Rittergut - Garnison - Residenz

Göse, Frank

Rittergut - Garnison - Residenz

Studien zur Sozialstruktur und politischen Wirksamkeit des brandenburgischen Adels 1648-1763

Reihe Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Band-Nr. 51
Bestell-Nr 0874
ISBN 978-3-8305-0874-8
erschienen 01.03.2005
Format kartoniert
Umfang 560
Gewicht 945 g
Preis 68,00
Auf die Merkliste In den Warenkorb
Dem aufmerksamen Zeitgenossen zeigen sich noch heute beim Durchreisen der Mark Brandenburg die steinernen Spuren einer uns fremd gewordenen, fernen Lebenswelt. Schlösser und Herrenhäuser, von denen eine erfreulicherweise immer größere Zahl restauriert wurde und wird, beleben zugleich das Interesse an der Geschichte des einst maßgeblich die politische und militärische Elite des Alten Preußen prägenden brandenburgischen Adels. Ein Zugang zur Geschichte dieses Herrschaftsstandes in der Zeit des Ancien Régime erscheint indes erschwert durch viele Mythen, Klischees und Vorurteile. Ziel der vor allem auf archivalischen Quellen basierenden Studie ist es daher, einer Reihe von Fragen nachzugehen, die unser Bild über die wirtschaftliche Befindlichkeit, soziale Struktur und die politischen Gestaltungsmöglichkeiten des märkischen Adels während der klassischen Periode des altpreußischen Staates korrigieren und um – zum Teil überraschende – Einsichten vervollkommnen können. Ein wichtiger Akzent wird dabei auf die vergleichende Einordnung der Ergebnisse in die deutsche Adelsgeschichte gelegt, um insbesondere die These eines „Sonderweges“ des brandenburg-preußischen Staates und seines Adels überprüfen zu können.
Rezensionen
Zu den Gebieten der brandenburgisch-preußischen Geschichte, auf denen die neuere Entwicklung unseres Fachs Nachholbedarf geschaffen hat, gehört die gesellschaftliche und politische Rolle des Adels. Die hier zu besprechende Arbeit – sie lag 2001/02 der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam als Habilitationsschrift vor und wurde für den Druck aktualisiert – ist geeignet, für die Kernlandschaften in dieser Hinsicht Lücken zu schließen. Der Verf. knüpft an die Erkenntnisse Peter-Michael Hahns über Struktur und Funktion des brandenburgischen Adels im 16. Jahrhundert (1979) an und ist insgesamt auf der Höhe der agrar- und sozialgeschichtlichen Forschung; ich vermisse allenfalls W. W. Hagen, Ordinary Prussians (2002), dessen Beobachtungen über "kapitalistisches" Wirtschaftsverhalten adliger Grundbesitzer gut zu Göses Ergebnissen passen. Die Quellen, auf denen die Arbeit weithin beruht, stammen überwiegend aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv, aber auch anhaltische, mecklenburgische, hannoversche und sächsische Archivalien sowie Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz wurden herangezogen, und den familiengeschichtlichen Partien liegt eine Sammlung von einschlägigen Arbeiten über brandenburgische Adelsgeschlechter zugrunde, deren Quellen heute durchweg nicht mehr existieren. Wichtige Bestände sind die seit Friedrich Wilhelm I. geführten Vasallentabellen, die Akten der Ritterschaftlichen Hypothekendirektion und die Sentenzenbücher des Kammergerichts.

Die Arbeit baut sich aus einer Fülle von recht konkreten Fallstudien auf, wo es die Materiallage erlaubt, faßt Göse seine Ergebnisse zu quantifizierenden Matrizes zusammen, dabei ist er in der Kennzeichnung der Verläßlichkeit seiner Grunddaten nicht immer optimal präzise. Göse hat grundsätzlich die gesamte Kur- und Neumark im Auge, arbeitet aber immer wieder mit Vergleichen der traditionellen Kreise und kommt so zu einem differenzierten und farbigen, nicht immer leicht überschaubaren Bild. Auch seine Argumentationslinien drohen sich bisweilen in der Fülle des Details zu verlieren. Die Stichworte des Titels nennen die wichtigen Themen des Buches. Kapitel l behandelt Veränderungen der Besitzstruktur, Verschuldung und Kreditverhalten, das Lehnswesen sowie die Rolle des Adels in Verwaltung und Heer. Kapitel 2 schildert Verhaltensmuster der Entstehung und Sicherung der adligen Familie, Kapitel 3 Bedeutung und Funktionsweise der ständischen Gremien, in Kapitel 4 geht es um die Verbindungen zu Hof und Residenz, in Kapitel 5 um das Verhältnis des durchweg lutherischen bodenständigen Adels zu der unter Kurfürst Friedrich Wilheim entstandenen, reformierten "Neuen Elite" großenteils landfremder Amtsträger, und Kapitel 6 versucht mit Stichproben aus den Nachbarterritorien zu klären, wie weit die Entwicklung der brandenburgischen Adelsgesellschaft einen "Sonderweg" darstellt oder doch auch allgemein regional- und zeittypische Merkmale aufweist.

