Zwischen Religionskrieg, Reichskrise und europäischem Hegemoniekampf

Beiderbeck, Friedrich

Zwischen Religionskrieg, Reichskrise und europäischem Hegemoniekampf

Heinrich IV. von Frankreich und die protestantischen Reichsstände

Reihe Innovationen, Band-Nr. 8
Bestell-Nr 0024
ISBN 978-3-8305-0024-7
erschienen 01.07.2003
Format kartoniert
Umfang 499
Gewicht 601 g
Preis 45,00
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Daß die deutsch-französischen Beziehungen für die europäische Geschichte eine besondere Rolle spielen, ist kein Geheimnis. Ihre Entwicklung geht weit bis ins Mittelalter zurück und erreicht zum Beispiel in der krisenreichen Epoche um 1600 - einem durch Konfessionsproblematik und Staatsbildung geprägten Zeitalter - einen Höhepunkt. Die Wechselwirkung dieser Beziehungen spiegelt die Gestaltung und Bewußtwerdung des frühneuzeitlichen Europa wider.

Der aktuelle Integrationsprozeß in Europa fördert die Erforschung verbindender wie trennender Merkmale einer gemeinsamen Vergangenheit. So hat sich die historische Frühneuzeitforschung zum Ziel gesetzt, die Formung Europas zu einer pluralistischen und konkurrierenden, zunehmend säkular definierten Staatengemeinschaft zu untersuchen.

