Von Birnbaum nach Miedzychód

Lorenz, Torsten

Von Birnbaum nach Miedzychód

Bürgergesellschaft und Nationalitätenkampf in Großpolen bis zum Zweiten Weltkrieg

Reihe Frankfurter Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas, Band-Nr. 10


Bestell-Nr 0552
ISBN 978-3-8305-0552-5
erschienen 10.06.2005
Format kartoniert
Umfang 441
Gewicht 639 g
Preis 55,00
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Deutsche, Polen und Juden lebten in Birnbaum (Miedzychód) von der Frühen Neuzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges miteinander. In einem farbigen Gesellschaftsgemälde zeigt der Autor, wie der mehrfache Wechsel von polnischer zu deutscher Herrschaft Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft zwangsweise modernisierte und wie die kleinstädtische Idylle in den Strudel von Nationalitätenkampf, Revolution und Krieg geriet.
Die Arbeit stützt sich auf reiche, bislang unbekannte Quellen und richtet sich an ein Publikum, das sich für die Geschichte des deutsch-polnischen Grenzlandes und der deutsch-polnischen Beziehungen interessiert.
Rezensionen
Die deutsch-polnischen Beziehungen in den preußischen Ostprovinzen wurden lange fast ausschließlich aus der Perspektive der preußisch-deutschen "Polenpolitik" wahrgenommen. Im Mittelpunkt dieses Paradigmas standen die preußische Verwaltung und ihr Einwirken auf die polnischen Eliten in Großpolen/Posen, Westpreußen, Oberschlesien und Ostpreußen. Die deutsche Bevölkerung geriet dabei, ebenso wie die Mehrheit der polnischen Einwohner dieser deutschslawischen Kontaktzone, aus dem Blickfeld der Forschung. Erst neuere Arbeiten zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte versuchen durch die Einbindung lokaler und regionaler Perspektiven der komplexen ethnischen und kulturellen Situation zwischen Oder und Memel gerecht zu werden.
Diesem Ansatz ist auch die bei Helga Schultz in Frankfurt/Oder entstandene Dissertation von Torsten Lorenz verpflichtet. Lorenz untersucht den Kreis und die Kreisstadt Birnbaum/Miedzychód im äußersten Westen Großpolens, die sich durch wechselnde staatliche Zugehörigkeiten, aber auch durch einen mehrfachen Wandel in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung als Untersuchungsobjekt anbietet. Entscheidend für die Wahl Birnbaums dürfte aber die auf lokaler Ebene außerordentlich gute Quellenüberlieferung sein, die im Gegensatz zu vergleichbaren Städten mit kriegsbedingten Archivverlusten viele Fragestellungen erst möglich macht.
Was unterscheidet Lorenz' Arbeit von anderen Lokalstudien, die ebenfalls das Mit-, Neben- und Gegeneinander von Deutschen und Polen thematisieren? (1)
Im Gegensatz zu primär kulturgeschichtlichen Herangehensweisen untersucht Lorenz die Nationsbildung im Kontext des wirtschaftlichen und sozialen Wandels vor dem Hintergrund der Modernisierungsprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts. Skepsis äußert Lorenz gegenüber der oral history, deren Ergebnissen er eine nicht selten "romantisierende" Sicht der Vergangenheit unterstellt. Auch wenn dieser Befund sicher diskussionswürdig ist, so gelingt es ihm doch, die methodenbedingte Fixiertheit vieler Studien auf das 20. Jahrhundert zu überwinden und in einem großen Bogen von der frühen Neuzeit bis zum Zweiten Weltkrieg langfristige Strukturen und Prozesse herauszuarbeiten. Mit einem Rückblick auf die Entwicklung Birnbaums in der frühen Neuzeit zeigt Lorenz, wie die Stadt durch Migrationsprozesse zu einer "deutsch-protestantischen Insel" in polnisch-katholischer Umgebung wurde. Den Beginn des deutsch-polnischen Konflikts datiert er auf die Zeit des Novemberaufstands 1830/31. Von traditionellen Wertungen weicht Lorenz bei der Charakterisierung des umstrittenen Posener Oberpräsidenten Eduard von Flottwell ab. In ihm sieht Lorenz nicht einen frühen Vertreter des deutschen Nationalismus, sondern einen Protagonisten etatistisch-anationaler Politik im Zeichen der Spätaufklärung.
