Dokumente aus geheimen Archiven - Band 3 (1906-1913)

Fricke, Dieter; Knaack, Rudolf (Bearb.)

Dokumente aus geheimen Archiven - Band 3 (1906-1913)

Übersichten der Berliner politischen Polizei über die allgemeine Lage der sozialdemokratischen und anarchischen Bewegung 1878-1913

Reihe Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Band-Nr. 42
unverbindliche Preisempfehlung:
Bestell-Nr 0163
ISBN 978-3-8305-0163-3
erschienen 08.06.2004
Format kartoniert
Umfang 798
Gewicht 1330 g
Preis 60,00
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In Vorbereitung auf das Sozialistengesetz von 1878 bezeichnete es der preußische Innenminister gegenüber den ihm unterstellten Behörden als notwendig, die deutsche Sozialdemokratie "scharf zu beobachten". Er wies den Berliner Polizeipräsidenten an, durch die politische Polizei relevantes Material sammeln und verarbeiten zu lassen. Auf dessen Grundlage hatte er dann jährlich geheime Übersichten über die allgemeine Lage der sozialdemokratischen und anarchistischen Bewegung im In- und Ausland herauszugeben. Ihre Zahl wuchs bis 1913 auf insgesamt 34 an. Verteilt wurden sie an einen kleinen Kreis leitender Beamte bzw. in- und ausländischer Behörden.