In diesem Rahmen beschäftigt sich der Autor mit der Genese und Funktion des Bündnisses zwischen Heinrich IV. und den protestantischen Reichsständen, mit dessen Inhalten, Formen, Konfliktfeldern und mit den jeweiligen Feindbildern und Ordnungsvorstellungen. Die Untersuchung dieser vielfältigen Allianz auf politisch-diplomatischer, konfessioneller, militärischer und finanzieller Ebene bietet umfassend Gelegenheit, die Gestaltung außenpolitischer Beziehungen in einer für Europa symbolischen Zusammenarbeit zu durchleuchten - einer Zusammenarbeit, die geprägt ist durch die Unterschiedlichkeit der Wege, die Frankreich und Deutschland zu Beginn der Moderne einschlugen.
Rezensionen
Außenpolitik-Geschichte hat wieder Konjunktur. Daher dürfen auch Studien zu den Mächtebeziehungen im Jahrhundert vor dem Westfälischen Frieden wieder ein größeres Interesse beanspruchen, handelt es sich doch bei den Jahrzehnten vor 1648 um die Periode, in der sich die künftigen Spielregeln des internationalen Systems auszubilden begannen. Zuletzt hatte Georges Livet 1976 mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass in der Regierungszeit Heinrichs IV. von Frankreich (1589-1610) von einer zunehmenden Bewusstwerdung des europäischen Systems gesprochen werden kann, das seinen dauerhaften Ausdruck in der Denkfigur des Gleichgewichts der Mächte finden sollte. Damit ist eine Konzeption von Außenpolitik angesprochen, die in der Untersuchung von Friedrich Beiderbeck immer wieder aufscheint, einer Münchner Dissertation, die von Winfried Schulze gefördert wurde. Hier geht es um Kontakte und Kooperationen der französischen Krone und der protestantischen Reichsfürsten zwischen Bartholomäusnacht und Jülich-Klevischem Erbfolgestreit. Nicht alle Wege führten dabei nach Westfalen. Immerhin bewegte sich die reichsständische Politik gegenüber europäischen Monarchen vor 1648 noch in einer rechtlichen Grauzone, da der Außenpolitik von Reichsfürsten die legitime Grundlage fehlte. Freilich gehört es zu den Spezifika reichsständischer Diplomatie, dass hier die Souveränität nicht als alleiniges Kriterium für die Gestaltungsfähigkeit in den internationalen Beziehungen diente. So partizipierten noch um 1600 nichtstaatliche Partikulargewalten, Institutionen und Interessengruppen oder schlicht auch umtriebige Individuen an der Außenpolitik. Für die an übersichtliche Verhältnisse gewöhnten Historiker der Zeit nach 1648 haben wir es mit einem beunruhigenden Formenreichtum auf dem außenpolitischen Kräftefeld zu tun, das indes von einigen bewegenden Strömungen bestimmt wurde, wie sie Heinz Schilling präzise benannt hat: Staatsinteresse, Dynastie, Tradition und Konfession.
Neben den Strukturen behaupteten sich die Persönlichkeiten. So steht am Anfang von Beiderbecks Studie zu Recht eine Untersuchung der außenpolitischen Konzepte, die im Umkreis Heinrichs von Navarra in den 1580er Jahren entstanden und die über die Grundlinien protestantisch-französischer Außenpolitik in der Coligny-Tradition noch hinausragten. Von den Mitstreitern des Bourbonen in der aufgewühlten Zeit des religiösen Bürgerkrieges hat sich besonders Philippe Duplessis-Mornay als auch außenpolitisch fruchtbarer Kopf ausgezeichnet, in dessen Denkschriften die später so oft wiederkehrenden Strukturbegriffe von balance, contrepoids und proportion vorgeprägt wurden. Damit entstanden Denkschemata, die nicht nur die Außenpolitik Frankreichs in der Regierungszeit Heinrichs IV. beherrschten, sondern deren Bedeutung weit darüber hinaus reicht. Protestantisches Politikdenken in Frankreich hat die Herausforderung der Pluralität erfasst und verarbeitet, wobei Redefiguren von großer Wirkungskraft entstanden. Dabei handelte es sich nicht um akademische Erörterungen. Mit dem Bündnis zwischen der vom Hause Guise geführten katholischen Liga und Philipp II. von Spanien stand nach 1584 zwischen dem Bourbonen als Thronanwärter und der französischen Krone ein Hindernis, das nur mit auswärtiger Hilfe überwunden werden konnte. Daher die Bedeutung Englands, der Eidgenossenschaft, der niederländischen Generalstaaten und der protestantischen Reichsstände als Gegengewicht zur spanischen Vormacht, die offen in den französischen Religionskrieg intervenierte. Die Problemstellung änderte sich auch nicht grundlegend, als Heinrich von Navarra 1589 vom politisch-militärischen Anführer der protestantischen Partei zum nach Legitimität suchenden Herrscher Frankreichs mutierte. Es galt Gegengewichte zur spanisch-habsburgischen Macht in die Waagschale zu werfen.