Es kann hier nicht der ganze Reichtum der Ergebnisse referiert werden. Durchgängig ist die Demontage herkömmlicher Klischees. So kann Göse zeigen, daß es einen eigentlichen "Militäradel" nicht gab, weil jedenfalls für die Gutsbesitzer die Sorge für ihre Betriebe neben oder noch vor dem Offiziersdienst ein zentrales Thema war. Ähnliches gilt für die Aufwertung des Lehnswesens als für Landesherrn wie Adel wichtiges Rechtsinstrument. Hier setzt Göse allerdings eine Grundtatsache mehr voraus als sie zu thematisieren: die relative Funktionsfähigkeit der adligen Großsippe und deren rechtliche Voraussetzung, die traditionelle Belehnung dieser Sippen zur gesamten Hand. Das Interesse des Adels an dieser Einrichtung wird am ehesten deutlich im Kapitel über die Debatten um die Allodifikation der Lehen unter Friedrich Wilhelm I. Hier wie insgesamt erweisen sich die verbliebenen ständischen Einrichtungen als leistungsfähige Partner eines Diskurses, in dem zwar die Initiative vom Landesherrn ausgeht, die Ergebnisse aber belegen, daß das "absolutistische" Preußen auf die Zusammenarbeit mit seiner traditionellen Führungsschicht angewiesen blieb. Die Zusammensetzung dieser Führungsschicht, der relative Bedeutungsverlust der überkommenen Amtsträgerdynastien zugunsten der "Neuen Elite", deren Rolle als Güterkäufer und Kreditgeber und schließlich ihre langfristige Integration sind ein weiteres übergreifendes Thema. Hintergrund zu alledem ist eine wirtschaftliche Lage, in der die Schäden des Dreißigjährigen Krieges einen langfristigen Verfall der Güterpreise, damit die Überschuldung vieler schon vorher verschuldeter Betriebe bewirkten und zum Bedeutungsverlust der alten Führungsschicht beitrugen. Schließlich zeigt Göse vor allem für die Grenzregionen die Einbindung der brandenburgischen Geschlechter in eine Adelslandschaft, zu der auch die Nachbarterritorien gehörten; die Bemühungen der Monarchen, ihre Vasallen von "auswärtigem" Staats- und Heeresdienst abzuhalten, hatten nur Teilerfolge.

Alles in allem: Ein wertvolles Buch, das uns vom Funktionieren des "absolutistischen" Brandenburg-Preußen ein sehr viel klareres Bild verschafft, als wir es bisher hatten.

(Ernst Opgenoorth, Bonn)

Forschungen zur Brandenburgischen & Preußischen Geschichte, 18. Band, Heft 1/2008, S. 122-123



