Die Aleatorik in der Kunst und das Urheberrecht

Fierdag, Hanno

Die Aleatorik in der Kunst und das Urheberrecht

Unter besonderer Berücksichtigung der computer-generated works

Reihe Schriftenreihe zum Recht des Geistigen Eigentums, Band-Nr. 20
Bestell-Nr 0890
ISBN 978-3-8305-0890-8
erschienen 23.12.2004
Format kartoniert
Umfang 137
Gewicht 210 g
Preis 24,00
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In diesem Buch untersucht der Autor den urheberrechtlichen Schutz aleatorischer Kunst, wozu auch sogenannte computer-generated works zählen. Ausgehend von einer Begriffsbestimmung der Aleatorik als dem Erscheinungsbild des Zufälligen in der Kunst erhält der Leser zunächst einen umfassenden Überblick über das Phänomen des Zufalls in der Kunst und erfährt, welche Techniken und Methoden zu zufälligen Ergebnissen führen. Dabei wird insbesondere auf die unterschiedlichen Ansätze in der Künstlichen Intelligenz eingegangen. Inwieweit für aleatorische Kunst de lege lata ein Urheberrechtsschutz besteht, wird daran anschließend untersucht. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der persönlichkeitsrechtlich verankerte Werkbegriff des deutschen Urheberrechts nicht in der Lage ist, aleatorischer Kunst urheberrechtlichen Schutz zu gewähren. Der Autor legt jedoch dar, dass im Bereich der Computerkunst ein abgestuftes Rechtsschutzbedürfnis für aleatorische Computerkunst besteht, wenn mit Hilfe des Rechners Werke geschaffen werden, die von erheblichem ästhetischen Wert sind und sich nicht von unzweifelhaft urheberrechtlich geschützten Werken menschlicher Herkunft unterscheiden. Er schlägt daher die Einführung eines Leistungsschutzrechtes für computer-generated works vor. Im letzten Teil der Arbeit wird der Schutz aleatorischer Kunst nach britischem und US-amerikanischem Recht untersucht.
Das Buch hat das Ziel, auf das Problem der rechtlichen Bewältigung einer neueren technischen Entwicklung aufmerksam zu machen und bestehende Schutzlücken aufzuzeigen, deren Schließung sowohl zu mehr Rechtssicherheit als auch zu einer internationalen Harmonisierung beitragen wird. Es richtet sich sowohl an Juristen mit besonderem Interesse für die Kunst und das Urheberrecht als auch an Kunstschaffende mit Interesse für die rechtliche Absicherung ihrer Werke.
Rezensionen
"Der Fehler fängt schon an", stellt Joseph Beuys in seinem Manifest vom 1. November 1985 fest, "wenn sich einer anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen." Beuys wollte sich mit dieser Äußerung gewiss nicht über seine malenden Kollegen herabsetzend äußern, vielmehr darauf aufmerksam machen, dass ein zu introvertierter Blick auf eine Kunstgattung der Lebenswirklichkeit der zeitgenössischen Kunst, die für ihn unter "erweiterter Kunstbegriff" zu subsumieren war, nicht gerecht wird.

Fierdag verbindet in seiner juristischen Dissertation seine Erfahrungen als Student der Musikwissenschaft mit urheberrechtlichen Forschungen und beschäftigt sich mit dem Phänomen der "Aleatorik", also der Zufallskunst, die im Kunstschaffen des 20. Jahrhunderts, und zwar sowohl in der Musik wie in der Bildenden Kunst, eine wichtige Rolle spielt, zumal bei Künstlerpersönlichkeiten mit Arbeitsschwerpunkten in beiden Gebieten wie z.B. John Cage.
Um die aus seiner Sicht regelungsbedürftigen Fälle, in denen nämlich Kunstwerke, die unter Anwendung des Phänomens Aleatorik geschaffen wurden, abzugrenzen sind von denjenigen, die dem ohnehin schon in Richtung "kleine Münze" stark aufgeweichten Werkbegriff nicht unterfallen (sollen), unterteilt der Autor die Gesamtaleatorik in verschiedene Bereiche, nämlich die Teilaleatorik, die strukturelle Aleatorik, den adaptierten Zufall und den bearbeitenden Zufall.