Hier haben die diplomatischen Kontakte mit den Reichsfürsten ihren historischen Ort und ihre strategische Rechtfertigung. Bereits im Kölner Krieg 1583/84 plante Heinrich von Navarra eine Intervention im Heiligen Römischen Reich, weil er glaubte, die europäischen Machtverhältnisse vom Rhein aus zu seinen Gunsten in Bewegung zu bringen. Es liegt nahe, eine Verbindung zur französischen Intervention in den Jülich-Klevischen Erbstreit 1610 zu sehen, deren Ausmaße dann wegen der Ermordung Heinrichs IV. kleiner ausfielen als zunächst geplant, so dass die Auswirkungen regional begrenzt blieben. Anfang und Ende der Reichspolitik des ersten französischen Bourbonenkönigs sind somit aufeinander bezogen. Angesichts der Frontstellung gegen Habsburg boten sich der französischen Außenpolitik vor allem die protestantischen Reichsfürsten als Ansprechpartner an, wobei ältere Traditionen aus der Zeit Franz' I. und Heinrichs II. fortwirkten. Dabei liefen viele Energien ins Leere, weil es unter den deutschen Fürsten nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 an engagierten und wagemutigen Außenpolitikern fehlte, wie es noch um die Mitte des 16. Jahrhunderts der allerdings recht tollkühne Moritz von Sachsen gewesen war. Dennoch erzeugte der Ausbau der dynastischen Hausmacht und die Errichtung eines fürstenstaatlichen Gewalt- und Machtmonopols auch im Heiligen Römischen Reich eine außenpolitische Dynamik, von der die französische Krone profitieren konnte. Angesichts der indolenten Haltung des Reichsoberhauptes, Kaiser Rudolf II., schienen sich dem König von Frankreich Möglichkeiten zu bieten, als formeller Arbiter Germaniens oder als Protektor der teutschen Libertäten gleichsam zum Gegen-Kaiser aufzusteigen.
Die Diskursfigur von der Übermacht Spaniens, der man Gegenkräfte in den Weg stellen musste, fiel auch bei gut informierten und für die europäischen Dinge aufgeschlossenen Reichsfürsten wie dem hessischen Landgrafen Wilhelm IV. in Kassel auf fruchtbaren Boden, der sich überzeugt gab, nur durch ein equilibrium zwischen Spanien und Frankreich den Bestand und den Frieden des Reiches sichern zu können. In dieser reichsfürstlichen Perspektive war Frankreich ein ebensolches antemurale gegen Spanien, wie es das verbliebene habsburgische Rest-Ungarn gegen die osmanische Gefahr darstellte. Wenn es jedoch galt, dieses französische Bollwerk gegen die Spanier durch militärische Anstrengungen zu stützen, so zeigte sich bald die Diskrepanz im reichsfürstlichen Handeln zwischen außenpolitischem Reputationsanspruch und staatlicher Ineffizienz. So waren die Interventionen deutscher Landsknechte in den französischen Bürgerkrieg 1587 und 1591/92 zwar von erheblichen finanziellen und logistischen Anstrengungen gekennzeichnet, doch blieb die Wirkung insgesamt gering, weil die großen Truppeneinheiten schlecht organisiert und geführt waren. Von Hunger und Seuchen geplagt, schmolzen die Heere dahin und wurden der Bevölkerung zur Last. Trotz solcher zwiespältiger Erfahrungen auf beiden Seiten, die nicht zuletzt zur Entstehung und Verstärkung nationaler Stereotypen beitrugen, blieben Frankreich und das Heilige Römische Reich auch dann politisch aufeinander bezogen, als Heinrich IV. zum anerkannten Herrscher Frankreichs aufgestiegen war, der sich auf den Schlachtfeldern gegen Spanien behauptete. Wie stark sich reichspolitische Streitfragen mit dem europäischen Hegemoniekampf verflechten konnten, zeigte ab 1592 exemplarisch der Straßburger Kapitelstreit, der sich vom lokalen Säkularisationskonflikt zum "internationalen" Rechtsproblem auswuchs. Weiterhin galt auch, dass Schwierigkeiten der französischen Innenpolitik mit den besonderen Strukturen des Reiches verknüpft sein konnten, wie die verschwörerischen Aktivitäten des Herzogs von Bouillon gegen Heinrich IV. an den Tag legten, die zeitweilig Rückhalt an Reichsständen wie der Kurpfalz fanden.
Mit der Gründung der Protestantischen Union 1608 und dem Erbfolgestreit am Niederrhein kam neue Bewegung in die deutsch-französischen Beziehungen, die in dem Schwäbisch Haller Offensivbündnis Frankreichs mit der Union kulminierte (12. Februar 1610). Damit machten sich die protestantischen Reichsstände zu Partnern des französischen Königs in einem Waffengang gegen Spanien/Habsburg, dessen Dimensionen noch nicht absehbar waren. Die Ermordung Heinrichs IV. im Mai 1610 entschärfte dann den Konflikt am Niederrhein in gänzlich unerwarteter Weise. Anders als der wegen der Übergabe lothringischer Bistümer und Städte viel beachtete Vertrag von Chambord 1552 hat das Bündnis von 1610 in der Historiographie bisher wenig Beachtung gefunden. Hierin liegt nun das besondere Verdienst dieser überaus soliden diplomatiegeschichtlichen Studie, die das erhebliche Innovationspotential frühneuzeitlicher Außenpolitik-Geschichte demonstriert. Konzept und Ereignis, Struktur und Persönlichkeit, europäischer Mächtekonflikt und lokale Konfrontationen werden hier in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht. Somit entsteht ein klareres Bild einer entscheidenden Phase der politischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich in der Frühen Neuzeit. Damit wird deutlich, dass nicht nur die nationalistischen Grabenkämpfe von einst, die für Unklarheit gesorgt hatten, nun zu Ende sind. Auch die gefährliche Vernachlässigung der Geschichte der Internationalen Politik in der Frühen Neuzeit ist, so darf man hoffen, mittlerweile passé.

