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Goethe und Berlin

Vortrag
von Hans-Helmut Allers
gehalten am 12. Februar 2010 im "Berliner Buchhändler-Club"

Wenn man die Frage stellt, welche Beziehungen Goethe zur preußischen Hauptstadt unterhielt,
– was er über die Menschen dort dachte,
– wie er das Leben in der großen Stadt einschätzte,
– zu welchen Menschen er freundschaftliche oder kritische Beziehungen hatte,
– was er vom Theater, vom künstlerischen Schaffen in der Stadt hielt usw.

so kann man zunächst einmal verwirrt werden. Denn Goethes Äußerungen über Berlin sind sehr unterschiedlich, um nicht zu sagen widersprüchlich!

Wenn wir seine Urteile, manchmal auch seine Vorurteile und abfälligen Bemerkungen über die Stadt lesen und auf der anderen Seite sein großes Interesse, seine Bewunderung, seine vielen Beziehungen zu bedeutenden Menschen der Stadt richtig einordnen und einschätzen wollen, müssen wir Goethes jeweilige Lebensumstände, sein Denken und Fühlen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einbeziehen.

Dieser Grundsatz gilt im übrigen für alle seine Tätigkeiten, auch für seine poetischen und dramatischen Dichtungen, die in besonderem Maße „Spiegel seines Lebens“ sind und abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Goethes Werke sind Bruchstücke einer großen Konfession, Teile seiner Entwicklungsstufen, die innere Wandlungen seines Lebens widerspiegeln.

Goethe erlebte 3 preußische Könige, die den Charakter Preußens und seiner Hauptstadt entscheidend mitbestimmten. Goethe hatte zu ihnen unterschiedliche emotionale oder sogar gute persönliche Beziehungen. Es waren:
Friedrich II. (der Große ) 1740–86
Friedrich Wilhelm II. 1786–97
Friedrich Wilhelm III. 1797–1840

Lassen Sie mich in aller Kürze, nach einigen Vorbemerkungen, 4 Teilthemen ansprechen:
1. Berlins Situation 1778
2. Die Beziehungen Goethes bis zu seinem Berlinbesuch 1778
3. Goethe in Berlin
4. Goethes Beziehungen zu Berlin von 1778 bis zu seinem Todesjahr 1832.

Goethe war nur 5 Tage seines langen Lebens in Berlin. Diese 5 Tage aber waren nicht die Zeit seiner intensivsten Beziehungen zur Stadt, so eigenartig dies auch klingen mag. Trotzdem haben sie in Goethes Leben Weichen gestellt! Sie haben für längere Zeit seine Einstellung zur Stadt entscheidend beeinflusst- und zwar überwiegend negativ. Lassen Sie mich schon an dieser Stelle eine Bemerkung Goethes über Berlin vorwegschicken, die immer wieder zitiert wird und die Sie wohl auch kennen. Sie wird als Beweis für seine kritische Einstellung zu Berlin herangezogen.

Am 4. Dezember 1823 gab es nach Eckermanns Bericht zwischen ihm und Goethe ein Gespräch über Goethes Berliner Freund Karl-Friedrich Zelter. Als er, Eckermann, sich über einige Eigenarten Zelters lustig machte, habe Goethe ein bisschen tadelnd geantwortet: „Ich kenne kaum jemand, der sogleich so zart wäre wie Zelter: Dabei muss man nicht vergessen, dass er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht hat. Es lebt dort, wie ich an allem merke, ein verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.“

Dieses Urteil scheint zunächst recht hart zu sein. Aber das Wort „verwegen“ hat nicht ausschließlich negative Aussagekraft. Mit diesem verbindet man auch mutig, selbstständig, risikobereit.


1. Berlins Situation 1778

Die Berliner waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer besonderen Aufbruchstimmung. Die beginnende Industrialisierung schuf neue Möglichkeiten in Handel und Wandel. Die neuen Freiheiten in den Alltäglichkeiten des Lebens ermunterten dazu, Neues auszuprobieren.

In der Residenzstadt des „Aufgeklärten Absolutismus“ änderten sich die Menschen in ihren Lebensgewohnheiten. Es ist die Zeit des toleranten Philosophen Friedrich des Großen auf dem preußischen Thron. Auch seine Nachfolger konnten das Rad der Geschichte nicht völlig zurückdrehen.