Die brandenburgische Landesgeschichte kann auf eine lange Forschungstradition zurückblicken, die immer auch schon den Adel stark berücksichtigt hat. Gleichwohl bietet der Adel der "Zentralprovinz" (W. Neugebauer) nach wie vor einen lohnenden Untersuchungsgegenstand, wie die Potsdamer Habilitationsschrift von Frank Göse verdeutlicht. Der Autor ist bereits durch eine Reihe einschlägiger Publikationen als Spezialist für den brandenburgischen Adel in der Phase des Ancien Regime ausgewiesen. Die Studie selbst lässt sich der neuen Stände- und Adelsforschung zuordnen und vermeidet dezidiert die in der Forschung lange Zeit vorherrschende Betrachtung und Wertung des Adels von landeshistorischer Warte; vielmehr treten die Landesfürsten als Akteure in den Hintergrund, der märkische Adel selbst rückt unangefochten in den Mittelpunkt der Untersuchung.
Anders als William W. Hagen, der 2002 unter dem Schlagwort "Ordinary Prussians" eine viel beachtete Fallstudie zum Gut Stavenow in der Prignitz vorgelegt hat, nimmt Göse den brandenburgischen Adel insgesamt für einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren in den Blick. Dabei kratzt er keineswegs nur an der Oberfläche, sondern hat intensive Archivstudien betrieben, die seiner Arbeit gleichermaßen eine große Tiefenschärfe und Anschaulichkeit verleihen. Neben den zahllosen eingestreuten Episoden und Fallbeispielen werden die Befunde durch 57 Tabellen und acht Karten untermauert. Die Untersuchung selbst gewinnt noch einmal durch die intensive Einbindung in die aktuelle Forschungsdiskussion; dazu wird auch die reichhaltige ältere Literatur rezipiert, die nach wie vor für solides regionalhistorisches Arbeiten unverzichtbar ist.
Kennzeichnend für den Umgang mit dem Thema ist der stark differenzierende Blick; verallgemeinernde Aussagen oder gar zugespitzte Thesen werden vermieden. Dies ist keineswegs einer Scheu vor dem historischen Urteil geschuldet, sondern resultiert aus einer konsequenten regionalistischen Betrachtung, die die Kur- und Neumark Brandenburg nicht als homogenes Territorium betrachtet, sondern die territorialen Substrukturen ernst nimmt. Gerade weil das Eigenleben und die Spezifika der Teillandschaften wie etwa der Zauche, des Barnim und des Havellands oder der Kreise wie Dramburg, Ruppin und Sternberg u.a. intensiv untersucht werden, gewinnt die Arbeit an Eindringlichkeit wie auch an Solidität. In sechs Großkapiteln untersucht Göse, wie der brandenburgische Adel auf verschiedene ökonomische Herausforderungen reagierte und mit den politischen Veränderungen nach dem Dreißigjährigen Krieg umging. Das "Absolutismus"-Paradigma findet hierbei übrigens kaum Anwendung, Ausdruck einer Skepsis, die durch den regionalistischen Zugriff weithin Bestätigung findet.
Unter dem Stichwort der "Sozialstruktur" thematisiert das erste Kapitel die Besitz- und Wirtschaftsverhältnisse, aber auch die adeligen Karrieremuster, die vielfach in den Fürstendienst (Verwaltung und vor allem Militär) führten. Wichtig war, dass die Adeligen überhaupt in den Dienst der Hohenzollern strebten und nicht anderweitige Dienste im "Ausland" suchten. Das zweite Kapitel widmet sich den Strategien des adeligen Familienverbandes. Ökonomischer Druck weichte vormalige Normen der Partnerwahl auf, Mesalliancen waren nun häufiger. Die Versorgung von Witwen und Hinterbliebenen führte vielfach zu familieninternen Streitigkeiten, die gerichtlich beigelegt werden mussten. Im dritten Kapitel kommt die ständische Partizipation des Adels zur Sprache. Grundlegend für die Einschätzung Göses ist dabei die Erkenntnis, dass der ständische Regionalismus in der Mark während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erstarkte und auf diese Weise die Ständevertretungen in den Auseinandersetzungen mit der Landesobrigkeit schwächte. Dies gilt auch für das Wirken der Landräte und der Kreisstände. Wichtig ist der Hinweis, dass regionalistische Tendenzen nicht nur ständische Einflussmöglichkeiten minderten, sondern auch die Integration der Landschaften in den preußischen Gesamtstaat hemmten. Das Verhältnis des brandenburgischen Adels zur höfischen Welt der Hohenzollern-Monarchie wird im vierten Kapitel beleuchtet. Hof und Residenzen besaßen für den Adel in Brandenburg eine große Attraktivität und wirkten zudem stilprägend für die märkische Adelskultur. Aufstiegs- und Einflussmöglichkeiten wurden aber erschwert durch die konkurrierenden Adelsgesellschaften anderer Territorien der preußischen Monarchie; Kompensation boten allerdings benachbarte höfische Zentren, hier vor allem in welfischen Territorien. Wenige aussagefähige Quellen lassen die Befunde zum Verhältnis zwischen lutherischem Adel und reformierter "Staatselite" knapp ausfallen (Kap. 5). Festzuhalten bleibt, dass die Landesobrigkeit zwar konfessionelle Konflikte zu vermeiden suchte, weit verbreitete Ressentiments zwischen den beiden Konfessionsgruppen aber nach wie vor virulent waren.
Ein besonderes Verdienst der Arbeit ist es, all diese Befunde für den brandenburgischen Adel nicht isoliert zu betrachten, sondern sie vergleichend mit Adelsgesellschaften anderer Territorien zu bewerten (Kap. 6). Der komparatistische Ansatz hilft dabei, das Exzeptionelle in der Geschichte des brandenburgischen Adels ("Sonderweg") zu relativieren, was Göse mithilfe des mecklenburgischen und des sächsischen Adels und desjenigen in den welfischen Territorien unternimmt. Am Ende versagt sich der Autor sogar einer abschließenden Kategorisierung und Typisierung des Adels in Brandenburg.
Man mag dieses Zögern bedauern, doch in Anbetracht der diversifizierten Befunde ist dies eine nachvollziehbare Entscheidung. Viel wichtiger ist, dass sich die Arbeit die Mühe macht, über den territorialen Tellerrand hinauszuschauen und Bezüge zu anderen Adelslandschaften herzustellen. Dabei wird deutlich, dass die für den brandenburgischen Adel relevanten Aspekte im Wesentlichen auch für andere Adelsregionen historiografisch fruchtbar gemacht werden können. Auf diese Weise gehen Göses Studien zum brandenburgischen Adel in ihrer Bedeutung weit über den landeshistorischen Rahmen hinaus und bieten wichtige Anregungen für die Adels- und Ständeforschung in den Territorien des Reiches insgesamt.