(Thomas Nicklas)

Archiv für Kulturgeschichte, hrsg. von Helmut Neuhaus, 89. Band, Heft 2/2007, Sonderdruck, S. 496-499


Während der Thronwechsel (2. 8. 1589) für die Geschichte Frankreichs das zentrale Ereignis war, sah es mit den Beziehungen des künftigen Königs zu den protestantischen Reichsständen anders aus. Dank der seit Jahrzehnten bestehenden diplomatischen Verbindungen Navarras mit dem (lutherischen) Sachsen und der (calvinistischen) Pfalz konnte sich Heinrich seit der Thronbesteigung "nicht nur auf seine eigenen Kontakte, sondern jetzt auch auf die seinem Vorgänger noch vor kurzem gemachten Hilfsversprechen stützen" (S. 126). Aus der in den 30er Jahren beschlossenen Verbindung Franz' I. mit den protestantischen Fürsten wurde das französische Bündnis im Laufe der Zeit "zu einer strategischen Grundorientierung reichsständischer Außenpolitik" (S. 451). Die im Hinblick auf Deutschland eher sekundäre Bedeutung des Thronwechsels von Valois zu Bourbon wird auch daran sichtbar, dass die Zäsur nur beiläufig erwähnt wird. (S. 126).
Grundsätzlich kann man der 500-Seiten-Dissertation bescheinigen, dass sie ein kaum lückenhaftes Bild der Beziehungen zwischen dem ersten Bourbonenkönig (vor und nach 1589) und den protestantischen Reichsständen zeichnet und damit gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur deutsch-französischen Geschichte um 1600 bietet. Da die Fragestellung vorwiegend eine chronologische Disposition verlangt, folgt der Autor in seinen acht Hauptabschnitten diesem Postulat. Mitgezählt werden die Einführung ("1. Forschungsstand und Forschungsinteresse", S. 13-27) und der Schlußteil ("8. Bilanz. Die deutsch-französischen Beziehungen um 1600", S. 449-458). Die dazwischenliegenden sechs Kapitel behandeln einige ganz aus den Quellen geschöpfte Kernprobleme, die zum deutsch-französischen Konfliktpotential gehörten (Ideologische Grundlagen der französischen Reichspolitik, Straßburger Kapitelstreit, Verschärfung der Reichskrise 1598-1608, Jülich-Klevischer Streit 1609/10 usw.). Alle diese sechs Kapitel enden mit je einer "Zusammenfassung".
Von besonderem Interesse ist, dass Heinrich IV. 1598 eine Änderung seiner weitgehend erfolglosen Reichspolitik erstrebte. Das bisherige Prinzip (Einbau deutscher Reichsfürsten in eine europäische, anti-habsburgische Koalition) ersetzte er durch ein anderes Ziel (Animation der Reichsstände zur Bildung eines innerdeutschen Sonderbundes). Dies gelang durch die "Unions"-Gründung (1608), über die der Autor ausführlich referiert (S. 340-357). Hintergrund der Neuorientierung war, dass es für Heinrich IV. keinen Zweifel gab, "dass diesem Erbfolgekonflikt eine Schlüsselrolle zufallen würde für die Beantwortung der Frage nach der zukünftigen Machtverteilung im niederrheinisch-niederländischen Großraum" (S. 357). Dementsprechend hatte er schon seit den frühen 90er Jahren einen Wechsel seiner Reichspolitk vorbereitet.
Der Anhang beginnt mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 459—483), in dem der Autor u.a. 16 benutzte Archive nennt. Problematisch ist die Auswahl von 17 Kurzbiographien "wichtiger" Gesandter (S. 485-488). Das Buch endet mit einem guten Personenregister (S. 489-499).
Im ganzen kann man mit diesem Band rundum zufrieden sein. In den deutsch-französischen Beziehungen füllt es mit der Zeit Heinrichs IV. eine empfindliche Lücke. Wer sich künftig mit dem ersten Bourbonenkönig beschäftigen will, wird an dieser Studie nicht vorbeigehen dürfen.

