Wohlfahrts-Skandinavien

Rothholz, Walter

Wohlfahrts-Skandinavien

Reihe Nordeuropäische Studien, Band-Nr. 17
Bestell-Nr 0017
ISBN 978-3-8305-0017-9
erschienen 17.02.2003
Format kartoniert
Umfang 183
Gewicht 280 g
Preis 20,00
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Die Zugehörigkeit zu einer Nation ist eine Angelegenheit des Bewusstseins. Die Verwendung des Wortes "Nation", ein Gemeinplatz in allen Sprachen, ist mythischen Charakters: Eine Nation (ein Volk) existiert nicht in einer räumlichen Koexistenz, die sich in gemeinschaftlichen Aktivitäten engagiert, sondern existiert als eine Gemeinschaft des Bewusstseins. Nationen im Gewande ihrer sozio-ökonomischen Verkleidung erscheinen heutzutage als homogene Größen. Diese Art von Spekulation ist seit gut 250 Jahren in Europa unterwegs und in den Köpfen aller Modernisierungsstrategen virulent. Daher ist die Frage nach dem Politischen aktueller denn je.
Die Unionsbürger sehen offenbar in den Grundrechten nicht die Bastion ihrer Freiheit, weil die Diskussion darüber nicht zwischen Werten und Gütern, über die nicht per Abstimmung verfügt werden kann, unterscheidet. Gerade sie bilden aber die kritische Masse jeder Grundrechtsdebatte. Das Politische als Selbstzweck existenziell zu symbolisieren, wäre die Aufgabe eines vereinten Europa. Stattdessen haben wir es auch in Skandinavien mit einem sich stark entwickelnden anti-europäischen und kulturreaktionären Rechtspopulismus zu tun, dessen Anlass in einer alles überbordenden Marktdynamik zu liegen scheint, der aber durch seine fundamentalistischen Ausläufer auf ein tieferes Problem der politischen Kultur in Skandinavien hinweist.
Fundamentalistische Bewegungen entstehen immer dann, wenn die Menschen vor dem Verschwinden ihrer Lebensgrundlagen Angst bekommen, d.h. wenn sie sich nicht mehr in einem sinnhaften Kosmos ihres Lebens eingebettet sehen können. Die Ursachen dafür sind in der Unfähigkeit der Eliten zu suchen, solche Kosmen repräsentativ darzustellen. Denn nur im Zusammenhang mit einem solchen Kosmos haben die Werte einen Wert.
Wohlfahrtsstaatlichkeit als Selbstzweck kann dann jedoch nur noch als eine zivilreligiöse Unternehmung begriffen werden, also als ein Versuch der Sakralisierung von temporalen Gegenständen. Diese Zelebrierung eines Staatskultes verfällt allerdings sehr rasch dem Erfahrungsdruck der Geschichte. Dies ist ein bezeichnendes Merkmal für Institutionen, die die vielfältige Teilnahme des Menschen am Sakralen nicht adäquat auszubalancieren vermögen. Immer dann, wenn die primordialen, existenziellen Grunderfahrungen der Menschen wie Liebe, Tod, Geburt etc. nicht adäquat durch die Institutionen indurchschimmern, werden letztere nicht lange überleben. Fundamentalismen sind dann zwangsläufig die Folge – auch im skandinavischen Wohlfahrtsstaat.
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