Michael Kaiser

ZfG, Heft 11/2007, Seite 970-972



Die frühneuzeitliche Adelsgeschichte zählt zu denjenigen Feldern der Forschung, die in jüngster Zeit verstärkt bearbeitet worden sind. Neue methodische und inhaltliche Zugriffe kennzeichnen die derzeitigen Bemühungen, adliges Selbstverständnis und adlige Selbstdarstellung (zum Beispiel im Spiegel von Selbstzeugnissen) exakter als in der älteren Geschichtsschreibung zu erfassen und die Strategien adliger Selbstbehauptung in einer sich wandelnden Welt kenntlich zu machen. Die zu besprechende Potsdamer Habilitationsschrift liefert einen wichtigen Beitrag im Rahmen dieser Bestrebungen der Frühneuzeitforschung.
Anliegen dieser Arbeit ist es, detailliert aufzuzeigen, wie sich die brandenburgische Ritterschaft im Zeitraum vom Ende des Dreißigjährigen bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges den sich verändernden wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen eines tendenziell nach Zentralisierung strebenden Gemeinwesens anpaßte. Der methodische Zugriff ist dabei durch eine Verknüpfung von makro- und mikrohistorischen Ansätzen gekennzeichnet, der es erlaubt, die (Makro-)Perspektive des Gesamtstaates mit den kleinräumlichen Adelswelten in enge Verbindung zu setzen. Die Quellenlage dazu ist insgesamt gesehen vergleichsweise gut, wenn auch im Einzelfall durch größere Lücken gekennzeichnet. Ähnliches gilt auch für den Forschungsstand zur Adels- und Preußenforschung, die seit der Wiedervereinigung uneingeschränkt auf die einschlägigen Archivbestände in der ehemaligen DDR zurückgreifen kann und somit auf wesentlich breiterer Quellenbasis gründet. Dies hat erkennbar dazu geführt, wie einleitend hervorgehoben wird, daß die Beschäftigung mit der brandenburgischen Adelsgeschichte inzwischen Konjunktur hat.
Die Arbeit ist in sechs große Kapitel gegliedert. Behandelt werden die Sozialstruktur der brandenburgischen Ritterschaft, die Strukturen und Handlungsrahmen der brandenburgischen Adelsfamilie, die ständische Partizipation des brandenburgischen Adels, die Verflechtung der Adels- und Hofgesellschaft, die konfessionellen Differenzen zwischen lutherischem Adel und reformierter Staatselite sowie in vergleichender Perspektive Aspekte der brandenburgischen Adelsgeschichte unter Berücksichtigung der Entwicklungen in den benachbarten Territorien Mecklenburg, Hannover und Sachsen.
Schon nach wenigen Seiten erkennt der Leser, daß der Verfasser eine Untersuchung vorgelegt hat, deren Darstellung sich durch die umfangreiche Auswertung archivalischer Quellen und durch außerordentliche Quellennähe auszeichnet. Herangezogen wurden hierbei sowohl Quellen landesherrlicher als auch ständischer Provenienz, was entscheidend dazu beiträgt, wesentliche Erkenntnisfortschritte gegenüber der älteren, primär auf die landesherrliche Perspektive fokussierten borussischen Historiographie zu erzielen. Daneben erweist es sich in der vorliegenden Arbeit als besonders ergiebig, daß die Quellenbefunde quantifiziert werden und daß dem Leser umfangreiches statistisches Material zur Verfügung gestellt wird. 57 Tabellen zeugen von diesem Bestreben, auf breiter zahlenmäßiger Grundlage zu argumentieren.