(Ilja Mieck)

Historische Zeitschrift Band 284 (2007), Buchbesprechungen Frühe Neuzeit, S. 476-477




Die Erforschung der Geschichte der Außenpolitik und der internationalen Beziehungen hat seit der konzeptionellen und methodischen Erneuerung des Faches, die im deutschsprachigen Raum in den 1990er-Jahren einsetzte, einen deutlichen Aufschwung genommen. Besonders klar zu erkennen ist die Entwicklung bei den Vertretern der Neuesten Geschichte, die sich gegenüber anderen Teilfächern und Nachbardisziplinen öffneten und den Forschungsbereich durch innovative Ansätze wie die „Internationale Geschichte“ und die „Internationale Gesellschaftsgeschichte“ neu positionierten. In der Frühneuzeitforschung ist dieser Fortschritt ebenfalls unübersehbar, so dass die vom Kölner Historiker Jost Dülffer mit Blick auf die Neueste Geschichte getroffene Feststellung: „Diplomatiegeschichte ist tot, wenn man darunter die Interaktion von Diplomaten versteht, also was einer zum anderen sagte“, auch hier zutrifft. Die meisten Frühneuzeithistoriker verwenden nun einen breiter gefassten Begriff des Politischen und beziehen wirtschaftliche, kulturelle, konfessionelle, mentale, geopolitische und andere Faktoren in ihre Analysen mit ein. Zudem ist eine zunehmende Offenheit gegenüber kulturwissenschaftlichen Perspektiven zu beobachten.
Vor diesem Hintergrund untersucht der Potsdamer Historiker Friedrich Beiderbeck die außenpolitischen Beziehungen zwischen Frankreich und den protestantischen Ständen des Heiligen Römischen Reiches im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Die Studie ist das Ergebnis eines Forschungsvorhabens über „Die protestantische Union, das Reich und Westeuropa“, das an der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt und von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde. Die Fakultät für Geschichtswissenschaften der Ruhr-Universität Bochum nahm die Arbeit im Wintersemester 1998/99 als Dissertation an. Für die Drucklegung wurde sie gekürzt und der Forschungsstand bis zum Herbst 2004 eingearbeitet.
Die internationalen Beziehungen während der Regierungszeit Heinrichs IV. (1589-1610) sind nur unzureichend erforscht, denn im Mittelpunkt der Historiographie standen meist entweder die habsburgisch-französischen Auseinandersetzungen unter Karl V. oder der Dreißigjährige Krieg. Dabei bildet die Zeit Heinrichs IV. eine zentrale Phase der europäischen Geschichte, in der Konfessionalisierung und religionspolitische Auseinandersetzungen viele im Entstehen begriffene Staatswesen zu Neuformierungs- und Abgrenzungsprozessen zwangen, mit nachhaltigen Auswirkungen auf das europäische Mächtesystem und die internationalen Beziehungen.
Die Erkenntnisinteressen der Arbeit sind breit gefächert und konzentrieren sich auf aktuelle Leitfragen der Forschung: 1. die Verzahnung von Religion und Politik, insbesondere die Auswirkung von Konfessionalisierungsprozessen auf die konzeptionelle Gestaltung von Außenpolitik und die Formierung des internationalen Systems, 2. die innenpolitischen Voraussetzungen außenpolitischer Aktivität, 3. die maßgeblichen Faktoren der Ausbildung des pluralistischen und kompetitiven Staatensystems und 4. zeitgenössische Wahrnehmungsmuster des europäischen Mächtesystems und ihre handlungsleitende Bedeutung.