Während der Revolution von 1848/49 spitzte sich der deutsch-polnische Konflikt zu und blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs für die interethnischen Beziehungen in Birnbaum bestimmend. Die Juden verließen nach 1848 die Stadt in großer Zahl und fielen damit als gesellschaftlicher und politischer Akteur aus. Lorenz analysiert die nationale Polarisierung und die Vereinsbildung von Polen und Deutschen. Etwas blass bleibt mangels lokaler Quellen die Darstellung der politischen und nationalen Positionen auf deutscher Seite. Hier hätte beispielsweise die Auswertung der Provinzialberichterstattung in der Posener Presse zu einem differenzierteren Bild beitragen können.
Die Gründung des Kaiserreichs 1871 etablierte auch auf lokaler Ebene den Staat als neuen Akteur neben Deutschen und Polen. Reichsgründung, Kulturkampf und die Politik der Assimilation von Nichtdeutschen förderten die Fundamentalpolitisierung der Bevölkerung. Während sich bei den Deutschen Birnbaums radikalnationalistische und antisemitische Strömungen bemerkbar machten, überlagerten bei den Polen nationale Abgrenzungsmuster die traditionellen konfessionellen Trennlinien. Lorenz' lokaler Forschungsansatz trägt besonders dann Früchte, wenn er zeigt, wie etwa in Genossenschaften und Vereinen ungeachtet des Vordringens von Staat und Nation traditionelle Sozialstrukturen bewahrt werden konnten, die Raum für deutsch-polnische Kontakte ließen. Die wirtschaftliche Vernunft, so Lorenz, verhinderte eine zu weitgehende und damit geschäftsschädigende Segregation der Nationen.
1919 erfasste der großpolnische Aufstand auch große Teile des Kreises Birnbaum, der darauf Polen zugesprochen wurde. Detailliert beschreibt Lorenz die erzwungene Abwanderung derjenigen, die für Deutschland optiert hatten, sowie die Bemühungen der polnischen Behörden, den ökonomischen Einfluss der verbliebenen Deutschen zu reduzieren. Die "wirtschaftsnationale Ordnung" wurde jedoch immer wieder durch wirtschaftlichen Pragmatismus konterkariert. Die deutsche Minderheit reagierte auf die assimilatorische Sprach- und Kulturpolitik mit Selbstabgrenzung. Mit dem Auftreten der Jungdeutschen Partei stießen in den 30er Jahren nationalsozialistische Vorstellungen rasch auf Akzeptanz.
Die deutsche Okkupation beendete 1939 die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschen – zunächst durch die Vertreibung von Birnbaumer Polen in das Generalgouvernement, ab 1945 dann durch Flucht und Vertreibung der Deutschen. Zu bedauern ist, dass gerade dieser für die Beziehungsgeschichte zentrale Zeitabschnitt in Lorenz' Studie nur als knapper Epilog behandelt wird. Hier macht sich der Verzicht auf oral history negativ bemerkbar.
Der Staat, so Lorenz' zentrale These, zerstört durch Modernisierung und Nationalisierung lokale, übernationale Gemeinschaften. Nationen entstehen demnach nicht durch Differenzierungsprozesse in ethnischen Mischgebieten der Peripherie, sondern infolge politischer und sozialer Mobilisierung, die von den Zentren ausgeht. Diese These in einer materialreichen und gründlichen, aber dennoch gut lesbaren Studie untermauert zu haben, ist Lorenz' Verdienst. Als sinnvoll erweist es sich, Erklärungspotenziale der Wirtschaftsgeschichte für die Nationalismusforschung zu nutzen und durch alltags- bzw. sozialgeschichtliche Zugriffe zu ergänzen. Zu dieser Studie kann man dem Autor gratulieren.

Fußnote (1): Zu nennen ist vor allem Mathias Niendorf, Minderheiten an der Grenze. Deutsche und Polen in den Kreisen Flatow (Zlotów) und Zempelburg (Sepólno Krajenskie) 1900-1939. Wiesbaden 1997 (Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien. 6).

(Christian Pletzing, Lübeck)

Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte N. F. XV (2006): Die Aneignung fremder Vergangenheiten in Nordosteuropa am Beispiel plurikultureller Städte (20. Jahrhundert), S. 424-426



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