Gallophobie im 18. Jahrhundert

Häseler, Jens; Meier Albert (Hrsg.)

Gallophobie im 18. Jahrhundert

Unter Mitarbeit von Olaf Koch

Reihe Aufklärung und Europa, Band-Nr. 15
Bestell-Nr 0560
ISBN 978-3-8305-0560-0
erschienen 09.09.2005
Format kartoniert
Umfang 237
Gewicht 354 g
Preis 32,00
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Mit dem Phänomen der Gallophobie, der Aversion gegen alles "Französische", die im Deutschland des 18. Jahrhunderts eine folgenreiche Kehrseite der dominanten Gallophilie darstellte, beschäftigen sich die Studien des vorliegenden Bandes. Sie sind Ergebnis einer Internationalen Arbeitstagung am Potsdamer Forschungszentrum Europäische Aufklärung.

Diskutiert werden sowohl die Besonderheiten der Fremd- und Selbstbilder, der Stereotypen und Missverständnisse als auch die innere Logik der Argumentation, die sich aus der Kritik an allem vermeintlich "Französischen" speisen und in der Folge zur kulturellen Identitätsfindung in Deutschland beitragen. Entgegen der späteren nationalistischen Instrumentalisierung von Gallophobie verrät ein genauerer Blick auf die zeitgenössischen Differenzierungsprozesse selbst das enge Wechselspiel der Ideen und Argumente zwischen Frankreich und Deutschland. So werden häufig Argumente aus der innerfranzösische Debatte zur Verstärkung von Fremdbildern in Deutschland umfunktioniert. Ein Blick in militärische und alltagskulturelle Zeugnisse trägt zur Relativierung des im 18. Jahrhundert vorrangig unter Intellektuellen ausgetragenen Gallophobie-Diskurses bei. Der Vergleich zwischen dem gallophoben Denken in Deutschland und Spanien im 18. Jahrhundert macht die katalysierende Wirkung der spannungsvollen Beziehung zur französischen Kultur jenseits einfacher Bi-Polarität deutlich.

