kommunalen Themen, ein durchaus kritischer Bericht über die Teilnahme an der Ypern-Schlacht September 1914 (während der die Tragödie von Langemarck geschah), ein Bericht zu Landkreis und Kreisverwaltung in Preußen und zahlreiche Kurzbiografien (instruktiv insbesondere zu Erich Klausener, dem bedeutsamen Abteilungsleiter im preußischen Innenministerium, 1934 im Zuge der Röhm-Revolte ermordet) runden die Lebenserinnerungen ab. Der Bericht wird ergänzt durch zahlreiche im Original abgelichtete Verwaltungsdokumente sowie Fotos, die zur weiteren Veranschaulichung an sich meist spröder Verwaltungsvorgänge beitragen.
Der umfangreiche Lebensbericht vermittelt ein sehr plastisches Bild der überaus vielfältigen Tätigkeit eines Landrats im kaiserlich-königlichen Preußen und im Land Preußen der Weimarer Republik nach 1918 bis hin in die Anfänge des nationalsozialistischen Regimes, dem zur Nieden zunächst neugierig-distanziert gegenübersteht, und dem die Länderstaatlichkeit – vor allem auch Preußens – letztlich zum Opfer fällt. Vom kaisertreuen Beamten wandelt sich zur Nieden bestenfalls zum Vernunftrepublikaner, im Herzen bleibt er, wie viele preußische Beamte, preußischer Monarchist. Dennoch dient er der Republik loyal und mit dem Einsatz seiner gesamten Persönlichkeit und seines überreichen Fachwissens. Er sieht die Defizite der jungen Republik, aber auch ihre Existenznot: Gefährdungen durch Extremisten, wirtschaftliche, landwirtschaftliche und soziale Nöte, Eingriffe der Besatzungsmächte, separatistische Strömungen einer "Rheinischen Republik" (bei denen der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer kein gutes Bild abgibt) gefährden den sozialen Frieden und die Reichseinheit. Bei aller häufig geäußerten Kritik an der Sozialdemokratie und der liberalen Demokratie des Weimarer Staates gibt es dennoch faire Beurteilungen von republikanischen Politikern und republikanisch gesinnten Kollegen. Allein Minister Carl Severing erhält uneingeschränktes Lob. Dem aufkommenden Nationalsozialismus begegnet der von Kriegsausgang und Nachkriegswirren tief enttäuschte nationalgesinnte Beamte zur Nieden wie viele andere auch zunächst mit vorsichtiger Sympathie, jedoch werden seine praktischen Auswirkungen bald nicht mehr undifferenziert gesehen. 1936 verfasst, schleicht sich in die Formulierungen des Lebensberichts bei zunehmender Distanz auch Vorsicht ein, die Erinnerungen nehmen an Beklemmung zu. Bis zum Tod zur Niedens am 12. Dezember 1937 im Berliner Ruhestand wurden dem Beamten die Abgründe des Regimes wohl nicht mehr in ihrer letzten Konsequenz bewusst – er sah diese Abgründe seit 1930 bis 1936 nicht so deutlich wie etwa der (viel jüngere) preußische Beamte Sebastian Haffner.
Aus der Fülle der Inhalte können hier nur wenige Stichworte aufgeführt werden: die Hemmnisse bei den Karrierechancen weiblicher höherer Beamter, zu denen auch zur Nieden beiträgt; die Separatismusbestrebungen in Teilen der preußischen Rheinprovinz (S. 153, s. auch S. 117 ff. zu Adenauers Verhältnis zur Errichtung einer "Rheinischen Republik"), die Auswirkungen der alliierten Besatzung des Rheinlands ab 1919 und des Ruhrkampfes, die als historische Ereignisses im heutigen kollektiven Bewusstsein schon weitgehend vergessen sind. Überraschend zeitgemäß wirken die Warnungen zur Niedens vor den Gefahren ungebremster und schematischer Eingemeindungen (S. 293ff.). Überaus eindrucksvoll wirken die effektiven und sachkundigen sozialen Bemühungen zur Niedens: vor dem 1. Weltkrieg werden bereits Volksbildung und Kreisberatungsstellen gefördert, die Landwirtschaft wird u.a. durch Zuchtvieh und Früchteveredelung unterstützt; zur Nieden kümmert sich (sehr modern anmutend) um die Naturdenkmalpflege und die Energieversorgung, das Feuerwehrwesen, vor allem aber um die Gesundheitsfürsorge und Sozialhygiene (etwa durch die Schaffung der Stelle eines Schulzahnarztes) der breiten Bevölkerung und stellt entsprechendes Fachpersonal ein. Im Weltkrieg kommt die Kindererholungsverschickung in die ländlichen Ostgebiete und die Förderung der patriotischen Frauenvereine hinzu. Nach 1918 bilden neu oder in verstärkter Weise die Nahverkehrsförderung, Kreiseinrichtungen wie Wanderbücherei und Lichtbildstelle, die Jugendhilfe, Bau- und Friedhofsberatung, das Rote Kreuz und das Kreissparkassenwesen Schwerpunkte. Oft sind diese Maßnahmen improvisiert durchgeführt und mit geringen finanziellen und personellen Mitteln ausgestattet, aber immer merkt man, dass sie sehr durchdacht sind. Die Gerichtsbarkeit gibt kaum Vorgaben und Rahmensetzungen, es gibt noch wenig Verrechtlichung, spezielle Verwaltungsgerichte spielen so gut wie keine Rolle, Verfassungsgerichte gibt es nicht. Es bestehen weit weniger gesetzliche Einengungen und Verdichtungen, die heutigen Blockaden durch Überregulierung fehlen – welch ein Labsal! Das Aufgabenspektrum eines Landrats ist sehr breit: Soziales in allen Schattierungen, Kultur und Heimatpflege, Wirtschaft, Bau und Verkehr, Natur und Landwirtschaft – Raum für Eigeninitiative in reicher Fülle, Landräte sind kleine Könige in ihrem Reich und verhalten sich auch nach oben selbstbewusst. Trotz geringem Finanzvolumen können vielfältige neue Ideen in die Praxis umgesetzt werden, Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen sich weit rascher und effizienter, als es heute den Anschein hat. Die Doppelrolle des Landrats, Kommunalvertreter und Staatsbeamter zugleich zu sein, wirkt sich überaus fruchtbar aus.
Die selbst bei der Behandlung administrativer Nebenfragen nie trockene, vielmehr oft sehr lebendige Darstellung bleibt sowohl in den Sachdarstellungen stets anschaulich als auch farbig in den zahlreichen Erlebnissen und Charakterisierungen von Politikern aller Ebenen, Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen. Insgesamt ein Buch, das dem (verwaltungs-)historisch Interessierten zahlreiche neue Einblicke verschafft und dessen Lektüre sich sehr lohnt.

