Koordinaten des Nordens

Kliemann, Hendriette

Koordinaten des Nordens

Wissenschaftliche Konstruktionen einer europäischen Region 1770-1850

Reihe Nordeuropäische Studien
Anhand von Definitionen und Konzepten des Nordens in deutsch- und skandinavischsprachigen Quellen untersucht die interdisziplinär angelegte Arbeit die Veränderungen in der Wahrnehmung dieser europäischen Region am Übergang zur Moderne.
Bestell-Nr 0986
ISBN 978-3-8305-0986-8
erschienen 10.06.2005
Format kartoniert
Umfang 286
Gewicht 430 g
Preis 44,00
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Die europäischen Vorstellungen vom Norden sind bis Ende des 18. Jahrhunderts von einem durch das antike Weltbild geprägten Nord-Süd-Dualismus bestimmt, wobei der Norden vom Atlantik bis nach Asien reichen kann. Um 1800 verengt sich die geographische Reichweite: Der Norden wird als skandinavisch/germanischer Norden konstruiert und mit neuen, kulturellen Inhalten versehen. Entscheidenden Anteil an diesem Wandel haben die Wissenschaften. Anhand von Definitionen und Konzepten des Nordens in deutsch- und skandinavischsprachigen Quellen untersucht die interdisziplinär angelegte Arbeit die Veränderungen in der Wahrnehmung dieser europäischen Region am Übergang zur Moderne. Nach einer zunächst aufklärerischen, kosmopolitischen und globalen Beschäftigung mit dem Norden kommt es im Zuge der zunehmenden wissenschaftlichen Spezialisierung und Aufgliederung der Forschungsdisziplinen (fast) zwangsläufig zu einer Fragmentierung und Verengung des Forschungsgebietes. Nationenbildung und die Suche nach nationalen Identitäten führen zur nationalen Aufsplittung des Nordens. Im Zuge einer zunehmenden Verzahnung von Wissenschaft und Politik wird der Norden den Bedürfnissen des Nationalstaates angepasst und für dessen Zwecke genutzt. Der Norden wird zur ideologischen Konstruktion.
Rezensionen
Was der Norden sei ist eine Leitfrage unseres Faches, und so verwundert es nicht, dass auch die Frage danach, wie der Norden als Gegenstand konstituiert wird, ein aus gutem Grund immer wiederkehrendes Thema der wissenschaftlichen Selbstreflektion geworden ist. In diesem Kontext ist die vorliegende Dissertation der Berliner Skandinavistin Hendriette Kliemann zu sehen. Sie möchte in ihrer Studie aufdecken, wie der Norden in Deutschland und Skandinavien zwischen 1770 und 1850 in der wissenschaftlichen Beschäftigung als Gegenstand und Region konstruiert wurde. Dabei interessiert sie sich nach eigener Aussage primär für die Analyse des "Wandel[s], der sich in Verständnis und Definition des Nordens an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vollzog" (S. 25). Sie betrachtet dabei die Region als "historisch gewachsene geopolitische Einheit" (S. 14), die sich um 1800 durch wissenschaftsexterne (so in der Folge der Napoleonischen Kriege) und -interne Entwicklungen verändert hat. Als wichtigste wissenschaftsinterne Veränderungen benennt sie die später Humboldt zugeschriebene forschungsorientierte Neuausrichtung der Universitäten und ihrer Lehre. Sie weist dabei zu Recht daraufhin, dass die Göttinger (und in gewissem Maße die Hallenser) Universität als erste Reformuniversität hier eine wichtigere Rolle spielte als die vergleichsweise spät gegründete Berliner Universität.
Der Arbeit liegt ein umfangreiches und vielfältiges Korpus zu Grunde, das durch Hendriette Kliemann zum Teil zum ersten Mal aufgearbeitet bzw. in Zusammenhang gesetzt wird. Hierin liegt der zentrale Verdienst der Arbeit. Die Analyse bezieht Arbeiten aus der "Staatenkunde, Statistik und Geographie sowie Geschichts- und Altertums-, Sprach- und Literaturwissenschaften" (S. 53) ein. Sie trägt dabei nicht nur einschlägige Monographien zusammen, sondern auch Lexika und zahlreiche Artikel aus größeren und kleineren Periodica der Zeit. Dezidiert ausgeschlossen werden aus arbeitsökonomischen Gründen "naturwissenschaftliche Quellen", ästhetische (sowohl bildkünstlerische als auch literarische) Quellen und Reiseberichte. Dies erscheint schon bei einem flüchtigen Blick in das umfangreiche Literaturverzeichnis legitim. Allerdings sind zumindest die beiden letztgenannten Quellengruppen seit längerem schon so gut aufgearbeitet, dass es ohne weiteres möglich gewesen wäre, die Analyseergebnisse der Studie zusammenfassend in Verhältnis zu diesen Forschungsresultaten zu setzen. Der gänzliche Ausschluss der Reiseberichte ist m. E. besonders zu beklagen, da er eines der zentralen wissenschaftlichen Genres der Zeit war und neben popularisierenden, gerade auch diskursintegrative Funktionen hatte.