Hinzu kam, dass sich die Bevölkerung Berlins explosionsartig vermehrte. Als Goethe die Stadt 1778 besuchte, hatte sie ca. 140.000 Einwohner, für damalige Zeiten enorm viel! Außerdem wurde die Bevölkerung immer internationaler. Zuwanderer aus Frankreich und Böhmen wurden mühelos integriert. Die Toleranz in religiösen und publizistischen Angelegenheiten und die relative Rechtssicherheit weckten die unternehmerischen Kräfte des Bürgertums, aber auch die Kräfte und Möglichkeiten des Kulturlebens.

In einem Brief vom 17.8.1775 an die volkstümliche Berliner Dichterin Anna Luise Karsch, eine glühende Goetheverehrerin, hatte Goethe noch von Frankfurt aus geschrieben: „Vielleicht peitscht mich bald die unsichtbare Peitsche der Eumeniden wieder aus meinem Vaterland, wahrscheinlich nicht nordwärts, obwohl ich gern Lot und seine Hausgenossen in eurem Sodom grüßen möchte.“

Diese Äußerung Goethes geschah 3 Jahre vor seinem Berlinbesuch. Er vermutete sicher zu recht, dass der Lebensstil in der großen Stadt Berlin sich von dem des damals kleinen, verschlafenen, konservativen Weimar deutlich unterscheiden würde.


2. Die Beziehungen Goethes bis zu seinem Berlinbesuch 1778

Die bedeutendste Beziehung vor Goethes Berlinbesuch war gewissermaßen indirekt und ohne, dass Goethe davon überhaupt zunächst Kenntnis hatte. Zwei seiner wichtigsten frühen Theaterstücke, nämlich „Götz von Berlichingen“ und „Stella“ wurden am 12.4.1774 und am 13.3.1776 in Berlin uraufgeführt, und zwar im „Theater in der Behrenstrasse“, wo sich heute die “Komische Oper“ befindet.

Die Uraufführung des „Götz“ wurde in der „Vossischen Zeitung“ wie folgt angekündigt:
„Heute wird die von seiner königlichen Majestät von Preußen allergnädigst privilegierte „Kochische Gesellschaft Deutscher Schauspieler“ aufführen: „Götz v. Berlichingen mit der eisernen Hand“. Ein neues Schauspiel in 5 Akten, welches von einem gelehrten und scharfsinnigen Verfasser mit Fleiß verfertigt worden.“

Der Verfasser wurde auch im Theaterzettel zunächst gar nicht genannt! Erst später war von einem “Herrn Gade“ die Rede! Der Publikumserfolg war gewaltig! Es gab 16 Aufführungen hintereinander. Die Besucher waren angetan von der deftigen und lebensvollen Darstellung. Es störte sie überhaupt nicht, dass Lessings Grundsätze der Dramaturgie nicht beachtet waren!

Viel wichtiger war für die Berliner: Sie sahen ein Stück in deutscher Sprache, mit deutschen Schauspielern und vor allem ein Theaterstück mit Inhalten aus der deutschen Geschichte! Dies alles war im damaligen Berlin nicht die Regel, in einer Zeit, in der das vom König unterstützte „Französische“ allein die Theaterkultur zu vertreten schien.

Die Aufführung des „Götz“ ist ein Stück Theatergeschichte, auch weil es dazu in Berlin erste Theaterkritiken der Presse gab, die auch sehr positiv ausfielen. Die Aufführung der „Stella“ war da schon viel problematischer. Das „Sturm und Drang Stück“ mit der klassischen Sprache und dem für die damalige Zeit revolutionären Inhalt, bot es doch als Konfliktlösung eine „Ehe zu Dritt“ an, wurde vom Publikum voll angenommen. Der Andrang war gewaltig! Nach 10 Aufführungen wurde das Stück wegen Unsittlichkeit verboten! Als merkwürdig ist anzusehen, das der Text des Stückes weiter verkauft werden durfte. Der Verleger Himburg machte ein Riesengeschäft, ohne dass der Autor überhaupt davon wusste!