"Mit ihrer Aversion gegen alles 'Französische' spricht die deutsche Aufklärung einen eminent folgenreichen Problem-Komplex an, da es im Rahmen der Gallophobie um nichts Geringeres ging als um die Herausbildung einer deutschen Kultur-Identität".
Rezensionen
Dieser Sammelband widmet sich dem Phänomen der Gallophobie des 18. Jh. in den deutschsprachigen Reichsgebieten und würdigt sie als die Kehrseite der Medaille einer generellen Gallomanie in Technologie, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Mode etc. Christoph Deupmann (13-32: "Identitätspolitik und ästhetische Repräsentation bei J.M.R. Lenz"), Ruth Florack (33-48: "Nationalcharakter als ästhetisches Argument"), Olav Krämer (61-88: "'Welcher Gestalt man denen Frantzosen nachahmen solle'. Stationen einer Jahrhundertdebatte") und Steffen Martus (89-122: "Staatskunst: die Politik der Form im Kontext der Gallophobie") fragen nach dem Reflex entsprechender Kontrasterfahrungen bei Bodmer, Friedrich II., Goethe, Herder, Lenz, Möser, Nicolai, J.E. Schlegel, Thomasius u.a., die damit ins Zentrum einer folgenschweren Identitätsdebatte rücken. Silke Göttsch (49—59: "Anti-Französisches in der alltagskulturellen Wahrnehmung") und Sascha Möbius (123-158: "[...] Die Schlacht bei Rossbach [...] in der deutschsprachigen Militärliteratur") vertiefen die Fragestellung in Bezug auf den gelebten Alltag einer Bevölkerungsmehrheit, die zum Beispiel während des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688) oder während des 7-jährigen Kriegs (1756-1763) ihre ganz eigenen Erfahrungen sowohl mit französischen Truppen als auch mit den auf ihrer Seite kämpfenden Reichskontingenten machen konnte. Und Jens Häselers (221-228: "Französisch sein im Deutschland des 18. Jahrhunderts - Fluch oder Privileg?") abschließender Blick gilt der Vielfalt der französischen Präsenz im Reich, denn es macht in der Tat einen Unterschied, ob man den Franzosen - mit Lessings Minna - als schillernden Glücksritter erlebt oder ob man die hugenottischen Glaubensflüchtlinge, die Emigranten nach 1789, oder die Gruppe der asylsuchenden Intellektuellen vom Typ eines Voltaire, Maupertuis oder La Mettrie im Auge hat. Die grenzüberschreitenden Betrachtungen von Siegfried Jüttner (195-219: "Die Gallophobie in Spanien") und Gonthier-Louis Fink (159-193: "Die französische Monarchie und das Heilige Römische Reich [...]. Die gegenseitige Bespiegelung der janusköpfigen Nachbarn 1670—1780") - er ist der einzige französische Beiträger - relativieren die auf das Reich bezogene Perspektive: Im bourbonischen Spanien gibt es den deutschen Verhältnissen durchaus vergleichbare Polemiken zwischen ilustrados, patriotas und afrancesados und der gallophobe Diskurs in deutscher Sprache findet nur zu häufig sein "Pendant in einer französischen Selbstkritik [...], die den Gallozentrismus stets begleitet hat", und baut "das kulturelle Paradigma Frankreich als Gegenbild auf, dem die gallophile Argumentation ebenso viele Vorbildfunktionen entgegenzusetzen hätte" (89).
Wie Albert Meier in der "Einleitung" betont, wirken die im 18. Jh. verbreiteten Vorurteile über Frankreich ex negativo prägend für die Identitätssuche einer politisch inexistenten, kulturell jedoch höchst aggressiven "germanischen Kulturnation". In dieser stark ideologisierten Debatte um die "Leitkultur" ist definitiv kein Platz mehr für Thomasius' kluge Unterscheidung von "französischen Sitten" und "französischen Sünden". Stattdessen verfestigt sich die Konfrontation einer der Zivilisation des Alten Rom nacheifernden politischen Nation in Frankreich und einer der Ästhetik des Griechentums verpflichteten Kulturnation im Herzen Europas, womit jeder deutsch-französische Konflikt a priori als Nachklang seit der Antike virulenter Unvereinbarkeiten interpretierbar wird (9-12). Zuweilen geht dieses Denken von Autoren aus, deren Kindheits- und Jugenderfahrungen von sehr konkreten Mestizisierungs- und Marginalisierungsängsten im Kontext peripherer Melting-Pot-Gesellschaften geprägt sein könnten. Lenz wäre nach heutiger Grenzziehung ein livländischer Este, Herder Pole, Bodmer und Breitinger waren Schweizer, J. E. Schlegel lebte in Kopenhagen, etc. Der Geist, so Lenz, "leidet keine Naturalisationen" und "der Deutsche wird an der Küste der Kaffern so als in Diderots Insel der Glückseligkeit immer Deutscher bleiben" (Lenz zit. Deupmann, 25).
