NEWSLETTER vom 27.04.2010
Zum Tod von Dimitris Th. Tsatsos
"Ich möchte Dir diesen Band, der für mein Leben so wichtig ist, besonders ans Herz legen." Mit diesem Satz übergab mir Dimitris Th. Tsatsos im November 2009 sein letztes Werk, das ich verlegerisch betreuen durfte und das ich Ende Februar dieses Jahres ausliefern konnte: "Die Unionsgrundordnung - Handbuch zur Europäischen Verfassung -". Er hat es noch zur Kenntnis genommen, bevor sein Leidensweg begann, der nun am 24. April durch seinen Tod in Athen zu Ende ging.
Wir hatten 14 Bücher, zunächst zum Parteienrecht, später dann verstärkt zum europäischen Verfassungsrecht gemeinsam veröffentlicht. Es waren seine wissenschaftlichen Arbeiten, die er seit 1991 in seiner Funktion als Direktor des Instituts für deutsches und europäisches Parteienrecht an der Fernuniversität in Hagen herausbrachte. Nach einer bewegten Laufbahn als Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler in Athen, die er mit der Habilitation 1968 abschloss, wurde ihm durch die Militärdiktatur die Lehrerlaubnis entzogen. Er habilitierte sich daraufhin an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn und war dort von 1969 bis 1974 Professor. Noch 1974 wurde er in Griechenland durch die Junta verhaftet und verbrachte sechs Monate im Gefängnis. Nach Beendigung der Militärdiktatur trat er in die Regierung der "Nationalen Einheit" als stellvertretender Kultusminister ein und erarbeitete in dieser Eigenschaft das erste griechische Hochschulgesetz. Außerdem war er Generalreferent der Oppositionsparteien für die demokratische Verfassungsreform. Bis 1989 widmete er sich wieder seiner wissenschaftlichen Laufbahn: als Verfassungsrechtler an den Universitäten in Thessaloniki und Athen. Gleichzeitig hatte er die Möglichkeit von 1980 bis 1998 auch ordentlicher Professor für deutsches und ausländisches Staatsrecht und Staatslehre an der Fernuniversität Hagen zu sein.
Er meisterte damit einen Spagat zwischen Griechenland und Deutschland und befruchtete durch seine vielen persönlichen Kontakte den wissenschaftlichen Austausch zwischen den beiden Ländern. Seine Leidenschaft für die europäische Integration veranlasste ihn, für die Sozialdemokratische Partei Europas von 1994 bis 2004 ins Europäische Parlament einzuziehen. Dimitris Tsatsos vereinte in sich Wissenschaft und Praxis auf ideale Weise und hat die Verfassungsentwicklung Europas nicht nur durch seine wissenschaftliche Arbeit maßgeblich beeinflusst, sondern sie auch durch seine politische Tätigkeit mitgestaltet.
Vor allem begeisterte mich die von ihm als "Kulturwissenschaft betriebene, vergleichende Verfassungslehre", wie einer unserer Freunde, Peter Häberle, einmal ausführte. Der transdisziplinäre Ansatz prägte auch seine Arbeit von 1991 bis 1997 als Direktor des Instituts für Deutsches und Europäisches Parteienrecht und als Vorstandsmitglied des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften an der Fernuniversität in Hagen.
Ich hatte das Glück, nicht nur sein Verleger, sondern auch sein Freund zu sein und kann deshalb sagen: es sind nicht die vielen Ehrungen und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Institutionen, die diesen charismatischen Weltenbürger auszeichneten, sondern seine großzügige und menschliche Seite, die alle seine Freunde europaweit genießen durften.
Mit Professor Dr. Dr. h.c. mult. Dimitris Th. Tsatsos verlieren wir einen guten Freund, dem wir stets verbunden bleiben werden.
Dr. Volker Schwarz
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Tsatsos, Dimitris Th. (Hrsg.)
Die Unionsgrundordnung
- Handbuch zur Europäischen Verfassung -
2010, 679 S., geb, 79,00 Euro, 978-3-8305-1757-3
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