Mit dem Verleger, dem aufklärenden Philosophen und Schriftsteller Friedrich Nikolai (1733–1811), der in der Brüderstraße wohnte und dessen Haus alle Kriegseinwirkungen bis heute überstanden hat, hatte Goethe großen Ärger. Nikolai hatte eine Parodie auf die um sich greifende „Wertherhysterie“ geschrieben – „Die Freuden des jungen Werther“ – was Goethe sehr ärgerte. Der Bruch zwischen Goethe und Nikolai wurde nie gekittet! Noch 1794 formulierte Goethe in den Xenien in Anspielung auf Nikolais Buch „Reisen durch Deutschland“:
„Nikolai reiset noch immer, lange noch wird er reisen, doch ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg!“

Sogar im „Faust“ hat Goethe seinen Intimfeind verewigt. Die lächerliche Figur des Proktophantasmisten in der Walpurgisnacht, der nur Unsinn redet, ist offenbar Nikolai. Sie kennen die Verse:
„Ihr seid noch immer da? Nein, das ist unerhört. Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel, wir sind so klug, und dennoch spukts in Tegel!“

Dies ist eine Anspielung auf einen Spuk, der sich im Forsthaus neben dem Humboldtschloss abgespielt und die Menschen sehr erregt hatte.

Auch das Urteil Friedrichs des Großen über die deutsche Literatur im allgemeinen und Goethes „Götz von Berlichingen“ im besonderen wird Goethe nicht gefallen haben, obwohl Goethe darauf sehr gelassen reagierte. Friedrich der Große:
„Um sich zu überzeugen, wie wenig Geschmack noch itzt in Deutschland herrsche, dürfen Sie nur unsere öffentlichen Schauspiele besuchen. Sie finden daselbst die abscheulichen Stücke von Shakespeare aufgeführt, die man in unsere Sprache übersetzt hat. … Erst vor wenigen Jahren ist ein „Götz v. Berlichingen“ auf unserem Theater erschienen, eine abscheuliche Nachahmung jener englischen Stücke; und dennoch bewilligt unser Publikum diesem ekelhaften Gewäsche seinen lauten Beifall und verlangt mit Eifer ihre öftere Wiederholung“

Wir kennen Friedrichs Vorliebe für die französische Sprache und Kultur. Trotzdem bleibt für mich unbegreiflich, dass der tolerante Philosoph, Musiker und Staatsmann auf dem preußischen Thron so blind für die neue Sprachkultur der Klassik war, die ihn direkt umgab und die immer mehr zu blühen begann.


3. Goethe in Berlin

Seit dem 7. November 1775 lebte Goethe in Weimar. Als er am 15 Mai 1778 in Berlin eintraf, war er 28 Jahre alt. Goethe war Mitglied des Consils am Weimarer Hof, der Regierung des kleinen Staates. Er war als Legationsrat für viele Ressorts verantwortlich, die sehr zeitaufwendig waren. Seinen dichterischen und schriftstellerischen Ambitionen konnte er nicht wie gewünscht nachgehen.

Die meiste Freude bereitete ihm wohl die Tätigkeit als Leiter des Liebhabertheaters. Mitglieder der herzoglichen Familie, der Hofgesellschaft und einige Bürger gehörten der Truppe an. Sie spielten in Weimar im Schloss Belvedere, in Ettersburg, aber auch in Jena, Erfurt und anderen Städten. Goethe war unumschränkt der Initiator, Textdichter und Regisseur. Oft spielte er auch noch die Hauptrolle. Er war die Seele des ganzen Unternehmens. Erst später gehörten auch Berufsschauspieler der Truppe an.

Der 28-jährige Goethe war während des Berlinbesuchs ein hübscher junger Mann mittlerer Größe mit auffälligen großen Augen, klug, ungewöhnlich gebildet, belesen, sprachbegabt. Nach Aussagen von Zeitgenossen faszinierte sein bloßes Auftreten jede Gesellschaft, deren Mittelpunkt er sehr schnell wurde. Am 15. Mai des Jahres 1778 traf Goethe in Begleitung des Herzogs von Sachsen-Weimar Eisenach, Karl August gegen 16 Uhr in Berlin ein. In der herzoglichen Kutsche saßen außerdem Fürst Leopold III. von Anhalt-Dessau und ein Herr von Wedel, Kammerherr und Jugendgespiele des Herzogs, sowie vier Diener.