Von dieser Überlieferung sind bisher 1983 bzw. 1989 vom Brandenburgisches Landeshauptarchiv veröffentlicht worden: Bd. 1 (1878-1889) und Bd. 2 (1890-1905/06). Der vorliegende Bd. schließt das Gesamtwerk mit den restlichen Übersichten bis 1913 ab. Im Vergleich zu ihren Vorläufern weisen sie inhaltlich eine neue, höhere Qualität auf, womit sie an Quellenwert weiter gewonnen haben. In der besonders widersprüchlichen und folgenschweren Zeit der Vorkriegsjahre erarbeitet, verdeutlichen sie, wie die Berliner politische Polizei die deutsche und internationale Arbeiterbewegung überwachte und welche Schlüsse sie für den Kampf gegen die "rote Gefahr" zog. Zugleich sind die Berichte eine wichtige Quelle für eine sowohl an Stärke als auch an Breite wachsende und im Innern zunehmend gespaltene sozialdemokratische Bewegung. Der Text der Übersichten ist eingehend kommentiert worden. Der Anhang enthält neben einem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis einen Bildteil. Die Erschließung des reichhaltigen Quellenmaterials der Gesamtedition wird durch ein Personen-, Presse- sowie geographisches Register für jeweils alle drei Bände wesentlich erleichtert.
Rezensionen
34 Jahre lang, von 1878 bis 1913, beobachtete die Berliner politische Polizei die sozialdemokratische und anarchistische Bewegung und fertigte darüber ihre "Übersichten", die nicht nur das Kaiserreich, sondern auch fast alle europäischen Länder sowie die USA und Kanada, Südamerika, Japan, Nordafrika und Australien behandelten. Nachdem die ersten beiden Bände mit diesen Berichten bis 1905 schon eine geraume Weile vorlagen, konnte auch nach längerem, u.a. von den Nachwehen der Wende und dem damit verbundenen Absinken der Geschichte der Arbeiterbewegung fast zu einem Orchideenfach entstandenem publikationstechnischem Hin und Her nun der Band III ab 1906 vorgelegt werden.
Vom Doyen und besten Kenner der Historiographie der Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, Dieter Fricke, und dem langjährigen Archivar in der Potsdamer Orangerie Rudolf Knaack wurde auch dieser Band bearbeitet und schließt damit ein über fast 30 Jahre laufendes, von Fricke 1975 erstmals angeregtes Projekt ab.
Die zwischen 70 und 100 Druckseiten umfassenden "Übersichten" 1906-1913, für die der Berliner Polizeipräsident im Auftrag des preußischen Innenministers verantwortlich war, geben zunächst einen Überblick über die Tätigkeiten der II. Internationale. Es schließt sich der naturgemäß umfangreichste Teil über Deutschland an, dann folgen in alphabetischer Reihenfolge die anderen europäischen Länder und schließlich die weiteren Kontinente. Die Polizeibearbeiter haben nach meinem Eindruck sehr sorgfältig Zeitungen, Zeitschriften und Protokolle ausgewertet, sie verfügten aber augenscheinlich nicht über Spitzelberichte, denn Informationen aus vertraulichen Sitzungen über die Privatsphäre führender Sozialisten oder der besonders in Berlin stets blühende Parteiklatsch, den man z. B. in den Korrespondenzen findet, fehlen hier. Dafür aber legen die gesammelten Dokumente Zeugnis ab von der gestiegenen Intelligenz und den beachtlichen interpretatorischen Fähigkeiten der Auswerter. So heißt es gleich zu Beginn des Berichts für 1908, auf der Konferenz des Internationalen Sozialistischen Büros (ISB) in Brüssel habe der Engländer Hyndman den österreichischen Delegierten gefragt, was die Sozialdemokratie der Doppelmonarchie eigentlich gegen die friedensstörende Annexion Bosniens und Herzegowinas zu tun gedenke. Dessen Antwort, mindestens ebensoviel wie die englischen Genossen bei der Annexion Ägyptens und Zyperns, wird so kommentiert: "[...] also vermutlich nichts. Hin und wieder ist eben auch bei der Sozialdemokratie das nationale Interesse stärker als die Rücksichtnahme auf die Wünsche des internationalen Proletariats" (S. 105 f.). Ebenso gehört die Beobachtung, dass trotz Rekordzahlen bei Mitgliedern, Ortsvereinen und finanziellen Überschüssen sich die deutsche Sozialdemokratie 1913 in einer "unleugbaren Depression" befinde (S. 539), zu den Erkenntnissen, die nicht tumbem Wunschdenken, sondern verständiger Analyse geschuldet sind. Dazu ist auch die Erläuterung zu Bebels entscheidendem Eintreten für die Bewilligung der Erbschaftssteuer auf dem Leipziger Parteitag 1909 zu zählen, den die polizeilichen Beobachter darauf zurückführten, dass er die nach dem Zerbrechen des Bülow-Blocks neugewonnenen Gelegenheiten zu aktiver Bündnispolitik nicht durch formalen Radikalismus wie 1903 in Dresden habe zunichte machen wollen (S. 182).
Selbst bei der Berichterstattung über die anarchistischen Bewegungen verfallen die Autoren nicht in die auch schon damals wohlfeilen Antiterrortiraden, sondern unterscheiden sehr wohl zwischen anarchistischen Attentaten und etwa dem Syndikalismus, dessen Masseneinfluss z.B. in Portugal sie nachzeichnen. Die Bemerkung des Herausgebers der Reihe "Dokumente aus geheimen Archiven", Klaus Neitmann, "dass die Verfasser der Berichte, Beamte des monarchistischen Obrigkeitsstaates, zwar auf Grund der ihnen zugänglichen Nachrichten und auf Grund ihrer politischen Voreinstellungen in ihrem Verständnis der Vorgänge innerhalb der Arbeiterbewegung begrenzt waren, sie aber andererseits [...] durchaus nicht voreingenommen, sondern auch mit nüchterner Einschätzung das Wachstum der deutschen Sozialdemokratie begleiteten", was im übrigen ein qualitativer Unterschied zu den Autoren der ersten Berichte ab 1878 sei (S. VII), erweist sich als vollkommen treffend. Dies erscheint mir um so bemerkenswerter, als die sozialdemokratischen Zeugnisse zum Beobachtungs- und Verfolgungsapparat des Kaiserreichs vom Sozialistengesetz bis zum Wahlrechtsspaziergang eher das Bild eines tölpelhaften und bornierten Apparats zeichnen, dem alles, nur nicht Intelligenz zuzutrauen war.
Die Benutzung der Quellen wird erleichtert, oft sicher sogar erst verständig möglich durch den Anmerkungsapparat, der mit jenem Detailreichtum und jener Präzision ausgeführt ist, die man von Dieter Fricke und Rudolf Knaack gewohnt ist. Eine Fülle von Literatur wird eingeführt, ohne dass je der Eindruck entstünde, hier wolle sich jemand als allwissend präsentieren, und wo die Editoren sich nicht völlig sicher sind, wird dies dem Leser auch mitgeteilt. Dabei umfassen Personen- und Ortsregister alle drei Bände und ermöglichen so ein sicheres Navigieren. Völlig singulär sind möglicherweise strittige Erläuterungen, etwa wenn anläßlich von Bebels Tod dessen Bedeutung für die Arbeiterbewegung einzig durch einen Gedenkartikel Lenins konkretisiert werden soll (S. 539).
Sowenig die Arbeiterbewegung als Thema und die historisch-kritische Quellenedition als Form im Zeitalter der Spekulationshistorie im Trend liegen, so beeindruckend gelehrt und nützlich, also wertvoll, ist die vorliegende Publikation.

(Till Schelz-Brandenburg, Bremen)

IWK, 4/2005, S. 540-541



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