Das Anwendungsfeld seiner Überlegungen reduziert sich, bezogen auf die künstlerische Praxis, deshalb schließlich auf solche Werke, die vollständig oder teilweise unter Einsatz von Computern geschaffen werden. Hierbei verliert der Autor, zumindest aus der Sicht der Praxis, zunehmend die Bodenhaftung: Denn gerade im Bereich der Bildenden Kunst wird die Aleatorik in vielen Fällen durchaus gezielt im Rahmen eines künstlerischen Gesamtkonzepts eingesetzt, ohne dass dieses technische Mittel die Schöpfungshöhe bzw. Originalität des entstehenden Werkes in Bezug auf den Urheber auch nur ansatzweise in Frage stellen könnte. Mit anderen Worten: Den Künstler, der im Sinne der Ausgangsthese des Autors die gesamte Gestalt des Kunstwerks durch eine aleatorische Operation bestimmen lässt, also nach Auffassung des Autors nicht an der Formung mitgestaltet und daher auch kein Werk im Sinne des herrschenden Werkbegriffs schafft, muss man suchen wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Nimmt man nur das jüngste Beispiel des Einsatzes aleatorischer Mittel in der Bildenden Kunst, nämlich die Gestaltung eines Kirchenfensters an der Westfassade des Kölner Doms dureh den weltbekannten Maler Gerhard Richter, so ergibt sein Konzept, dass er die schon von den Glasgestaltern der Gotik verwandten Farben aus einer Palette von 4096 Farben durch Computereinsatz in winzige Bildflächen von je 9,4 cm Kantenlänge zusammenwürfeln lässt, um hierdurch eine Zufallsgestaltung des Fensters zu erreichen, das insgesamt 113 Quadratmeter füllt. Das Ergebnis entspricht in verblüffender Weise dem Farbeindruck eines gotischen Fensters, dessen konkrete Gestaltung der Betrachter aus weiterer Entfernung oft nicht erkennt, wodurch ein außergewöhnliches ästhetisches Phänomen zutage tritt. Ist Gerhard Richter wegen des Einsatzes des Computers also nicht der Urheber des Kirchenfensters, das in den Rahmen einer Werkkategorie fällt, die durch eine Reihe anderer Werke, die mit ähnlichen Mitteln der Zufallsanordnung von Farben geschaffen wurden, gebildet wird?
Folgt man aber dem Autor dahin, dass es tatsächlich im Bereich des künstlerischen Schaffens Fälle gibt, in denen die Autoren, möglicherweise nur im Bereich der Musik, tatsächlich jegliche Herrschaft über den Schaffensprozess dem Computer überlassen, so mag in der Tat eine Regelungslücke entstehen, zu deren Ausfüllung künstlerisch interessierte Juristen durchaus aufgerufen sind. Fierdag kommt nach ausführlicher Analyse der Kriterien des klassischen Werkbegriffs zu dem Ergebnis, dass, wenn nicht eine Erweiterung der urheberrechtlichen Schutzmöglichkeiten im Rahmen des Werkbegriffs, doch mindestens ein leistungsrechtlicher Schutz de lege lata erforderlich sei. Leider belässt er es bei dieser Aufforderung an den in dieser Frage sicher nicht regelungsbereiten Gesetzgeber und verzichtet auf einen eigenen Gesetzesvorschlag, der ihn allerdings auch verpflichtet hätte, die von ihm beschriebenen technischen Phänomene der Herstellung aleatorischer Kunst in verständlicher Gesetzessprache zu formulieren.
Bedauerlich ist, besonders im Hinblick auf die überaus interessante Entwicklung des Kunstschaffens aller Sparten unter Anwendung von Computern, dass der Autor die weiteren Phänomene, die sich aus der Existenz derart geschaffener aleatorischer Kunstwerke entwickeln, zumal wenn sie öffentlich zugänglich gemacht werden, nicht weiter untersucht, denn Werke, die unter Anwendung des Zufallsprinzips entstanden sind, laufen selbstverständlich Gefahr, in der Rezeption weiteren Zufällen und Veränderungen ausgesetzt zu werden.
Für die Praxis bringt die Untersuchung deshalb nur geringen Gewinn, zumal, wie eingangs beschrieben, die übergroße Zahl der in welchem Grade des Einsatzes aleatorischer Mittel auch immer geschaffenen Kunstwerke bisher noch immer ihren Autor gefunden hat. Dennoch führt uns der Autor auf eine interessante Spur, indem er mit dem juristischen Verbandskasten der Entwicklung der Kunst nacheilt, die es immer wieder versteht, zur Verblüffung der Juristen Haken zu schlagen, denn auch für die neuesten Phänomene der Kunst und Musik gilt, was Mephisto dem Schüler auf den Weg gibt: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum."


Prof. Dr. Gerhard Pfennig, Bonn


UFITA. Archiv für Urheber- und Medienrecht, Sonderdruck aus Band 2007/1 Besprechungen, S. 250-252