Was wollte man in Berlin? Um dies zu verstehen, muss man die politische Situation dieser Zeit kennen. Es war die Epoche der Kleinstaaterei in Deutschland. Die Herzöge, Fürsten und Könige waren mehr oder weniger absolutistische Herrscher in ihren Gebieten. Das Deutsche Kaiserreich, durch Otto I. im 9. Jahrhundert gegründet, das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, war relativ bedeutungslos geworden, bis es 1806 durch Napoleon endgültig beseitigt wurde.

Der 7-jährige Krieg war erst 15 Jahre vorbei, da drohte schon wieder ein europäischer Krieg auszubrechen, der sog. „Bayerische Erbfolgekrieg“. Österreich hatte sich mit dem Verlust Schlesiens nie wirklich abgefunden. Es versuchte Preußen zu schaden, wo es nur konnte. Als die männliche Thronfolge der Wittelsbacher in Bayern ausgestorben war, erhob Österreich Anspruch auf den Thron in Bayern für die Habsburger. Der junge Kaiser Joseph II., Sohn der Maria Theresia, schickte Truppen nach Niederbayern, um seinen Anspruch militärisch zu untermauern.

Die Empörung unter den deutschen Reichsfürsten war allgemein. Preußen als europäische Großmacht war gefragt. Frankreich und Rußland verhielten sich Preußen gegenüber wohlwollend neutral, so dass preußische Truppen bereitgestellt wurden. Die Kriegsgefahr war groß! Die deutschen Kleinstaaten, insbesondere Sachsen-Weimar und Anhalt-Dessau wollten es sich mit keinem der Großmächte, also Preußen und Österreich, verderben. Sie hatten die durchaus berechtigte Angst, zwischen den Mühlsteinen europäischer Hegemonialpolitik zermahlen zu werden. Die Berlinreise der Weimarer Fürsten mit dem Legationsrat Goethe war also keineswegs eine Vergnügungsreise!

Grundsätzlich gilt: Goethe hatte bis auf die offiziellen Termine mit dem Herzog viel Zeit für sich zur Verfügung. Er konnte die Stadt allein erkunden und viele geplante Besuche allein und ungehindert durchführen. Woher wissen wir, was er in Berlin erlebte?
Als Quellen stehen zur Verfügung:
– Goethes Tagebuch (sehr knappe Angaben)
– Goethes Briefe an Frau v. Stein
– Augenzeugen in Berlin
– Goethes Briefe an seinen Freund Merck

Sonnabend, 16. Mai 1778
Goethe besuchte mit dem Herzog die KPM (Königliche Porzellanmanufaktur), die sich damals in der Leipziger Str. 4 befand, etwa dort, wo heute das Gebäude des Bundesrates steht. Der Herzog war sehr interessiert an den Werkstätten, in denen damals ca. 600 Menschen arbeiteten, denn auch in Weimar und Ilmenau wurde Porzellan hergestellt, wie übrigens heute noch. Goethe sah bei dieser Gelegenheit die großen Gebäude des „Forum Friedericianum“, wie sie auch heute noch stehen bzw. wiedererrichtet wurden: Dom (alter Bau), Zeughaus, St. Hedwigs-Kathedrale, Oper, Königliche Bibliothek (Kommode). Der Nachmittag stand Goethe allein zur Verfügung. Er benutzte ihn, um Menschen zu besuchen, die er durch ihre Werke oder auch persönlich kannte. Dazu gehörte der Porträtmaler Anton Graff (Heiligengeiststr. 7). Ihm verdanken wir die Porträts vieler berühmter Menschen, z.B. Herder und Lessing. Goethe besuchte auch den Maler und Kupferstecher Daniel Chodowiecki (Behrenstr. 31), dessen Werke er sehr schätzte.

Dann musste sich Goethe sehr beeilen, um den Anfang einer Theateraufführung um 15 Uhr im „Theater in der Behrenstrasse“ nicht zu verpassen. Goethe betrat damit erstmalig das Theater, in dem ohne sein Wissen die Uraufführungen des „Götz“ und der „Stella“ stattgefunden hatten. Er sah „Die Nebenbuhler“ von Sheridan.