Die Gliederung ist systematisch-chronologisch: Nach einem einleitenden Kapitel, in dem der Verfasser den Forschungsstand und die Erkenntnisinteressen darlegt, werden in Kapitel 2 die allgemeinen Voraussetzungen der französischen Außenpolitik erörtert. Ausgehend von der tiefen, durch den Konfessionskonflikt ausgelösten inneren Krise des französischen Königreichs, untersucht Beiderbeck die theoretisch-ideologischen Grundlagen, die Ziele von Heinrichs Politik sowie die Propaganda des protestantischen Lagers. Unübersehbar ist dabei seine Ablehnung eines universalistischen Konfessionalisierungskonzepts, wie man es in der Casa de Austria verkörpert sehen kann. Stattdessen findet Beiderbeck im Beraterumfeld Heinrichs, etwa bei dem Politiker und Publizisten Philippe Duplessis-Mornay, bereits in den 1580er-Jahren Ansätze einer Wahrnehmung der europäischen Staatenwelt als ein „interessenpolitisch gesteuertes säkulares Gleichgewichtssystem“ (S. 74). Kapitel 3 dreht sich um den Themenkomplex „Bellizität, Diplomatie und Kooperation“. Der Verfasser untersucht hier die Kriegsproblematik als fundamentalen Ausdruck der Verknüpfung von Staatsbildungsprozessen mit Konfliktformationen der europäischen Staatenwelt. Dabei zeigt er, wie die mittelalterliche Universalordnung schrittweise zerbrach und sich das Staatensystem neu ordnete: „Die offene oder schleichende Auflösung der traditionalen universalen Bezugssysteme forcierte einen Vergewisserungsprozess, der nach einem europäischen Kräftegleichgewicht, nach der Stabilität der fürstlichen Legitimität und der Gültigkeit der bestehenden politischen und konfessionellen Ordnungsprinzipien im Reich als der Grundlage einer Neugestaltung Europas strebte.“ (S. 148) Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Wahrnehmung des Reiches in Frankreich und mit den ideologischen Grundlagen der französischen Reichspolitik bis 1598. Während Frankreich den Türkenkrieg instrumentalisierte, um ein ausgewogenes Mächteverhältnis herzustellen, wünschten die protestantischen Stände dessen Beendigung, da in ihren Augen die äußere Bedrohung die Stellung des Kaisers im Reich festigte. Der Verfasser verweist dabei auf die Bedeutung der Konstruktion von Bedrohungsszenarien sowie die Instrumentalisierung nationaler Stereotype und Vorurteile im außenpolitischen Diskurs. In der Kooperation Heinrichs mit den Reichsständen sei zu erkennen, dass der König die Rolle eines Arbiters beanspruchte und daraus eine Vorrangstellung unter den weltlichen Herrschern ableitete. Damit bestätigt der Verfasser Erkenntnisse, die bereits Christoph Kampmann in seiner Habilitationsschrift gewonnen hatte.
Im Mittelpunkt von Kapitel 5 steht die Verwicklung Frankreichs in die konfessionellen und ständepolitischen Auseinandersetzungen im Reich gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, wie tief Frankreich in diese Auseinandersetzungen verstrickt war und dass sich die Herrschaftsvorstellungen Heinrichs von denjenigen seiner habsburgischen Kontrahenten grundsätzlich unterschieden. Nach 1598 verschärfte sich die Reichskrise weiter. In diesem Zeitraum, der in Kapitel 6 abgehandelt wird, änderte sich die französische Außenpolitik. Hatte man sich früher um eine Integration der protestantischen Stände in eine umfassende antihabsburgische Allianz bemüht, war nun beabsichtigt, die Stände zur Bildung eines innerdeutschen Sonderbundes zu animieren. Als hilfreich erwies sich dabei der Einfall spanischer Truppen am Niederrhein und in Westfalen. Problematisch waren hingegen die hohen Schulden Frankreichs bei den Ständen und die unterschiedlichen Ansichten über den Nachfolger Rudolfs II. als Reichsoberhaupt. Kapitel 7 untersucht die französische Politik im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit (1609-1610), eine auf den Dreißigjährigen Krieg vorausweisende internationale Krise, in der sich dynastisch-territoriale, konfessionelle, reichspolitisch-verfassungsrechtliche und hegemoniale Konfliktlinien überschnitten.
