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 NEWSLETTER vom 19.05.2010

Sehr geehrte Leserinnen und Leser !

In den letzten Wochen beschäftigten sich Bundespolitik, Ärztevertretung und die politische Presse mit dem Phänomen Landärztemangel. Abseits von romantischen Vorstellungen zweistündiger Hausbesuche, rustikal-lederner Arzttaschen und auf Dauer angelegter, unhinterfragt vertrauensvoller Arzt-Patienten-Beziehungen, geht es dabei etwas nüchterner betrachtet um das gesundheits- und sozialpolitische Modell flächendeckender Versorgung im ländlichen Raum sowie um vertretbare Finanzierungs- und Förderkonzepte. Schließlich will man, um mit den Worten unseres Gesundheitsministers zu sprechen, "kurzfristig mehr Ärzte in unterversorgte Gebiete ziehen" (Rösler/Hompage Bundesministerium für Gesundheit). Sein Vorschlag, auf den numerus clausus zu verzichten, ist ein weiterer Beweis eines derzeit grassierenden Denkmodells, einem qualitativen Problem mit quantitativen Methoden beizukommen.
In einem Kommentar im Tagesspiegel wies unser Autor George Turner, der ehemalige Berliner Wissenschaftssenator, schon im Januar diesen Jahres darauf hin, dass eine Kenntnis der Lebens- und Arbeitsumstände der landärztlichen Profession, zumindest eine Bereitschaft, sich auf diese einlassen zu wollen, eine tendenzielle Bevorzugung bei Hochschulzulassungsverfahren verdient hätte. Damit liegt er auf einer Linie mit aktuellen Vorschlägen, das Medizinstudium attraktiver zu machen.
Worauf Turner aber damit noch hinweist, ist eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung des Ärzteberufes, die im Zuge einer rein metrisch angelegten Beurteilung ärztlicher Kompetenz um Mengenaufteilung, Quoten und Einser-Abitur verloren zu gehen scheint: Eine soziale Kompetenz des Arztes und ein damit verbundenes selbstverpflichtendes Ethos, das die ärztliche Profession als Berufung zum Helfen und Heilen erlebt. Dieses vormals von Landärzten selbst an die nachfolgende Generation vermittelte Bild scheint, so Turner, aufgrund veränderter Rahmenbedingungen nicht mehr zu greifen.
Das "Sichtbarmachen" gesellschaftlich bedenkenswerter Verschiebungen ist das große Verdienst unseres Autors George Turner. Deshalb empfehlen wir auch seine gerade in der 2. Auflage erschienene Veröffentlichung, in der es zwar um eine gänzlich andere Art von "Landflucht" geht, unser Autor aber ein weiteres Mal ein sensibles Gespür für regionale Empfindsamkeiten und gesellschaftlich bedenkliche Fehlentwicklungen beweist:


  George Turner
Die Heimat nehmen wir mit
Ein Beitrag zur Auswanderung Salzburger Protestanten im Jahr 1732, ihrer Ansiedlung in Ostpreußen und der Vertreibung 1944/45
2. Auflage 2010, 285 S., kart., Preis: 19,80 Euro, 978-3-8305-1577-7

>> Buchdetails & zum Shop

In seinem Buch berichtet der Autor in beeindruckender Weise von Flucht und Vertreibung der Ostpreußen aus ihrer erst im 18. Jahrhundert bezogenen Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg.




Ebenfalls NEU im BWV:
  Reinhold Vetter
Polens eigensinniger Held
Wie Lech Walesa die Kommunisten überlistete
2010, 414 S., kart., Preis: 37,- Euro, 978-3-8305-1767-2

>> Buchdetails & zum Shop

Nach dem Tod von Lech Kaczynski sprach der frühere polnische Präsident und ehemalige Solidarnosc-Anführer Lech Walesa von einer "unvorstellbaren Tragödie, einem unvorstellbaren Unglück" und fühlte sich dabei an die Ermordung der politischen Elite durch die Sowjets vor 70 Jahren erinnert. Lech Walesa gehört mit seinem Kampf gegen das kommunistische Regime zu den herausragenden polnischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der faszinierenden politischen Lebensgeschichte geht unser Autor Reinhold Vetter, u.a. Korrespondent für das "Handelsblatt", in seinem neuen Buch nach. Im Unterschied zu anderen Biographien legt der Autor eine wissenschaftlich fundierte Analyse des Lebenswerkes vor, beschränkt sich aber nicht auf die Person Lech Walesa, sondern stellt auch den Transformationsprozess in Ostmitteleuropa und die Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses zur Diskussion.
Die Lektüre ist schon deshalb zu empfehlen, weil Reinhold Vetter die Lebensleistung dieses prominenten Zeitgenossen auch durchaus kritisch darstellt.

19.05.2010 Dr. Volker Schwarz


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