Sonntag, 17. Mai 1778
Besuch bei Kapellmeister und Komponist Johann André, den Goethe aus Frankfurt kannte. Anschließend besuchte Goethe – es war ja ein Sonntag – den Gottesdienst in Berlins ältester Kirche, der „Nikolaikirche“. Er wollte den berühmten Dompropst Johann Joachim Spalding predigen hören, dessen religionsphilosophische Schriften er sehr schätzte.

Mittags fand im „Prinz-Heinrich-Palais“ Unter den Linden die wichtigste Zusammenkunft statt, weshalb man in die preußische Hauptstadt gekommen war. Dieses Palais ist das Gründungsgebäude der Friedrich-Wilhelm-Universität, heute Hauptgebäude der Humboldtuniversität, das den 2. Weltkrieg überstanden hatte.

Hier gab es ein „Arbeitsessen“, wie wir heute sagen würden. Anwesende waren:
– Prinz Heinrich v. Preußen, Hausherr, Bruder Friedrichs II., General, Hauptsitz Schloss Rheinsberg,
– Herzog Carl August v. Sachsen Weimar,
– Fürst Leopold III. v. Anhalt-Dessau,
– Prinz Ferdinand, ein jüngerer Bruder des Königs,
– Graf Heinrich v. Lehndorf, Kammerherr des Königs,
– Goethe,
– Preußische Generäle und andere hohe Offiziere.

Goethe war damals noch nicht geadelt und somit neben den Bediensteten der einzige Bürgerliche im Zimmer. Der König war zur großen Enttäuschung unserer Reisenden nicht mehr in Berlin, sondern bereits bei seinen Truppen in Schlesien. Wir wissen wenig über die Ergebnisse dieser Besprechung. Ich habe im „Preußischen Geheimen Staatsarchiv“ vergeblich nach einem Protokoll dieser Sitzung gesucht; es gibt keines!

Die Tatsache, dass der „Bayerische Erbfolgekrieg“ schließlich bis auf kleinere Scharmützel nicht wirklich stattfand, lag sicherlich nicht an dieser Zusammenkunft und damit an der Reise der Weimarer nach Berlin. Für uns bleibt interessant, wie die Vorgänge im Palais und in der preußischen Hauptstadt auf Goethe wirkten. Der anwesende Graf Lehndorf schrieb Gott sei Dank ein ausführliches Tagebuch. Darin berichtet er, dass er während der Zusammenkunft neben Goethe gesessen habe und ihn vergeblich in ein Gespräch zu verwickeln suchte. Er war außerordentlich gespannt gewesen auf den Dichter des „Werther“, des „Götz“ und der „Stella“.

Goethe aber blieb unnahbar, er war nach Lehndorf „ein hübscher junger Mann mit sehr unfreundlichem Gesicht, offenbar in diesem Kreise gelangweilt – “. Goethe gefiel es in dieser Runde überhaupt nicht! Es missfiel ihm, dass Prinz Heinrich schlecht über seinen Bruder redete und die anwesenden Generäle sich darüber amüsierten. Man muss wissen, dass Goethe mit allen Vorbehalten immer noch ein Bewunderer Friedrichs war. In einem Brief an seinen Freund Johann Heinrich Merck nannte Goethe die Generäle „Lumpenhunde, die sich über ihren König räsonierten“! Er habe sie „dutzendweise bei Tische gegenüber gefunden“! Goethe war offenbar enttäuscht über die Begegnung mit diesen Menschen an der Tafelrunde. Sie hatten ihm nichts zu sagen oder sagten ihm nicht zu, also schwieg er!

Goethe hatte die Turbulenz der Großstadt an diesem Tage erlebt, verstärkt durch Truppenbewegungen, die in diesen Tagen zu beobachten waren. Menschen, die wie in einem Ameisenhaufen scheinbar sinnlos durcheinanderliefen, in Wirklichkeit aber ordnend gelenkt wurden und sich wie Puppen bewegten. Es entsprach nicht Goethes Auffassung von menschlicher Bestimmung, dem Ziel einer harmonischen Ausbildung aller Kräfte individueller Art.

Viel schlimmer noch kam hinzu, dass ein Räderwerk die Menschen ergriffen hatte, um sie in einen Krieg zu schicken und zu opfern. Goethes Sorgen waren umso größer, als er jene Menschen kennen gelernt, aber wenig schätzen gelernt hatte, die dieses Räderwerk in Bewegung hielten. Diese Gedanken werden in Briefen an Frau v. Stein klar dargelegt!