Die gallophobe Argumentation entzündet sich nicht selten an der Frage des vermeintlichen Modellcharakters der Versailles-Klassik des grand siècle de Louis XIV und damit an einer Vergangenheit, die im einschlägigen Diskurs der französischen Zeitgenossen kaum mehr eine Rolle spielt. Dieses Thema hatte man spätestens seit Fénelons Lettre à l'Académie (1716) abgehakt, so dass es das Frankreich eines Beaumarchais, Diderot, Marivaux oder Rousseau überhaupt nicht mehr zu betreffen schien. Und was Lessings Voltaire-Kritik angeht, so blieb der Franzose zwar als Dramatiker zeitlebens der Formenwelt Racines verhaftet, aber darf man deswegen einfach verschweigen, dass gerade er es war, der die Shakespeare-Debatte auf dem Kontinent eröffnete (90-92)?
Im Zusammenhang mit dem Problem der Übertragung literarischer Werke in einen anderen kulturellen Kontext verweist R. Florack auf die seinerzeit weit verbreiteten - letztlich auf Horaz' Arspoetica (w. 114—120) zurückgehenden - Völkertafeln, die sie unter anderem für die Theorien J.E. Schlegels nutzbar zu machen sucht. Demzufolge sind "Stoffwahl, Handlungsführung, Sprache und Darstellungsstil insgesamt dem Nationalcharakter der Adressaten anzupassen" (35—37), denn "Ein französischer Financier, der Dottore der italiänischen Komödie [...] dieß alles würde auf dem dänischen Schauplatze eine schlechte Wirkung tun" (Schlegel zit. Florack, 37). Und was Fr. Nicolai angeht, so sind seine Übertragungen aus dem Französischen zwar durchweg verkürzend und wenig originalgetreu, doch bedeutet das nicht unbedingt, dass er die ursprünglichen Texte im gallophoben Sinne verfälschen wollte. Das 'typisch Französische' ist in seiner Sicht zunächst einmal Teil eines großen Repertoires sowohl negativer als auch positiver Zuschreibungen, aus denen es nach Maßgabe des jeweiligen Publikums auszuwählen gilt (45-46).
Wenn sich die Gallophobie deutscher Autoren mit Vorliebe gegen das Stereotyp des geschwätzigen Höflings richtet, dann verweist sie damit zwar auf einen als national empfundenen, im Grunde jedoch eher sozial zu definierenden "Widerspruch zwischen einer schreibenden, mittelständischen, materiell deklassierten Intelligenz und einer höfischen, durch die französische Hofetikette sozialisierten Elite" (21). Im Klartext geht es um die gut bezahlten Posten im Staatsapparat und bei Hofe und um diese zu erreichen, lohnt es sich allemal, die französische 'Oberflächlichkeit' gegen 'urdeutsche' Werte wie Treue, Tiefe, Empfindsamkeit, etc. auszuspielen. "Das Vorurtheil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich", schreibt Herder, "es drängt die Völker zu ihrem Mittelpunkte zusammen, macht sie vester [sic] auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken" (Herder zit. Deupmann, 24). Wenn es um den Marsch durch die Institutionen geht, zeichnen Intellektuelle die Nation gern als »enthusiasmierte Erregungsgemeinschaft« (P. Sloterdijk), doch geht man wohl nicht ganz fehl in der Annahme, dass es der überwiegend aus Analphabeten bestehenden Mehrheit des Volkes im Grunde völlig gleichgültig war, ob ein 'frivoler' Franzose oder ein 'honoriger' Deutscher das Ohr eines der über 300 im Alten Reich souverän regierenden Fürsten besaß.
