Übertragung von Alkalinität durch Kontakt mit Calciumcarbonat gefüllten Hüllpapieren

Damm, Roland

Übertragung von Alkalinität durch Kontakt mit Calciumcarbonat gefüllten Hüllpapieren

Reihe Forschung und Praxis, Band-Nr. 1
Bestell-Nr 0919
ISBN 978-3-8305-0919-6
erschienen 27.05.2005
Format kartoniert
Umfang 76
Gewicht 203 g
Preis 19,00
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Im Bereich der Graphik- und Fotokonservierung zählt eine materialgerechte Verpackung und Lagerung zu den wesentlichen konservatorischen Maßnahmen. In der Vergangenheit wurden verschiedene Schadensbilder beobachtet, die auf eine mögliche Wechselwirkung zwischen gepufferten Hüllpapieren und alkaliempfindlichen graphischen Objekten hinweisen. Die Vermutung liegt nahe, dass der eingebrachte Füllstoff auf die Objekte übertragen wird und dort lokale Veränderungen des pH hervorruft.
Die Frage, ob alkalisch ausgerüstete Hüllpapiere bedenkenlos in direktem Kontakt zu alkaliempfindlichen Objekten verwendet werden dürfen oder besser durch deutlich teurere, ungepufferte Papiere ersetzt werden müssen, ist aus konservatorischer Sicht noch immer umstritten.
Mit diesen Untersuchungen soll mehr Klarheit darüber geschaffen werden, ob auch bei gemäßigten Klimaschwankungen ein Gefahrenpotential von alkalisch ausgerüsteten Hüllpapieren ausgeht.
Rezensionen
Die aus der Diplomarbeit des Autors an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart im Jahr 2000 hervorgegangene Veröffentlichung geht der Frage nach, ob die vielfach vermutete Übertragung von Alkalinität zwischen sich kontaktierenden Papieren tatsächlich existiert und ob sich nachweisen läßt, unter welchen Bedingungen, auf welche Art und in welchem Maß eine Übertragung stattfindet.
Das Buch gliedert sich in einen theoretischen und einen experimentellen Teil. Im theoretischen Teil werden die Grundlagen erläutert, die für die Fragestellung und den nachfolgenden experimentellen Teil von Bedeutung sind: Zunächst beschreibt der Autor in einer angenehm knappen Form einige Aspekte der modernen Papierproduktion; hier geht er auf die verschiedenen Füllstoffe und Pigmente sowie Neutralleimungen ein, die in der industriellen Papierherstellung Verwendung finden. Das darauf folgende Kapitel gibt einen kurzen Überblick über den Aufbau von Cellulose und die daraus resultierenden Wechselwirkungen zwischen Cellulose und Wasser, wie etwa das Sorptionsvermögen der Cellulose oder den Wassertransport im Faserverbund.
In dem auf diesen ersten beiden Kapiteln aufbauenden experimentellen Teil beschreibt Damm zwei Versuchsreihen. In der ersten Versuchsreihe untersucht er zunächst das Sorptionsverhalten von vorkonditionierten Papierstapeln bei Veränderung der relativen Luftfeuchtigkeit. Er weist nach, dass eine "dynamische, temperaturgesteuerte Alterung im geschlossenen System dazu geeignet ist, beschleunigte Feuchtigkeitstransporte in einem Papierstapel auszulösen" (S. 43) und macht sich diese Erkenntnis in der zweiten Versuchsreihe zunutze. Hier werden mit alkalischen Füllstoffen ausgerüstete Papiere zusammen mit als Indikator dienenden Cyanotypien zu Stapeln gelegt, eingepresst und ebenfalls der künstlichen Alterung unterzogen. Die farbgebende Komponente der Cyanotypien, Berlinerblau, reagiert sehr empfindlich auf Alkalien und verändert sich dauerhaft: Es zersetzt sich durch alkalische Hydrolyse in gelblich-braun gefärbte Produkte, die häufig mit dem bloßen Auge zu erkennen sind.
Bei der anschließenden visuellen Auswertung zeigten sich nachweisbar durch Alkalien verursachte Schäden an den Cyanotypien. Interessant ist, dass nicht zwangsläufig die alkalisch ausgerüsteten Papiere mit den höchsten pH-Werten die schlimmsten Verfärbungen verursachten. Mit diesen Versuchen zeigt Damm erfolgreich, dass bereits "bei moderaten Feuchtigkeitsschwankungen Alkalinität aus gepufferten Hüllpapieren übertragen wird und Kontaktschäden hervorrufen kann" (s. 54).
Die an die Versuchsreihen anknüpfende Schlussbetrachtung und Diskussion der Ergebnisse fällt mit knappen eineinhalb Seiten etwas kurz aus; hier wünscht man sich etwas mehr Praxisbezug als die bloße Aufforderung, keine gepufferten Papiere in Kontakt mit alkaliempfindlichen Objekten zu bringen, oder den Hinweis darauf, dass bestehende Testmethoden wie der Photgraphic Activity Test nichts über die Alkalinität der Produkte aussagen.
Auch bleiben einige Fragen offen, wie etwa, welche Rolle der Anpressdruck spielt, dem die Proben während der künstlichen Alterung ausgesetzt sind; es stellt sich hier die Frage, ob der in den Versuchen angewandte Anpressdruck realistisch ist, wenn z.B. Akten in Archivkartons gelagert werden. Insofern wäre es etwa interessant zu wissen, ob ein sichtbarer oder messbarer Effekt auch eintritt, wenn die Papierstapel während des Alterungstests nicht eingepresst werden.
Es ist schwierig, eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2005, die auf einer Diplomarbeit von 1999/2000 beruht, im Jahr 2008 auf seine Aktualität hin und auf neue Erkenntnisse für die Papierrestaurierung zu beurteilen. Roland Damm jedenfalls bringt mit seiner Untersuchung nicht nur einen Beweis für lange Vermutetes und sicher immer wieder Bezweifeltes, sondern gibt zudem mit dem theoretischen Teil der Arbeit einen guten Einblick in die für Restauratoren wichtigen Aspekte der modernen Papierproduktion und den Aufbau und die Eigenschaften von Cellulose.
Generell überzeugen die sehr guten graphischen Darstellungen und der angenehm zu lesende Text. Alles in allem liegt hier ein handliches, schnell zu lesendes und rundum informatives Buch vor, das den Leser zudem neugierig macht auf die anderen, bereits erschienenen Bände (Bd. 2: Potthast, Antje, et al.: Tapeten und Tintenfraß, Berlin 2005; Bd. 3: Doering, Thorsten: Altes Papier -neue Techniken, Berlin 2007) und in Zukunft erscheinenden Bände der Reihe "Konservierung - Forschung und Praxis".

(Anna Endreß)