Montag, 18. Mai 1778
Dieser Tag verlief ungleich ruhiger. Vormittags besuchten Goethe und der Herzog das Zeughaus Unter den Linden – heute Historisches Museum. Goethe nennt es in seinem Tagebuch treffend „Arsenal“, weil es Waffensammlungen beherbergte. Nachmittags besuchte Goethe allein die burschikose Dichterin Anna Luise Karsch in der Spandauer Str. 76. Sie war damals 50 Jahre alt und empfing ihren geliebten Goethe enthusiastisch. Sie war sofort in das Hotel geeilt, als sie von Goethes Ankunft erfahren hatte, traf ihn dort nicht an, aber hinterließ ein köstliches Gedicht, dessen Lektüre ich Ihnen nur empfehlen kann. Es ist auch in meinem Buch abgedruckt!

Die Karschin schrieb am nächsten Tag einen Brief an den Dichter Ludwig Gleim, in dem sie behauptet, Goethe habe Moses Mendelssohn besucht. Es wäre nicht weit gewesen bis zur Spandauer Str. 68! Aber wir müssen heute davon ausgehen, dass dieser Besuch damals nicht stattgefunden hat. Goethe erwähnt Moses nicht in seinem Tagebuch, und auch bei ihm findet sich kein Hinweis darauf. Die Begegnung der Familien Goethe und Mendelssohn fand erst viele Jahre später statt, durch Karl Friedrich Zelter und Felix Mendelssohn Bartholdi, eine sehr reizvolle Episode der deutschen Kulturgeschichte.

Am Sonnabend, den 20. Mai 1778 reiste man über Tegel nach Potsdam, wo man übernachtete. Goethes Berlinabenteuer war vorüber. Die Nachricht aus Potsdam an Frau v. Stein vom nächsten Tag ist vielsagend:
„Durch einen schönen Schlaf habe ich meine Seele gereinigt, mein Verlangen steht sehr vorwärts … nach Hause!“

4. Goethes Beziehungen zu Berlin von 1778 bis zu seinem Todesjahr 1832

Es gilt folgender Grundsatz: Goethe interessierte sich von Jahr zu Jahr mehr für das, was in Berlin passierte. Und das war ja nun wirklich eine ganze Menge in dieser Zeit, insbesondere auf den Gebieten Kunst und Theater! Goethe war außerordentlich an allem interessiert, was in Berlin geschah.
– Er erhielt die Berliner Zeitungen,
– er ließ sich jeden Theaterzettel schicken,
– er suchte die Bekanntschaft zu den wichtigsten Berliner
– Theaterleuten,
– Künstlern,
– Wissenschaftlern,
– Philosophen,
– Literaten,
– Sprachwissenschaftlern und Baumeistern.
Davon gab es in dieser Zeit nun wahrhaftig sehr viele!

Am 7.5.1815 schrieb Goethe an Karl Friedrich Zelter:
„…es bedarf nur wenig Anregung, und ich arbeite wohl wieder eine Zeit lang für die Bühne, denn Berlin ist doch der einzige Ort, für den man etwas zu unternehmen Mut hat…“
Das klingt schon ganz anders!

Mit dem Namen Karl Friedrich Zelter ist ein Stichwort gefallen, bei dem wir etwas verweilen müssen. Er war von Beruf Maurermeister und Besitzer eines Baugeschäftes. Daneben aber:
– Komponist,
– Ausübender Musiker,
– Direktor der Singakademie Berlin,
– Lehrer berühmt gewordener Schüler ( z.B. Mendelssohn Bartholdi),
– Professor und Leiter der Abteilung Musik in der neu gegründeten Universität Berlin.
Ein hoch interessanter Mensch! Er wird zum wohl besten und intimsten Freund Goethes. Ihr Briefwechsel ist eine Fundgrube für jeden Goethefreund und Goetheforscher.

Zelter war der Statthalter Goethes in Berlin. Er versorgte ihn nicht nur mit Teltower Rübchen und Spreewälder Gurken, sondern auch mit Nachrichten aller Art aus der preußischen Hauptstadt. Die Freundschaft zwischen Goethe und Zelter ist einzigartig.Sie war geprägt von großer Herzlichkeit und gegenseitiger Hochachtung voreinander.