Auch die bei Silke Göttsch behandelten 'Weiberaufstände' während des Pfälzer Erbfolgekriegs von 1688 führen zu einer eher nuancierten Stellungnahme in Sachen Gallophobie. In einer zeitgenössischen Flugschrift versteht der Göppinger Schulmeister Daniel Speer den Angriff der französischen Truppen jedenfalls klar als göttliche Strafe für die in deutschen Landen überhand nehmende "Verachtung der teutschen Mutter-Sprach" und der "teutschen ehrbaren Kleidertracht" (49—50). Dass die Invasion auch im Einvernehmen mit nicht wenigen deutschen Reichsfürsten erfolgte, wird verschwiegen, so dass der französische Eindringling am Ende als der 'Erbfeind' dasteht, dessen Gräueltaten nun nicht mehr der Praxis feudal bestimmter Kriegsführung, sondern dem vom Teufel höchstpersönlich vollzogenen Strafgericht geschuldet sind. "Die Vorstellung eines Erbfeindes war seit dem Mittelalter religiös aufgeladen", wie schon der 'altböse Feind' Martin Luthers beweist. "Im ausgehenden Mittelalter übertrug man diese Vorstellung auf die Türken" und "[v]ieles von dem, was Speer [...] benutzte, um die Franzosen zu charakterisieren, finden wir als Topoi bereits in der antitürkischen Propaganda in älteren Flugschriften wieder; es war also bereits im 16. Jahrhundert ausformuliert" (53—54).
Was die "alltagskulturelle Wahrnehmung" und die damit zusammenhängenden "Strategien der Popularisierung" von Gallophobie angeht (49), so waren Franzosenfeindschaft und deutsch-nationale Begeisterung auch und gerade in Kriegszeiten eher eine Angelegenheit daheim gebliebener Bildungsbürger (115). Sie schufen - wie Gleims Grenadierlieder beweisen - zum Teil "wütende Feindbildkonstruktionen", während die kämpfende Truppe ihre Gegner durchweg lieber verspottete als verteufelte. Friedrich II. sah seine Armee bekanntlich eher als "kunstvolle und vollkommene Maschine" (127) denn als patriotisch begeisterten Haufen. Zwar kämpften die Preußen gut und mit "ächter Erbitterung" (Gaudi zit. Möbius, 126), doch blieb es der schreibenden Zunft späterer Zeiten (Archenholz u. a.) vorbehalten, etwa die Schlacht bei Rossbach (5. Nov. 1757) — und zwar bis in die wilhelminische Ära hinein - als Sieg deutsch-preußischer "Zucht und Mannhaftigkeit" über die "Disziplinlosigkeit und Weichlichkeit der Franzosen" zu verkaufen (123-125). Zeitgenössische Quellentexte bezeugen eher eine "fatalistische Gleichmut" und qualifizieren den Gegner keineswegs als Franzosen (oder Österreicher), sondern allenfalls als "Katholiken" und "Feind des Evangelii" ab. Das alles verträgt sich kaum mit den Ideen Mösers und anderer Gallophober, wenn sie ausgerechnet Goethes Götz als Idealbild des patriotischen Kriegers aufzubauen suchen. Anders als der verachtete "Miethling" kämpft Götz ihrer Meinung nach nicht für Gut und Ehre, die ihm nur im "Fürstenlohn" zuteil werden könnten, sondern "aus Liebe zum Vaterland", womit sich sein Frust nun freilich nicht mehr in erhöhten Soldforderungen, sondern nur mehr im verbalen Grobianismus als Ausdruck "teutscher Treuherzigkeit" entladen kann. Der skatologische Diskurs des Raubritters wird zum Geburtshelfer deutscher Identitätssuche... (114, 118).
Zusammenfassend: Der vorliegende Sammelband enthält eine Vielzahl zum Teil neu aufgearbeiteter Quellentexte und eine Reihe diskutierenswerter Interpretationsansätze zu Vorgeschichte und Geschichte der für Europa in jeder Hinsicht fatalen Vorstellung von der deutsch-französischen 'Erbfeindschaft'. Hier und da könnte man sich einen Ausblick auf die Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, sowie ganz generell einen im europäischen Sinne stärker grenzüberschreitenden - und entsprechend relativierend wirkenden - Zugriff auf das Thema (England, Italien, Niederlande u.a.) vorstellen. Eine zusammenfassende Bibliografie, in der G.-L. Finks Sammelband Cosmopolitisme, patriotisme et xénophobie aus dem Jahre 1986 zweifellos ein Ehrenplatz zukäme, würde wahrscheinlich schon genügen, um diesem Monitum - wenn es denn überhaupt eines ist - Rechnung zu tragen.
Man legt den Band mit dem Gefühl aus der Hand, dass hier nicht nur ein für Fachleute interessanter Beitrag zum Thema Gallophobie im 18. Jh., sondern ein weit darüber hinausweisendes Kompendium zur Bewältigung deutsch-französischer Sünden im Zeichen der 'Erbfeindschaft' vorgelegt wurde. Ein lesenswertes Buch.

Hans-Joachim Lope, Marburg

Romanische Forschungen, Vierteljahresschrift für romanische Sprachen und Literaturen, hrsg. von Mechthild Albert und Franz Lebsanft, 120. Band, Heft 1 2008, Sonderdruck, S. 117-120


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