(Uni v.-Prof. Dr. Michael Kilian, Halle/Saale)

Die Öffentliche Verwaltung, Mai 2008, Heft 9, S. 386-387



Als Mettmann noch preußisch war

Wenn Verwaltung funktioniert, gilt das immer als normal. Geht es nicht so gut, wird auf die Verwaltung geschimpft. Wirkliches Interesse für die Verwaltung ist selten. Dabei ist die Verwaltungstätigkeit interessant. Deutschland war weltführend in guter Verwaltung und im Hervorbringen hervorragender Beamter. Auch heute muss Deutschland einen Vergleich mit seinen Nachbarn nicht scheuen.
Aus den genannten Gründen gibt es wenig Literatur zur Verwaltung, die der Laie lesen könnte. Der frühere preußische Landrat Walter zur Nieden (1869-1937) hat in seinem kurzen Ruhestand 1936 Lebenserinnerungen niedergeschrieben, die sein Enkel, der frühere Staatssekretär Klaus Otto Nass, nunmehr herausgegeben hat.
Die Erinnerungen sind ein für die historisch Interessierten fesselndes Zeitdokument aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, der Lebensbericht eines unerschrockenen, sozial eingestellten preußischen Staatsdieners. Nach kurzer Verwendung in unterschiedlichen Funktionen wurde er für ein Vierteljahrhundert Landrat des Kreises Mettmann bei Düsseldorf. 1929 musste er als Opfer einer Gebietsreform (das gab es auch damals schon!) weichen und wurde für weitere sechs Jahre Landrat in Geestemünde und Wesermünde. Dienstlich geförderte Studienreisen erweiterten den Horizont des Beamten.
Das zeigt sich später insbesondere in sozialen Aktivitäten des Landrats, der die damals reichlich vorhandenen Möglichkeiten der Gestaltung gern wahrnahm. Soziale und medizinische Beratungsstellen, die Entwicklung des Naturschutzes, des Feuerwehrwesens, landwirtschaftlicher Einrichtungen, schulärztlicher Untersuchungen et cetera zeigen die Vielfältigkeit der Betätigungsmöglichkeiten.
An der nationalen Gesinnung war naturgemäß kein Zweifel. Weder konfessionell (was in Mettmann eine Rolle spielte) noch in politischer Hinsicht war der Landrat aber eng. Seine Qualitäten zeigten sich im Zusammenführen der Kräfte seines Verwaltungsbereichs im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung.
Im Ersten Weltkrieg erlitt er eine schwere Kopfverletzung. Die Revolution 1918, der Kapp-Putsch sowie die Besetzung des Rheinlands durch französische Truppen mit Verhaftungen der Landräte werden anschaulich geschildert. Für den Nachgeborenen interessant ist die Gelassenheit, mit der ein patriotisch gesinnter Beamter das Herannahen der nationalsozialistischen Machtübernahme kommen sah, ohne der katastrophalen Gefahr gewärtig zu sein.
Preußen war ein großer Staat (größer als die heutige Bundesrepublik Deutschland) und die Beamten wurden durch Dienstreisen und Konferenzen hier und da davor bewahrt, in Grenzen ihrer kommunalen Bereiche zu versimpeln.
Dem Buch sind einige Daten in Kopie beigegeben, die den knappen, klaren Stil damaliger Verwaltung anschaulich machen. Die Erinnerungen eines Verwaltungsfachmanns bekommt man selten zu lesen. Diese sind nicht zuletzt auch deshalb interessant, weil ein aufrechter Beamter ohne Verrenkungen in Monarchie, Demokratie bis zur Diktatur Rechenschaft über seinen Dienst ablegt und über die damals selbst verständliche persönliche Zurückhaltung in politischen Fragen.
(AXEL FREIHERR VON CAMPENHAUSEN)

Rheinischer Merkur, Nummer 4 2007, vom 25. Januar 2007, S.6
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