Ihre Verbindung begann 1799 mit der ersten Kontaktaufnahme durch einen Brief Zelters mit einigen Vertonungen von Goethegedichten. Die Freundschaft dauerte bis zum Tode Goethes am 22.3.1832. Für Zelter war damit sein eigenes Leben auch abgeschlossen. Er starb nur 54 Tage später am 15.5.1832. In den Jahren der Freundschaft hatte Zelter immer wieder versucht, Goethe zu einem Besuch in Berlin zu bewegen. Er selbst war sehr häufig bei Goethe in Weimar, oft mit seiner Familie oder mit dem kleinen Felix Mendelssohn, der Goethe die neuesten musikalischen Werke auf dem Klavier vorspielte. Sie waren viele Monate zusammen, wenn man alles zusammenzählt. Aber Goethe kam nie wieder nach Berlin! Zelter war sehr enttäuscht! Seine Einladungen waren manchmal direkt rührend:

Am 5.3.1804 hieß es:
„Den ganzen Winter habe ich auf Dich gewartet, wie auf das Heil meiner Seele!“

Am 15.10.1805:
„Komm doch nach Berlin! Der russische Zar ist seit gestern hier, der Herzog ist hier, ich bin hier…!“

Am 12.3.1818:
„Nun mein Alter, raffe Dich auf nach Berlin! Dein Bett und was sonst noch ist, sind bereit, Dich aufzunehmen. Es wäre ein allerliebster Geniestreich, wenn Du plötzlich hier ankommst!“

Goethe kam nicht! Dafür schickte er 1819 seinen Sohn August und seine junge Ehefrau Ottilie nach Berlin. Sie wohnten selbstverständlich bei Zelter. Goethe und Zelter neckten sich oft, weil Zelter ein überzeugter Bewohner der großen Stadt Berlin war. Eine Bemerkung Goethes in einem Brief an Zelter will ich Ihnen nicht vorenthalten:

21.5.1828
„Lebe wohl und gedenke Deines Freundes im stillen Park bei Weimar, indessen Du in Prachtherrlichkeit, Trommelrausch und Getümmelwoge der Königsstadt Dich umtreibst und umgetrieben wirst...“

Genau das ist es, was Goethe fürchtete:
– Die fehlende Ruhe und Muße, das „umgetrieben werden“
– Die Verlockungen der Großstadt, die ablenken von den eigentlich wichtigen Dingen des Lebens
– Das „umgetrieben werden durch fremde Einflüsse“
– Die Gefahr der Fremdbestimmung, die eine ungestörte individuelle Entwicklung verhindern könnte

Goethe und das Berliner Theater

Goethe war freundschaftlich verbunden mit den beiden großen Intendanten des Berliner Theaters
– August Wilhelm Iffland (Intendant 1796–1814) und
– Hans Moritz v. Brühl (Intendant 1814–1828).

Insbesondere Iffland, seit 1796 Direktor des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt, war Goethe seit vielen Jahren bekannt. Iffland, der den Franz Moor in der legendären Erstaufführung von Schillers „Räubern“ gespielt hatte, war immer wieder zu Gastspielen in Weimar. Goethe hätte ihn gern an sein Theater gebunden, aber Iffland vermutete zu recht, dass er in Berlin größere Chancen haben würde. Im Langhansbau, später Schinkelbau des Gendarmenmarktes, führte er alle großen Goethedramen auf. Nach dem Brand des Langhansbaus und der Errichtung des Neubaus durch Schinkel schrieb Goethe zur Eröffnung am 28.5.1821 vor der Aufführung seiner Iphigenie seinen berühmten „Prolog“.

Das letzte Theaterstück, das Goethe schrieb, „Des Epimenides Erwachen“ war ein Auftragswerk aus Berlin für ein Festspiel aus Anlass der Rückkehr des Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise nach Berlin, nach der Niederlage Napoleons. Am 30. 3.1815 wurde das spektakuläre Stück aufgeführt, das heute zu Unrecht vergessen ist.