Eine weitere Einschränkung des Korpus ist eine sprachliche – die Arbeit nimmt nur deutsch- und skandinavischsprachige Quellen in den Blick. Begründet wird diese notwendige Entscheidung mit der sicherlich nicht unstrittigen These, dass die "Geschichte des Nordens [...] die Geschichte einer Konstruktion" sei, "deren wesentliche Elemente im Kontext der engen Beziehung zwischen Skandinavien und Deutschland entstanden" (S. 47). Eine komparative Herangehensweise wird dabei ausgeschlossen, da sich, wie die Verfasserin zu Recht bemerkt, im Untersuchungszeitraum "die modernen Nationalstaaten erst herausbilden" (S. 49).
Das Buch ist im Hauptteil in vier als "Dimensionen" bezeichnete Abschnitte gegliedert. Nach einem nicht immer befriedigenden Durchgang durch verschiedene mögliche theoretische Zugänge zum Thema unter dem Titel "theoretische und methodische Dimensionen" wird das Korpus im zweiten Abschnitt auf den Einfluss der Klimatheorie im Antiken und aufklärerischen Gewand befragt, der dritte fokussiert auf Raumvorstellungen etwa in historischen, geographischen und staatskundlichen Arbeiten, der vierte auf die "kulturelle Dimension" – so auf die historische und mythische Füllung des Konzeptes Norden durch Geschichtsschreibung, Archäologie und Philologie. Positiv hervorzuheben ist der stete Rekurs auf europäische Kontexte und Zusammenhänge, in denen die Konstruktionen und Konzepte von Norden und Nördlichkeit bei den behandelten Akteuren stehen – so etwa die vieldiskutierte Gegenüberstellung von Nord- und Südländern und die damit eng zusammenhängende Diskussion "nordischer Mythologie" und Geschichte vor dem Hintergrund griechischrömischer Antike und Neuhumanismus.
Wie diese Gliederung bereits vermuten lässt, werden im Verlauf der Arbeit historische Prozesse – im Gegensatz zum formulierten Programm – nicht deutlich nachgezeichnet. Oftmals – insbesondere im Kapitel zur 'klimatischen Dimension' –wird mit zahlreichen Zitaten verschiedenster Provenienz die Kurrenz von Topoi und theoretischen Annahmen im gesamten Untersuchungszeitraum nachgewiesen, selten aber der Versuch unternommen, in der konkreten Textanalyse den Wandel der wissenschaftlichen Konstruktion nachzuweisen. Der spezifische diskursive Ort der zahlreichen anzitierten Quellen wird dabei meist nur ungenügend durch einen Hinweis auf die Profession und Nationalität des Autors skizziert, der dialogische Zusammenhang der Quellen ist mithin oft nur implizit zu erschließen. Es hätte der Studie sicherlich gut getan, wenn paradigmatischen, aber von ihr immer nur en passant anzitierten Texten wie Schlözers Allgemeine Nordische Geschichte (1771), Grimms Deutsche Grammatik (1819-37) und Mythologie (1835), Geijers, Rasks und Herders Arbeiten, um nur einige Texte und Textgruppen zu nennen, einer gründlicheren und vergleichenden Analyse unterzogen worden wären, um dann in einem zweiten Schritt die gewonnenen Ergebnisse mit Hilfe der weiteren Debatte zu konturieren.
In ihren umfangreichen theoretischen Überlegungen zu möglichen Ausgangspunkten und Perspektiven beweist Hendriette Kliemann Umsicht – sie untersucht die Diskussion zu Mental Maps, Begriffsgeschichte, kulturellem Konstruktivismus, zu "geschichtsräumlichen Konzepten" in Hinblick auf die Brauchbarkeit und Relevanz für ihr Erkenntnisinteresse. Allerdings verwendet sie dann in der eigentlichen Interpretation ihrer Quellen diese Konzepte eher im Ausnahmefall. Stattdessen nutzt sie mit 'Image' und verwandten Termini Begrifflichkeiten aus einem theoretischen Feld – der Imagologie –, dessen theoretischer Ort im Bezug auf die Studie unbestimmt bleibt. Ein weiterer naheliegender theoretisch-methodischer Ansatz, die Diskursanalyse, wird ebenso wenig diskutiert. Dabei hätte spätestens die Lektüre von Edward Saids Orientalism - das Buch verortet sie etwas unglücklich in der Mental-Maps-Forschung, Said hingegen propagiert ja das alternative Konzept der 'imaginative geography' – auf die Möglichkeiten der Diskursanalyse hinweisen können, differenziertere Werkzeuge zur Bewertung von Phänomenen wie der "zunehmenden Ideologisierung der Wissenschaften" im 19. Jahrhundert im Kontext der "Nationenbildung und der Suche nach der eigenen nationalen Identität" (S. 24) zur Verfügung zu stellen. Letztgenannte These befremdet in dieser Form – schließlich kann kaum behauptet werden, dass Wissenschaft vor dem Sündenfall des Nationalismus frei von Ideologemen, wenn auch anderer Art, gewesen wäre.
Zusammenfassend aber muss noch einmal das Verdienst der Studie betont werden, ein umfangreiches Korpus wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Norden auf eine Weise aspektreich aufgeschlossen zu haben, die zu weiteren Forschungen einlädt. "Die Suche nach den Koordinaten des Nordens", schreibt Hendriette Kliemann am Ende ihrer Arbeit, "führt um 1800 in den Wissenschaften zu vielfältigen Lösungsvorschlägen. Sie bringt jedoch kein einhelliges Ergebnis. Der Norden ist und bleibt ein unbestimmter Begriff" (S. 234). Dies ist doch forschungspolitisch gesehen ein positives Ergebnis.

(Thomas Mohnike, Strasbourg)

Skandinavistik 37/2007, S. 71-72

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