Die Fülle der mit dieser Arbeit vorgelegten neuen Erkenntnisse ist beeindruckend. So schildert der Autor eindringlich den Prozeß des Verlustes an Einfluß einstmals führender brandenburgischer Adelsfamilien auf die Gestaltung der Politik der Hohenzollernmonarchie und die damit einhergehende allmähliche Beschränkung der Ritterschaft auf eine führenden Rolle innerhalb der märkischen Teillandschaften, deren Ausdifferenzierung zu den großen Stärken der Arbeit zählt. Wesentliche Gründe für diese Entwicklung waren die deutlich verschlechterte finanzielle und wirtschaftliche Situation der Ritterschaft im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges und der Erwerb zusätzlicher Territorien unter dem Großen Kurfürsten und seinen Nachfolgern, der es unter anderem mit sich brachte, daß bei der Besetzung wichtiger Ämter verstärkt Nichtbrandenburger zum Zuge kamen.
Darüber hinaus belegen die Ergebnisse dieser Arbeit den Befund der neueren Forschung, daß die Beziehungen zwischen Landesherr und Ständen im Regelfall durch ein konsensuales Miteinander geprägt waren: Auch nach dem Landtagsrezeß von 1653 partizipierten die ständischen Gremien an der Landespolitik; für das Funktionieren der Verwaltung auf der unteren Ebene war ihre Mitwirkung unerlässlich.
Über den Grad der Einbindung des brandenburgischen Adels in die Armee und über das Netzwerk zwischen der Hofgesellschaft und den märkischen Adelslandschaften liegen nun ebenfalls weiterführende Erkenntnisse vor. Der Autor revidiert in diesen Kapiteln so manches Urteil der älteren Forschung, etwa die These, der brandenburgische Adels sei schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in großer Zahl in die Armee eingetreten, um über ein Instrument zu verfügen, was geeignet erschien, unmittelbare Herrschaftsrechte gegenüber den erbuntertänigen Bauern zu sichern.
Was die Verflechtung zwischen der Adels- und Hofgesellschaft angeht, so leistet der Autor in Anknüpfung an die Dissertation von Peter Bahl über die höhere Amtsträgerschaft des Großen Kurfürsten Grundlagenarbeit, indem er zum Beispiel die Rolle eines Otto von Schwerin als Verbindungsmann zwischen der Landesherrschaft und der Ritterschaft herausarbeitet. Besonderen Wert erhält die Arbeit dadurch, daß, wie eingangs bereits erwähnt, die Befunde über den brandenburgischen Adel in komparativer Weise mit den zeitgleichen Entwicklungen in Nachbarterritorien Brandenburg-Preußens in Verbindung gebracht werden. Ähnlichkeiten aber auch substantielle Unterschiede werden auf diese Weise erkennbar, wobei der Blick auf die spezifischen Problemlagen der Adelsgesellschaften das Bild von einem brandenburg-preußischen Sonderweg der Adelsgeschichte deutlich relativiert.
Ein Gesamturteil über die vorliegende Arbeit kann nach Überzeugung des Rezensenten nur positiv ausfallen. Quellennah, fundiert und kenntnisreich wird die Geschichte einer Lebenswelt analysiert, die die Geschichte Brandenburg-Preußens jahrhundertelang maßgeblich geprägt hat. Mit dieser Habilitationsschrift ist dem Autor in der Tat, wie Klaus Neitmann, Direktor des brandenburgischen Landeshauptarchivs, im Geleitwort zutreffend feststellt, ein "großer Wurf" gelungen.

(Michael Rohrschneider)

Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte, Heft 57 (2006), S. 223–225
×