Goethes „Faust I“ wurde in Teilen, wie sie damals schon fertig waren, auf Initiative des Fürsten Radziwill in Berlin uraufgeführt. Die Mitwirkenden waren Schauspieler, Laien (viele Mitglieder der königlichen Familie ) und der Chor der Singakademie unter Zelter. Goethe wurde von Zelter und Radziwill über alles auf dem Laufenden gehalten. Er nahm von Weimar aus regen Anteil, gab auch Ratschläge zur Regie, aber er blieb grundsätzlich skeptisch, ob sein Faust überhaupt eine Theaterbühne vertragen könnte.

Goethes Beziehungen zu Berliner Künstlern und Baumeistern war besonders intensiv und von großem Respekt geprägt. Goethes Verhältnis zu dem Bildhauer Johann Gottfried Schadow war anfangs etwas kritisch, aber später schätzte er den Leiter der Berliner Kunstakademie und den Schöpfer der „Quadriga“ und des „Standbildes der Luise und ihrer Schwester Friederike“ in besonderem Maße. Eine besonders gute Beziehung hatte Goethe auch zu Christian Daniel Rauch. Sein „Reiterstandbild Friedrichs des Großen“ steht heute wieder Unter den Linden. Rauch besuchte Goethe oft in Weimar, um Gespräche über Kunst zu führen.

Goethes Verbindung zu Berliner Wissenschaftlern und Philosophen war nicht minder intensiv. Hier ist an erster Stelle Wilhelm v. Humboldt zu nennen, aber auch dessen Bruder Alexander. Der Briefwechsel Goethes mit dem Philosophen, Sprachwissenschaftler, Staatsmann und Universitätsgründer gehört zu den ideenreichsten, bedeutendsten Schöpfungen der deutschen Kulturgeschichte. Seit 1794 kannten sie sich durch Vermittlung Schillers. Die innere Übereinstimmung der beiden bedeutenden Menschen ist sehr deutlich. Humboldts letzter Brief an Goethe trägt das Datum 14.3.1832. Goethes letzter Brief wurde am 17.3.1832 geschrieben, also 5 Tage vor seinem Tode.

Wilhelm v. Humboldt kannte alle Werke Goethes. Er wurde von ihm immer wieder aufgefordert, Stellung zu nehmen, Kritik zu äußern. Humboldt kam dieser Aufforderung gerne nach. Er nahm Einfluß auf die Entstehung von „Hermann und Dorothea“, „Wilhelm Meister“ und vor allem „Faust“.

Aus der großen Anzahl der Wissenschaftler und Philosophen Berlins wollen wir nur zwei hervorheben:
Die Beziehung zu dem Feuerkopf Johann Gottlieb Fichte war nicht immer ungetrübt. Goethe mochte die religionsphilosophischen Thesen des Dekans der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität nicht besonders gern.

Friedrich Hegel, der aus Jena gekommen war und seit 1818 in Berlin lehrte, wurde von Goethe seines scharfen Intellekts wegen geachtet, wenn auch nicht geliebt. Goethe fand nie wirklichen Zugang zu den Grundzügen seiner Dialektik.

Goethes Einstellung zu philosophischen Systemen war überwiegend kritisch. In den Xenien heißt es: „Mein Kind, ich hab es klug gemacht, ich habe nie über das Denken gedacht“. An den Weimarer Kanzler Müller schrieb er 1827: „So viel Philosophie, als ich bis zum seligen Ende brauche, habe ich noch allenfalls. Eigentlich brauche ich gar keine“.

Die Liste der bedeutenden Menschen Berlins, zu denen Goethe Beziehungen unterhielt, ist sehr lang. Ich will nur einige aufzählen, obwohl mir bewusst ist, dass ich die Reihe noch erheblich verlängern könnte, und die Namen würden immer noch bekannt bleiben:
– Karl v. Savigny, Jurist und Hochschullehrer, Schwager von Bettina v. Arnim, war oft bei Goethe in Weimar.
– Friedrich Niebuhr, Professor an der Universität Berlin und im Staatsdienst tätig, Goethes Fachmann für Römische Geschichte.
– Christoph Wilhelm Hufeland, Goethes Arzt in Weimar, später Professor an der Universität Berlin, Leibarzt der königlichen Familie.
– Ludwig Tieck
– Achim v. Arnim
– Bettina v. Arnim
– Clemens Brentano
– August Wilhelm Schlegel
– Friedrich Ernst Schleiermacher
– Leopold Ranke