Zur Konstruktion einer Region

Williams, Leena-Kaarina

Zur Konstruktion einer Region

Die Entstehung der Ostseekooperation zwischen 1988 und 1992

Reihe The Baltic Sea Region: Nordic Dimensions - European Perspectives, Band-Nr. 7
Bestell-Nr 1089
ISBN 978-3-8305-1089-5
erschienen 12.04.2007
Format kartoniert
Umfang 261
Gewicht 393 g
Preis 34,00
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Die Ostseekooperation steht nach der EU-Erweiterung um Polen, Estland, Lettland und Litauen 2004 heute vor einer Neuorientierung im veränderten europäischen und internationalen Kontext. In ihren Entstehungsjahren zwischen 1988 und 1992 wurde sie durch innovative Konzepte zum »region-building« geprägt, wie sie vor allem durch die politischen Akteure um den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm sowie einer Gruppe nordischer Politiker und Friedensforscher entwickelt wurden. Im Zeichen der Friedenspolitik strebte man die Bildung einer »postmodern-reformerischen« Region der Netzwerke und informeller Diskussions- und Kontaktforen an. Von deutschen innen- und somit auch parteipolitischen Erwägungen beeinflusst, setzten die damaligen Außenminister Genscher (D) und Ellemann-Jensen (DK) 1992 jedoch den zwischenstaatlich agierenden Ostseerat als zentrales Ostsee-Gremium ein, was dem regionalen Kooperationsspektrum eine neue, aber eher traditionell und hierarchisch geprägte Institution hinzufügte.
Das Buch rekapituliert und analysiert die Entstehung der Ostseekooperation zwischen 1988 und 1992 von den ersten Konzepten bis hin zur Institutionalisierung im Sinne einer Fallstudie über einen vielschichtigen und weiterhin durchaus aktuellen »region-building«-Prozess.
Rezensionen
Mit einer Studie über die Entstehung der Ostseekooperation während ihrer "Grundlegungsperiode" zwischen 1988 und 1992 hat Leena-Kaarina Williams ihre Dissertation vorgelegt. In der Untersuchung wird erstmals eine ausführliche Bestandsaufnahme der Ideen, politischen Konzepte und Institutionalisierungsprozesse erarbeitet, die der Entstehung der Ostseeregion zugrunde gelegen haben. Die Arbeit möchte einerseits eine Art "Wer, wann, wo, was und warum" zwischen 1988 und 1992 liefern; andererseits versteht sie sich auch als Fallstudie eines exemplarischen transnationalen Regionalisierungsprozesses (S. 18). Mit diesem Anspruch ist sie eine der bislang wenigen Studien, die sich dezidiert den Prozessen des region-building widmen.
Mit Hilfe eines ausgefeilten und ausführlich begründeten theoretisch-methodischen Ansatzes nähert sich die Verfasserin ihrer Fragestellung. Als Analysematrix für die strukturellen und inhaltlichen Entwicklungen dient ihr dabei eine paradigmatische Unterscheidung zwischen den Formen des "neuen" und denen des "alten" Regionalismus. Quellengrundlage der Arbeit bilden vor allem Aktenmaterial aus der Kieler Staatskanzlei und dem Landesarchiv Schleswig-Holstein, Zeitungsartikel aus der lokalen, überregionalen und internationalen Presse sowie Reden von Politikern und Interviews mit zeitgenössischen Akteuren. Ebenso wird der für die Konstruktion der Ostseeregion sehr wesentliche wissenschaftliche Diskurs einbezogen. Dass die Auswahl des Materials auf Deutsch-, Englisch- und Finnischsprachiges sowie Quellen in den skandinavischen Sprachen eingeschränkt wird, begründet Williams damit, dass die an der Konstruktion der Ostseeregion maßgeblich beteiligten Akteure in den westlichen Anrainerstaaten, d. h. in Deutschland – im Wesentlichen Schleswig-Holstein – und in den nordischen Ländern, zu finden seien.
In einem ersten Abschnitt werden zunächst die vor allem in Schleswig-Holstein und in den Wissenschaften – insbesondere der Friedensforschung – entwickelten Ideen hinter der Ostseekooperation untersucht. Anschließend rekonstruiert die Verfasserin exemplarisch die Institutionalisierung der Zusammenarbeit in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik einerseits sowie die Gründung des Ostseerates 1992 andererseits. Im Ergebnis identifiziert sie zwei unterschiedliche Ansätze des region-building: Die erste Phase bis 1992 ist demnach von einem "postmodern-reformerischen" Ansatz geprägt, der mit seinem bottom-up geleiteten post-souveränen, netzwerkorientierten Denken ein "Paradebeispiel" des New Regionalism (S. 236) darstellt. Als Beispiele für diese mit einer Erweiterung des Akteursspektrums um nicht-staatliche Akteure, einer Offenheit gegenüber unterschiedlichen Ideen sowie einer Vielzahl von Organisationsformen und Institutionen – darunter vor allem Netzwerke – verbundene Herangehensweise werden die schleswig-holsteinischen Initiativen eines "Mare balticum" bzw. der "Neuen Hanse" sowie das von den nordeuropäischen Friedenswissenschaftlern vertretene Konzept eines "Networking North" angeführt. Demgegenüber folge die "intergouvernemental-institutionelle" Konstruktion, die 1992 mit der Gründung des Ostseerates auf Initiative der Außenminister Genscher und Ellemann-Jensen hinzutrat, dem Muster des klassischen topdown gesteuerten (zwischen-)staatlichen Regionalismus. Die damit eingeleitete Änderung der Region-building-Strategie habe zwar eine Verschiebung von traditionell innenpolitischen hin zu außenpolitischen Kooperationsfeldern mit sich gebracht. Dennoch sei das "postmodernreformerische" Modell nicht einfach abgelöst worden. Vielmehr habe sich, so Williams, "aus dem bis heute bestehenden gemischten Modell ein System der verschiedenen Dynamiken [entwickelt], das durch sich z. T. überlappende regionale Tätigkeitsfelder das Spektrum der Aktivitäten erweitert und in seiner Entwicklung bereichert hat" (S. 237). Diesem misst sie ein durchaus hohes Entwicklungs- und Wirkungspotenzial auch nach den EU-Erweiterungen seit Anfang der neunziger Jahre bei.

Krister Hanne (Berlin)

NORDEUROPAforum 2/2007, S. 115-116