Eindeutig zu erkennen ist dabei ein aggressiver, auf Eskalation angelegter Grundzug der französischen Politik, die in dieser Zeit nicht, wie in der Forschung immer wieder behauptet, auf Friedenssicherung oder Ausgleich bedacht war. Stattdessen beabsichtigte Heinrich, die protestantischen Stände in ihren libertären Bestrebungen zu unterstützen und Spanien aus der Region zu verdrängen. Im Vordergrund seiner Interventionspolitik standen weltliche Begründungszusammenhänge, welche die Gültigkeit von Fürstenlegitimität und dynastischem Erbrecht gegenüber dem konfessionellen-machtpolitischen Universalismus des Hauses Habsburg betonten.
Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass sich die bestimmenden Fundamentalprozesse der Epoche – Konfessionalisierung, religiöse Pluralisierung, Staatsbildung, Ausbildung eines kompetitiven und pluralistischen Mächtesystems – teilweise überlagerten, aber nicht völlig deckten. Die Konfession wirkte als ordnungsmächtiger und konfliktverstärkender Faktor, trat jedoch gegenüber den Interessen von Staat und Dynastie eher in den Hintergrund. Die Reichsstände müssen in dem entstehenden internationalen System als selbständiger Akteur verstanden werden. Die machtpolitische Dynamik fand im Gegensatz zweier rivalisierender Ordnungsvorstellungen – Universalismus und Hegemonie auf der einen Seite, Pluralismus und Partikularität auf der anderen – einen deutlich sichtbaren Ausdruck. Angehörige der politischen Elite Frankreichs interpretierten Europa als „ein im wesentlichen bipolares Gebilde“ (S. 455) und stellten die französische Reichspolitik als Alternative zum habsburgischen Universalismus dar. Zu diesem Zweck stützten sie sich auf die Gleichgewichtsidee, die zumindest phasenweise „zentrale Bedeutung“ (S. 55) erlangte und zugleich als Beleg für ein stärker säkular-interessengeleitetes außenpolitisches Handeln verstanden muss. Viele reichsständische Akteure traten ebenfalls gegen eine imperiale oder hegemoniale Struktur des Mächtesystems an und wünschten sich statt dessen eine Gleichheit der Macht zwischen Frankreich und Spanien. Das Denken in Kategorien eines Kräftegleichgewichts – durch Verwendung des Begriffs „Gleichgewicht“ eindeutig belegt – spielte somit im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert eine wesentlich bedeutendere Rolle, als die Forschung bislang meinte.
Als Resümee ist festzuhalten, dass der Verfasser eine methodisch reflektierte, systematisch angelegte Studie vorgelegt hat, deren Erkenntnisse nicht nur für die Beziehungen Frankreichs zu den protestantischen Reichsständen, sondern für die gesamte Geschichte des europäischen Mächtesystems im 16. und 17. Jahrhundert ausgesprochen wertvoll sind. Die Verknüpfung der Außenpolitik mit den inneren Verhältnissen des Landes wird überzeugend aufgezeigt und macht jede Diskussion über den Primat des einen oder anderen Bereichs obsolet. Besonders hervorzuheben sind die Einbeziehung mentalitätsgeschichtlicher Perspektiven, die zur Analyse von Feindbildern und Fremdperzeptionen führt, sowie die konsequente Berücksichtigung der zeitgenössischen Wahrnehmung, wodurch die Bedeutung des Gleichgewichtsdenkens dieser Zeit ans Tageslicht tritt. Das alles wird gut lesbar und auf breiter Quellenbasis dargeboten, denn der Verfasser wertete für seine Studie umfangreiches gedrucktes und ungedrucktes Material aus zahlreichen Archiven in Deutschland und Frankreich aus.

(Arno Strohmeyer, Rheinische Friedrich Wilhelms-Universität Bonn)

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